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Walter Nigg – Vater der Ökumene der glaubenden Herzen

 

„Ich meine es ganz schlicht:
Wenn man von den Heiligen redet,
dann redet man nicht von den Toten.
Sie leben. Sie sind mit uns unterwegs,
und sie wirken in unser Dasein hinein.“
Walter Nigg

 

Walter Nigg am Strand

 

 

Von Nachhaltigkeit kann keine Rede sein: Das groß angekündigte Reformationsjubiläum wird die Ökumene nicht mit frischem Wind beleben. Wir erleben den Tiefstand der religiösen Kultur und einen Verlust an Bildung in allen Bereichen der Kirche. Trotz Religionsunterricht und kirchlicher Jugendarbeit hat die Kenntnis grundlegender biblischer Texte, Kirchenlieder und Gebete eine dramatische Schwundstufe erreicht. Im Zeitalter der interkulturellen und interreligiösen Begegnungen steht das Land der Reformation sprachlos dar. Wir haben buchstäblich nichts mehr zu sagen und werden deshalb als Gesprächspartner schon lange nicht mehr ernst genommen. Wir haben unsere Ressourcen verschwendet.

 

Hier geht es nicht um Polemik gegen die EKD, aus der heraus der personifizierte Zeitgeist zur „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ gewählt worden ist. Die Lage ist viel zu ernst. Die lange Zeit vermeintlicher Reformen ist längst vorbei. Geblieben ist nicht einmal mehr Erschöpfung und auch kein Gefühl von Verlust. Aus den Klöstern sind schreibende Mönche hervorgetreten. Geradezu inflationär ist die Flut ihrer Bücher. Wer braucht jedes Jahr 20 neue Buchtitel von Pater Anselm? Die wenigen Mönche und Nonnen in unseren Klöstern sind hoffnungslos überaltert. Wo bleibt der Nachwuchs?

 

Hier ist nicht die Rede von einer Krise der Kirchen. Deshalb geht es auch nicht um eine Erinnerung an die bekannte Forderung von der ständigen Erneuerung der Kirche. Der Endpunkt ist schon lange erreicht und oft beschrieben worden.

 

„Ich habe mein Leben im Dienst der Kirche zugebracht. Wenn ich aber heute an einem Gottesdienst teilnehme, gehe ich mehr oder weniger traurig nach Hause. Die Kirche hat ihr Thema verloren und versucht sich weltklug der gegenwärtigen Situation anzupassen“, schrieb Walter Nigg (1903-1988) am 9. April 1985 an Axel Springer. Der Schweizer Seelsorger und Mystiker setzte gegen diese Erfahrung der Leere eine Wiederentdeckung der Engel und Heiligen. Seine spirituellen Bücher wurden für sehr viele Menschen zu einer großen Hilfe, weil sie den Blick auf die Mitte des Glaubens wieder freilegten. Unter seinen Büchern ragen zwei heraus, die zu den bedeutendsten spirituellen Werken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts  gehören: „Große Heilige“ (1946) und „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ (1978). 

 

Es gibt im Leben Tage, da verdunkelt sich der Horizont. Das war nicht nur die Erfahrung Walter Niggs. Wo gestern noch ein Weg über die Berge führte, verwehrt heute eine Lawine von Geröll das Weiterkommen. Die Zeiten haben sich radikal verändert, und schnelle Lösungen sind nicht in Sicht. Wir sind in einer Zeit des Wohlstandes groß geworden und dachten, die Vorräte der Mutter Erde seien unerschöpflich. Wir waren voller Zuversicht und glaubten an die Macht des guten Willens und der liebevollen Erziehung. Jetzt erleben wir die Grenzen der Integration und Inklusion. Wir glaubten an die Umschmiedung der Schwerter zu Flugscharen und an das kommende Reich des Friedens unter den Völkern und Religionen und an die Gerechtigkeit und sehen kein Ende der Gewalt. Nun stehen wir vor Herausforderungen einer neuen Zeit, ohne den Weg zu kennen und den Schlüssel zum Tor der Zukunft in den Händen zu halten.

 

Wo sind in dieser Stunde die Weisen - Menschen mit Durchblick, spirituelle Führer, Vorbilder? Es gibt sie, wie es sie immer gegeben hat. Einer dieser Menschheitslehrer ist der Mystiker, Seelsorger und Schriftsteller Walter Nigg. Er hätte sich wie sein Vorbild Gerhard Tersteegen mit entschiedener Freundlichkeit dagegen gewehrt, in dieser Weise hervorgehoben zu werden. Das macht ihn für mich authentisch. Walter Nigg war ein ernsthafter Seelsorger, der sich nicht von den Tagesmoden blenden ließ. Er war, was wir gerne wären: Ein Mensch mit Substanz. Ein Mensch, der aus der Mitte lebt. 

 

 

Ich lernte Walter Niggs sehr umfangreiches Werk über das Leben der Mystiker und Heiligen, der Künstler und Dichter in einer Situation der Suche nach Orientierung kennen. Selbst noch ein junger Mann, stand ich vor der Aufgabe als Leiter eines pädagogischen Seminars angehenden Lehrerinnen und Lehren die Kunst der Unterrichtens zu vermitteln. Mit welchen geistigen Werten sollen unsere Schülerinnen und Schüler aufwachsen? Welche Vorbilder helfen ihnen, einen Weg zu sich selbst und zu den Menschen zu finden? Was muss man wissen, um sich in der Welt der abendländischen Geschichte zurechtzufinden? Was glauben die Christen? Was glauben Juden, Muslime, Buddhisten und Hinduisten? Wie lese ich die Bibel und jene großen Autoren in Russland und Deutschland, die sich von ihr inspirieren ließen? Wie gelingt der Dialog zwischen den Religionen und Konfessionen? Bei Walter Nigg fand ich Antwort auf diese Fragen.

 

Bei Walter Nigg entdeckte ich auch die Welt der Engel wieder. Nigg gehört zu den großen Engelforschern (Angelologen), die die zeitlose Botschaft der Engel in ihrer Lebenszeit zur Sprache bringen. Damals wie heute bedrohte der Terrorismus den Geist der Freiheit und Toleranz und versuchte uralte Kulturgüter der Menschheit zu vernichten. Als Mitte der Siebziger Jahre der Terrorismus der Baader-Meinhof-Gruppe Angst und Schrecken verbreitete, schrieb Walter Nigg sein berühmtes Buch „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir…“

 

Wenn sich der Horizont verdunkelt, dann füllt sich der Markt mit Besserwissern. Das große Geschrei ertönt. Sie preisen neue Wege, sie verteilen neue Rezepte und versprechen rasche Lösungen. Andere wagen nur noch hinter vorgehaltener Hand zu sprechen.

 

Der Mystiker geht einen anderen Weg. Er zeigt den stillen Weg nach Innen, zu jener Mitte, in der alten Wahrheiten leuchten, die in jeder Generation neu entdeckt werden wollen. Walter Nigg war ein Lehrer der großen Stille. 

 

Wir brauchen Schriftsteller mit spiritueller Substanz, die aus der eigenen Erfahrung der großen Stille schreiben und dabei nicht nur um sich selbst kreisen, sondern uns den Blick auf jene Lichterketten des inneren Lebens weisen, der unserem Leben Sinn und Ausrichtung schenkt. Walter Nigg schrieb aus der großen Stille seines Herzens. Er hatte die Ökumene der glaubenden Herzens erfahren. Hier spielen Konfessionen und Religionen keine Rolle mehr. Hier ist die mystische Einheit bereits vorzogen. Hier ist die Fülle des Lebens.

 

Aus dieser Mitte floss Walter Nigg die Kraft zu einer Seelsorge, die vielen Menschen in schwierigsten Situationen Lebens- und Glaubenshilfe wurde. Als Scheikh oder Zaddik werden Seelsorger wie er im Islam und Judentum verehrt.

 

Dieses Buch erzählt von den Erfahrungen eines großartigen Menschen. Walter Nigg hat ein schweres und gesegnetes Leben gehabt. Von ihm erzählen, heisst einen Weg von Licht, Leben und Liebe zu zeigen, der ermunternd und ermutigend ist nicht nur für die Kirche des 21. Jahrhunderts, sondern die Ökumene des glaubenden Herzens.

 

 


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Eine Besprechung der Erstauflage findet sich unter:

 https://www.nzz.ch/engel-moenche-und-mystiker-1.4030572

Walter Nigg am Strand