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The Angels’ Comeback
A Retrospect at the Turn of the Millenium
UWE WOLFF

 

 

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Rainer Maria Rilke sagt in den "Duineser Elegien":


"Aber Lebendige machen alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.

Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter

Lebenden gehn oder Toten."

 

 

 


Und er gibt auch einen klugen Ratschlag für ein angemessenes Verhalten gegenüber der Engelwelt, ein Hören bis zur Levitation - zum engelgleichem Schweben:

 

"Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur

Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf

aufhob vom Boden; sie aber knieten,

Unmögliche, weiter und achtetens nicht:

so waren sie hörend."

 

 

 

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Ende der Achtziger Jahre unterrichtete ich als junger Lehrer am Andreanum in Hildesheim. Der Schulleiter Kurt Gieseking war mir wohlgesinnt. Doch eines Tages bat er mich zu einem Gespräch ins Rektorat und fragte besorgt, ob ich jetzt „abhebe“? Er habe gehört, dass ich im Religionsunterricht über Engel spreche. Ich konnte ihn beruhigen, indem ich die biblischen Texte nannte, die ich mit den Schülern und Schülerinnen las: Die Geschichte von den drei Engeln, die Abraham und Sarah besuchten und die Geburt eines Kindes ankündigten. Jakobs Traum von der Himmelsleiter und seinen Kampf mit dem Engel am Jabbok. Die Legende von Tobit und dem Engel Raphael. Dazu Engel-Gedichte Rainer Maria Rilkes.

 

Lehrer und Eltern stehen vor der Aufgabe, den Brückenschlag zwischen Tradition und Gegenwart zu leisten, damit das anvertraute kulturelle Erbe durch die Generationen weiter wirkt. Auf der Suche nach glaubwürdigen Dokumenten der Gotteserfahrung entdeckte ich die klassischen Texte der Bibel. Sie erzählen anschaulich von religiösen Schlüsselerfahrungen. Im Umgang mit diesen Engelsgeschichten merkte ich, dass sie eine eigentümliche Wirkung entfalteten, einen Zauber, eine Schwingung, so als schrieben sich die Berichte aus alter Zeit in die Herzen der jungen Menschen hinein. Damals war ich auch freier Mitarbeiter verschiedener Zeitungen. Ich besprach viele belletristische Neuerscheinungen und Autobiographien. Dabei fiel mir die verstärkte Rede von Engeln im modernen Roman und in der Lyrik auf. Viele Autobiographien begannen mit der Schilderung von Engelserfahrungen. 

  


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Mein Interesse war aber nicht nur wissenschaftlich; es wuchs, weil ich unter der spirituellen Leere vieler Gottesdienste litt. Es führte auch zur bewussten Begegnung mit meiner eigenen Lebensgeschichte und der Wiederentdeckung jener Gebete und Lieder, die ich durch meine Mutter kennengelernt hatte und die ich nun an meine drei Kinder weitergab: Das von Johannes Brahms vertonte Gebet „Guten Abend, gut’ Nacht, von Englein bewacht“ oder Engelbert Humperdincks Vertonung von „Abends, wenn ich schlafen geh’, vierzehn Englein um mich stehn“. Die Wirklichkeit der Engel erschließt sich in Gesang und Gebet. Das ist keine beiläufige Erfahrung, sondern berührt den Kern.

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Ich wohnte damals in einem dreihundert Jahre alten Fachwerkhaus in einem kleinen Dorf unter Bauern und Handwerkern. Draußen im Garten spielten die Kinder mit den Kaninchen. Durch die niedrigen Fenster sahen sie mich am Schreibtisch sitzen. Die Nachbarskinder wunderten sich, warum ich die Stunden des Nachmittages, wo ihre Väter auf den Feldern oder in der Werkstatt arbeiteten, am Schreibtisch verbrachte. Sie fragten meinen Sohn Jaakob: „Warum arbeitet dein Vater nicht?“ „Er arbeitet am Schreibtisch“, sagte der Vierjährige und präzisierte: „Mein Vater ist nämlich Engelforscher!“

 

Dieses Wort blieb nicht ohne Wirkung. Eines Tages bestellte mich mein Schulleiter erneut zu einem persönlichen Gespräch ins Rektorat. Ich weiß nicht, wie die Nachricht von der Existenz eines Engelforschers die Synode der EKD (Evangelischen Kirche Deutschlands) erreicht hatte, aber ein Synodaler, der als Ministerialdirigent die Schulaufsicht über das Fach „Religionsunterricht“ führte, hatte meinen Schulleiter zur Seite genommen und um Auskunft gebeten. Dieser erzählte von den Engelsgeschichten der Bibel, die ich im Unterricht behandelte. Dagegen war nichts einzuwenden. „Aber“, sagte Herr Bade kopfschüttelnd, „wie kann sich ein gebildeter Mann nur Engelforscher nennen?“

Aus kindlichem Mund klingt das Wort „Engelforscher“ vielleicht amüsant, dem aufgeklärten Lutheraner aber war es suspekt. „Engel“ und „Forschung“ scheinen so wenig zueinander zu passen wie Feuer und Wasser. Wer braucht schon Beweise, wenn er an Engel glaubt? Und wer braucht Engel, wenn er sich nur an das Beweisbare hält? Ich konnte die Irritation des Mannes verstehen. Deshalb schrieb ich ihm ein paar freundliche Zeilen und erzählte, dass die Engelforschung, griechisch Angelologie, über Jahrhunderte zu den Aufgaben der Dogmatik gehörte. Einer ihrer bedeutenden Vertreter war der Dominikaner Thomas von Aquin.

 


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Eine  Antwort habe ich nie erhalten. Aber als ich ein Jahrzehnt später die Schule wechselte, gehörte es bereits zum guten Brauch, die jungen Menschen mit dem Geschenk eines Schutzengels aus Bronze ins Leben zu entlassen.

 

Thomas von Aquin wird zwar „doctor angelicus“ genannt. Er ist aber keineswegs der Begründer der Engelforschung oder Angelologie. Diese geht zurück auf einen Mann, der aus demütiger Gesinnung vollständig hinter seinem Werk zurücktrat. Wir wissen nichts über Dionysios von Areopagita, der im 6. Jahrhundert das wichtigste Werk der frühen Kirchengeschichte geschrieben hat, das neben der Bibel grundlegend für das Selbstverständnis der Kirche und des Priestertums wurde. Es trägt den Titel: „Über die himmlische Hierarchie“. Dionysios von Areopagita ist der Begründer der Engelforschung. Er systematisierte die in der Bibel verstreuten Notizen über das Wesen und Wirken der Engel. Mit seiner Vorstellung von neun himmlischen Chören der Engel schuf er ein Symbol der stufenweisen Annäherung (Mystagogie) an das Geheimnis des unergründlichen Gottes. Damit verknüpfte er Engellehre und Anthropologie. Beide, Engel und Mensch, stehen in einer heiligen Ordnung (Hierarchie), in der alles Geschaffene seinen sinnvollen Platz hat. Für Dionysios von Areopagita war die Welt wunderbar im Ganzen – Kosmos, nicht Chaos. Dieser therapeutische  Gedanke einer verlässlichen Ordnung in der sichtbaren und unsichtbaren Welt fand Ausdruck im Lobpreis Gottes. In der Liturgie, besonders den Engelgesängen des Gloria und des Sanctus, soll diese Einheit der Schöpfung als Herrlichkeit, Schönheit und Liebe erfahrbar werden.

 

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Benedikt von Nursia hatte in diesem Sinne vom Engelleben der Mönche gesprochen. Es gibt im Abendland keine größere kulturelle Kontinuität als den nie verstummenden Lobgesang in den Klöstern. 

 

Dionysios’ Engellehre hat die großen Visionen der Hildegard von Bingen ebenso beeinflusst wie Bachs „Messe in h-moll“, die Konzeption der „Duineser Elegien“ Rainer Maria Rilkes und das „Hallelujah“ Leonard Cohens. Engelforschung ist also eine theologische Ästhetik. Sie sammelt, sichtet und ordnet Erfahrung des Heiligen und der Herrlichkeit in allen Bereichen der Kultur. Ihr Blick richtet sich über die Grenzen der christlichen Konfessionen und der Weltreligionen hinaus auf jene Ökumene des glaubenden Herzens, die den Kern der Engellehre des  Dionysios von Areopagita bildet. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts wissen, dass wir die Welt als Einheit denken müssen, wenn wir überleben wollen. In allen Fragen der Umwelt, der Erziehung, der Wirtschaft, der Finanzen, der Politik und der Technik bedarf es der Mittler, die den Blick aufs Ganze richten. Die Chöre der Engel sind das Bild einer Einheit in der Vielzahl der Stimmen.

 

Engelforschung ist zugleich Biographieforschung. Das zeigen exemplarisch die Texte dieser Anthologie. Wo vom Engel die Rede ist, geht es um Schlüsselerlebnisse des gelebten Lebens. An ihnen wird ablesbar, was ein Mensch erfahren und geglaubt hat. Wer den Spuren der Engel im Lebenslauf nachgeht, kommt mit einer geheimnisvollen und im letzten unergründlichen Tiefenschicht in Berührung. Es ist die Erfahrung, dass neben unserer willentlichen Gestaltung, neben dem genetischen Erbe und aller Prägung durch Zeit und Umwelt, ein Unverfügbares in unserem Lebenslauf wirkt. Engelforschung zeigt, wie Menschen die unterschiedlichen Fügungen, Anfechtungen und Momente des Gelingens nicht als blindes Schicksal und Zufall, sondern als Geschick, Führung und Sendung angenommen haben.

 

 

 

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