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Tobit: Ein Hund spricht Klartext

 

 

 

 


Tobit spricht Klartext

 

 

 

 

 

 

Inklusion: 

Warum ich nicht mehr mitmache

 

Wenn ich einen Hund um die Ecke kommen sehe, habe ich zugleich das Bild seines Menschen vor Augen. Ich will hier nicht über die Möpsin sprechen, die jeden Morgen ihre Dame zur Hundewiese ausführt. Die Farbe ihres Kamelhaarmantels passt gut zu dem Geschäft, das die Möpsin neben der Litfasssäule erledigt. Wenig später kommt Opa Ben, ein achtzehn Jahre alter Cocker zu dieser Stelle. Sein schwarzes Fell ist im Laufe der Jahre fast grau geworden. Zwei Schlaganfälle hat er überstanden. Er hinkt und macht beim Gehen merkwürdige spastische Verrenkungen. Daher nennt ihn Doggy „Joe Cockerspaniel“. Der Witzbold. Wer kennt heute noch Joe Cocker und versteht die Anspielung? 

 

Ben ist fast blind, hat  Inkontinenzprobleme und ist dennoch ein großer Schnüffelo geblieben. Doggy meint, das sei typisch für alte Rock-Stars wie Mick Jagger und Keith Richards. Ich finde, auch mit Rock-Opas sollte man respektvoll umgehen. Deshalb halte ich still, wenn Ben mich beschnuppert. Soll er doch auch noch seine Freude am Leben haben. Wenn Opa Ben seine Mitbewohnerin Ulrike ausführt, wird es ein sehr kurzer Gang. Ulrike grüsst freundlich und fragt immer nach dem Wohlbefinden, will aber außer „gut“ keine Antwort hören. Wenn Werner von Opa Ben ausgeführt wird, kommt es immer zu einer Plauderei. Werner ist in Rente. Er freut sich über Bens Engagement in geschlechtlichen Dingen. 18 Jahre, sagt er zu Doggy, seien 126 Menschenjahre und grinst. „Hoffentlich sind wir dann auch noch aktiv!“ 

 

Szenen wie diese spielen sich vor meinem Haus ab. Von Haus Sonnenschein sind es 50 Meter bis zum Wald. Das ist keine große Entfernung. Dennoch ist  es fast unmöglich, ohne Störung auf Schnüffeltour zu gehen. Da ist zum Beispiel Spike. Ein kleiner Jack-Russell und ein großer Kläffer. Sein Kumpel ist noch nerviger. Macht gerne Angriffe und will sich in meinen Hals verbeißen, als wäre ich ein Dachs oder Fuchs. Er ist unterbeschäftigt wie auch die Border Collies. Wer einen Borderliner hat, der braucht auch eine Schafherde. Anders geht es nicht. Und wer einen Jack-Russell hat, sollte wenigstens einen Fuchsbau in seinem Garten anlegen und dort Köder verstecken. Gegen unterbeschäftigte Hunde hilft nur eine klare Abgrenzung, wie sie auch von Psychologen empfohlen wird. Golden Retriever sind bekanntlich auf Entenjagd spezialisiert. Das muss uns keiner beibringen. Das haben wir im Blut. 

 

So habe ich den Kerl wie eine Ente im Nacken gegriffen und geschüttelt, bis er zur Besinnung kam. Das mache ich auch mit meinen Kuscheltieren, wenn sie frech werden und nicht stinken wie der China-Barry. Spikes Kumpel gehört der Freundin seines Menschen. Die beiden haben ein Dominanzproblem in der Beziehung und dies habe sich auf die Hunde übertragen, sagt die Tierheilpraktikerin Heike. Sie war Zeugin des Angriffs und meinte, ich hätte mich vollkommen artgerecht verhalten. Ja klar, was denn sonst? Ein echter Chiller macht nie Stress, wenn man ihm nicht an die Gurgel geht. Aber der kleine Pisser wollte es wissen, und so musste ich Klartext reden. Spike kläfft nur, beisst aber nicht zu.

 

Spikes Mensch spricht von sich in der dritten Person. Ob dies etwas mit seiner Beziehung zu seiner Freundin zu tun hat, will ich gar nicht wissen. Wenn er bei Undine anruft, sagt er: 

 

„Hallo, hier spricht der Papa von Spike!“ 

 

Wenn Doggy den Hörer abnimmt, was er meistens als erster macht, weil er einen Kontrollzwang hat, sagt der Mann: 

 

„Hallo, hier ist Spike. Ich möchte mal die Mama von Tobit sprechen!“ 

 

Das hat sich Doggy zwei Mal angehört, dann war Schluß mit dem Theater. Doggy meint, der Papa von Spike sei nur auf Undine scharf. Er ließ sich auch nicht durch seinen Freund Heimo beruhigen. Heimo meinte am Telephon, Doggy müsse sich keine Sorgen machen. Der Herr Spike sei nur ein Hund, der mal an der Blume schnuppern dürfe. 

 

Aber Doggy blieb misstrauisch, was ich voll verstehen kann. Alle sind scharf auf Undine. Ich spüre es bei unseren Schnüffeltouren. Da kommen fremde Kerle auf mich zu und streicheln mich, sind dabei aber ganz unkonzentriert. Daran merke ich, dass es nicht um mich geht. Sie sagen: 

 

„Das ist aber ein schöner Hund! Und so weiches Fell!“ 

 

Dabei schauen sie Undine an. Sie wissen genau: der Weg zum Herzen dieser Frau geht über mich. Doggy hat das auch schnell kapiert und betont immer wieder, wie glücklich er sei, seitdem ich in Haus Sonnenschein eingezogen bin. Der Heuchler! 

 

Papa Spike ist Gründer der Inklusions-Gruppe „Am Horstbach e.V.“ Die Mitglieder treffen sich jeden Nachmittag um 17.00 Uhr genau an der Stelle, wo ich in den Wald gehe. Hier sammeln sich die Hunde aus der Nachbarschaft mit ihren Menschen und gehen dann in Einzelbetreuung angeleint los. Ohne Leine und individuelle Lernförderung würden sie sich sofort ineinander verkeilen. Zur Inklusions-Gruppe von Papa Spike gehören auch zwei Hunde mit Handikap und drei mit Lern- bzw. Konzentrationsstörungen. Papa Spike beginnt den Unterrichtsgang gerne mit einem meditativen Spruch wie: 

 

„Es ist normal, verschieden zu sein!“ 

 

oder 

 

„Vielfalt macht stark!“

 

Papa Spike ist Frühpensionär. Früher war er pädagogischer Leiter an einem Studienseminar und Lehrer an einer Gesamtschule. Unter seiner Mitarbeit wurde die Anstalt mehrfach ausgezeichnet als UNESCO-Projektschule, Umweltschule, EXPO-Schule und schließlich erhielt sie den Deutschen Schulpreis. Dann bekam Papa Spike einen Nervenzusammenbruch und gründete die Inklusions-Gruppe. Er hat sogar einen Flyer mit dem Profil und den Lernzielen der Gruppe „Hundinklusio e. V.“ herausgegeben. Die Gruppe engagiere sich für Wertschätzung und Anerkennung von Diversität in der Hundeerziehung, ist dort zu lesen. Ich habe nicht das ganze Programm im Kopf, aber an zwei Sätze erinnere ich mich : 

 

„Jeder Hund ist besonders!“ 

 

„Alle sind behindert!“ 

 

Der letzte Satz ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Er will helfen, Vorurteile gegenüber Hunden mit einem Handicap abzubauen. Laut Vereinsregeln kann jeder Hund ungeachtet seiner Herkunft, seiner Rasse, seines Geschlechtes und seines Bildungsniveaus aufgenommen werden. Besonders willkommen sind Hunde mit Migrations-Hintergrund. Denn auch hier, meint der Gründer, gelte es Vorurteile abzubauen.

 

Der Mops gehört nicht zur Inklusions-Gruppe. Möpse verbringen die meiste Zeit ihres Lebens auf dem Sofa. Darin gleichen sie den Mönchen, die auch nicht ihren angestammten Ort wechseln sollen. Der alte Ben ist nicht mehr belastbar. Oben am Waldrand wohnt Charly mit seinem Menschen. Charly ist zur Zeit noch ein Grenzfall der Integration. Deshalb nimmt er an den Unterrichtsgängen nicht teil. Zu den Mitgliedern der Inklusions-Gruppe gehört ein Dalmatiner-Mix aus Rumänien. Der springt über die Mauer und pisst in meinen Garten. Ich kenne seinen Namen nicht und will ihn auch nicht kennenlernen. Seine Mitbewohner sind junge Leute mit einem Kleinkind. Wenn es schreit, dann schreien auch sie, bis es schweigt. Dann lachen sie gemeinsam.  Die anderen Nachbarn ließen sich aus Spanien eine Hündin kommen. Sie heißt Dulcinea von Tabasco und ist ein niedlicher Mischling aus Zwergpinscher und afghanischem Windhund. Oben am Berg wohnt Socke. Namen verraten fiel über den Hund und seinen Menschen. Ein Nachbar hieß Tyson, Schäferhundmix. Ein übler Bursche. Stets auf Angriff gepolt. Kein Wunder bei dem Namen! Socke ist eine Mischung aus Amercian Staffordshire-Terrier und acht weiteren Rassen. Ein wilder Gen-Mix. Als er noch ein Welpe war, spielten wir lustig zusammen. Jetzt ist er unberechenbar geworden. Heute ein astreiner Kumpel, morgen eine Killerbestie. 

 

Gut. Die Grenzen in der EU sind aufgehoben worden. Hunde und Menschen haben Reisefreiheit. Wer aber kümmert sich um die Migranten? Papa Spike ist wirklich der letzte, der etwas gegen Ausländer hat. Er meint, wer die Migration wolle, der müsse auch für Integration und Inklusion sorgen. Hunde aus den Randstaaten Europas seien in der Regel auf der Straße groß geworden. In deutschen Familien bekommen sie zuerst einmal einen Kulturschock und Dominanzprobleme. Denn auf den Straßen von Bilbao und Belgrad, von Salamanca und Sofia regiere das Recht des Stärkeren. In Deutschland gelten dagegen auch in der Hundeerziehung die Prinzipien der europäischen Aufklärung. Ich finde diesen pädagogischen Anspruch etwas übertrieben und wäre schon zufrieden, wenn Socke, der rumänische Dalmatiner und auch die schnuckelige Dulcinea ihr Geschäft nicht mitten auf der Straße erledigen. Das ist in Deutschland nicht üblich. In der Schweiz gibt es sogar an den Wanderwegen Säcklis fürs Geschäft. Wer will schon einen Heublumenkäse essen, wenn sich vorher ein Hund in der Blumenwiese erleichtert hat? Gewiss gibt es für das Verhalten der Hunde mit Migrationshintergrund Gründe, die in frühen Traumatisierungen oder der Zwingerhaltung zu suchen sind. Aber Hilfe anbieten sollte nur, wer auch helfen kann. Viele Menschen überschätzen die erzieherischen Anforderungen bei der Inklusion. Doch auch reinrassige deutsche Züchtungen können sich grenzwertig entwickeln und bedürfen dann der Hilfe von außen.

 

Zum Beispiel Louis, unser direkter Nachbar. Ich nenne ihn Louis, der Grausame, nach einer Romanfigur von Hermann Hesse. Louis hat vor niemandem Respekt. Doggy sagt immer, Louis sei unverschämt und nicht erzogen. Selbst wenn er recht hätte: Wem nützen Pauschalurteile? Vier Angehörige, drei Hundetrainer, zwei Hundetherapeuten haben sich an Louis’ Erziehung versucht. Am Ende wurde sein Verhalten nur noch krasser. Selbst die Einzelstunden mit seiner Tiertrainerin bewirken nichts. Louis ist so ein typischer ADHS-Hund: Steht ständig unter Strom, hüpft wie ein Flummi an Menschen hoch, flitzt torpedogleich auf mich zu und springt ohne Vorwarnung voll in meine Rippen. ADHS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Papa Spike sagt, ADHS sei die häufigste Verhaltensstörung bei Kindern und Jugendlichen. Bei Hunden spreche die Wissenschaft von attention deficit disorder. Um Louis besser in die Gruppe zu integrieren, hat er das multifunktionell bedingte Störungsbild erläutert.  Louis ist ein Bearded Collie. Bei dieser Rasse gebe es eine erbliche Disposition für ADHS.

 

Für mich sind Bearded Collies Hunde ohne Durchblick. Sie haben langes grauweißes Fell, das ihnen über die Augen wächst. Wahrscheinlich sind Bearded Collies daran schuld, dass der Hund unter den Muslimen als unrein gilt. Louis ist immer schmutzig. Sein Bart hängt voll braunem Sabber. Das Fell ist ein ideales Feld für Insektenforscher. Bei Hunden wie Louis stellt sich die Grundfrage aller Erziehung: Was ist hier falsch gelaufen? Wir leben in einem Zeitalter, wo Erziehung immer anspruchsvoller wird. Kinder werden zu Tyrannen, heißt es. Aber warum? Undine ist Lehrerin. Wenn sie eine neue fünfte Klasse mit 30 Schülerinnen und Schülern übernimmt, bekommt sie mindestens 10 Akten mit psychologischen oder ärztlichen Gutachten über die Sonderfälle. Dazu kommen noch drei Schüler, die inkludiert werden sollen. Für Louis ist die Inklusions-Gruppe der letzte Rettungsanker gewesen. 

 

Was wurde an dem armen Kerl herumgedoktert! Zuerst wurde seine Zahnstellung untersucht. Doch hier konnte die Ursache seines überaktiven Verhaltens nicht gefunden werden. Dann ging es zum Hundepsychologen. Louis bellt ständig. Besonders in der Nacht meldet er jeden Spaziergänger. Hunde, die in der Gegenwart ihres Menschen bellen, haben ein Dominanzproblem. Ein gelassener Hund bellt nicht. Louis’ Verhalten war offensichtlich angstbesetzt. Ihm fehlte das Urvertrauen. Das konnte der Tierpsychologe eindeutig feststellen. Ich habe lange genug bei Sigmund Freud gelebt und kenne den Unterschied zwischen Diagnose und Therapie. Die Diagnose lag auf der Hand. Nur wie konnte Louis therapiert werden und Urvertrauen entwickeln? Schwierig, schwierig. Vielleicht war die Diagnose sogar falsch? Vielleicht war Louis hyperaktiv, weil er einen nervösen Magen hatte? Also gab es für ihn Spielverbot, Stöckchenverbot, denn ein Holzsplitter im Leib, könnten die Unruhe potenzieren. 

 

Eine homöopathische Tierärztin vermutete, dass Louis eine Futtermittel-Allergie entwickelt habe. Louis fraß in Zukunft nur das Hundefutter, das die Tierärztin vertrieb. Die Unruhezustände blieben. Wenn es am Futter nicht lag, auch nicht an der Hundedecke oder dem Teppichboden, dann konnte die Allergie vielleicht eine pränatale Ursache haben, meinte die Tierärztin. In der Tat konnte durch Rückfragen mit der Züchterin geklärt werden, dass Louis’ Mutter ein Lager auf frisch geerbten Schaffellen bereitet worden war. Hier kamen Louis und seine Geschwister zur Welt. Manche Ursachen für ein merkwürdiges Verhalten werden wohl nie endgültig zu klären sein. Ob es nun eine Schaffellallergie war, die Louis in Raserei versetzte, oder ob er einfach eine konsequente Erziehung gebraucht hätte, um wesensfest zu werden, ist nie geklärt worden. Schließlich nahm man Louis, wie er ist. Wenn er an Doggy hochsprang und mit seinen schmutzigen Tatzen gegen seinen Mantel trommelte oder mir in den Unterleib rammte, so hieß es, das sei reine Lebensfreude. 

 

Undine und ich waren nur kurze Zeit Mitglieder der Inklusions-Gruppe. Dann legte Doggy ein entschiedenes Veto ein. Er sitzt halt am längeren Hebel, weil er mich die meiste Zeit des Tages betreut. Es war die Schaffellallergie, die das Fass zum Überlaufen brachte. Bei der Balgerei in der Gruppe hatte mich jemand in den Po gebissen. Ein Kratzer, der nicht beachtet wurde. Nachts auf meinem Lager leckte ich die kleine Wunde und weil sie etwas juckte, kratze ich heftig. Am Morgen war die Stelle blutig und Undine besorgt. Doggy meinte, die Wunde heile von selbst. Das war nicht der Fall. So fuhr Undine mit mir zum Tierarzt. Der rasierte mir die Arschbacke und gab Undine eine Seifenlauge zur täglichen Waschung der Wunde und mir ein Antibioticum. Kaum war die Wunde verschorft, kratze ich sie mir wieder auf. So folgte ein Besuch beim Tierarzt dem nächsten. Man gab mir Halskrausen, damit ich mich nicht weiter kratze. Den Mechanismus habe ich mit Leichtigkeit ausgetrixt. 

 

Dann sah Undine in der Praxis einen Artikel über Fuchsräude und ich wurde auf Fuchsräude untersucht. Schließlich war Undine so genervt, dass sie den Tierarzt wechselte. Der alte Doktor war auch wirklich ein Trottel. So ein frisch verliebter Typ um die 50, der für seine junge Geliebte noch einmal auf jugendlich macht. Er hat bis zum Schluss nicht kapiert, dass ich ein Rüde bin und sprach immer von „die süße Tobit“. Gut, der neue Arzt untersuche mein Blut, auch im Blick auf eine mögliche Schilddrüsenüberfunktion, und fand schließlich heraus, dass ich kerngesund bin – ausgenommen ein leicht erhöhter Colesterinwert. Den hat Doggy auch. Wir futtern abends immer gemeinsam Käse und Brot. Er trinkt dazu Wein. Ich nicht. Der ganze Spaß hatte schließlich 750 Euro gekostet. Undine meinte, ihr sei das Geld die Sache wert gewesen. Schließlich wisse sie jetzt, dass ich gesund bin – mit einem kleinen Handicap. 

 

Doggy maulte wegen der Kosten, obwohl ich ihm keinen Cent wert war. Als Undine einige Tage später von der Inklusions-Gruppe nach Hause kam und von der Schaffellallergie erzählte, war Schluß. Doggy hatte nämlich bei einem Ausflug nach Gut Adolphshof ein ökologisch gegerbtes Schaffell gekauft, damit Undine beim Lesen immer einen warmen Po hat. Da ich stets neben Undine liege, könnte es durchaus sein, dass auch ich wie Louis eine Schaffellallergie entwickelt habe, meinte Papa Spike. Ich bin in der Tat kerngesund und habe gewiss keine Schaffellallergie. Da hat Doggy schon recht. Aber die Art, wie er mit Undines Sorgen umgeht, finde ich wenig souverän. Eine leichte seelische Störung, eine allergische Empfindsamkeit oder eine gewisse Verhaltensauffälligkeit gehören heute einfach dazu. Wir leben nicht mehr in der Nachkriegszeit. Dennoch bin ich Doggy dankbar, dass er so einen Aufstand machte. Denn eigentlich wollte ich mich nie inkludieren lassen. Ich habe eben auch meine Prägungen und ein Recht auf mein Anderssein.

 

Als ich noch der Spitz Bambilo war, gab es keine Hundegruppen. Morgens wurde die Haustür geöffnet, und wir Hunde sprangen auf die Straße, wo wir bis zum Abend herumstreunerten wie die Kinder. Auch sie verbrachten den Nachmittag an der frischen Luft. Rangordnungen kämpften wir untereinander aus. Manchmal nahm sich jemand Zeit und warf ein Stöckchen. Das war’s dann schon. Hundebespaßung gab es nicht und Agility-Training erhielten nur Polizei-, Blinden-, Zoll- und Rettungshunde. Das Leben für uns Hunde, so muss ich rückblickend sagen,  war einfach entspannter und gesünder.  Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals beim Tierarzt gewesen bin. Zum Tierarzt wurden wir nur gebracht, wenn wir eingeschläfert werden sollten. 

 

Gut, ich will nicht die Fünfziger Jahre glorifizieren. Ich wohnte damals bei Oma Selma. Einmal im Monat wusch sie mein weißes Fell mit Waschpulver. Das fand ich gar nicht lustig. Doch war Widerstand zwecklos. Wie die Witwe Bolte ihren Spitz, so traktierte mich Oma Selma bei dem Versuch eines Widerstandes mit dem Stock. Die Ernährung war wenig abwechslungsreich. Jeden Tag gab es Reste zum Fressen. Wenn ich mal echt keinen Bock mehr auf Hühnersuppe mit Reis hatte und die Nahrungsaufnahme verweigerte, sagte sie: „Bambilo, nimm’s dir – oder ich geb’s dem Bobby!“  Bobby war der Dackel unseres Nachbarn. Der bellte und fletschte die Zähne, wenn ich mich dem Gartenzaun näherte. Oma Selma fand seine Aggressivität lustig und provozierte mich. Ich wusste, dass Bobby schon vor zwei Jahren gestorben war, aber die Erinnerung an ihn brachte mich zur Raserei. So schlabberte ich mir den Fraß samt Hühnerknochen in den Magen, sobald sie sagte: „Nimm’s dir – oder ich geb’s dem Bobby!“ Damals gab es in Deutschland noch  Hundefänger, die Hunde ohne Steuermarke einfingen und zu Futter verarbeiteten. Heute fangen Hundfänger in Portugal, Bulgarien oder Griechenland Hunde und verkaufen sie für viel Geld nach Deutschland. Die Zeiten ändern sich eben. Ein echter Chiller weiß das und bleibt cool.



 

 

Leben aus der Mitte:

Warum ich schussfest bin

 

 

 

 

Chillen

 

 

 

 

Unsere Zeugung war ein großes Fest.  Unsere Mutter Miriam wohnte bei Ilka und Fritz in Bodenburg. Ilka ist Künstlerin. Was er macht, weiß ich nicht. Ich denke Fritz macht, was Ilka will. Als Ilka das 40. Lebenjahr fröhlich durchschritten hatte, wollte sie Hobbyzüchterin werden. Zwar hatten ihre eigenen Kinder Schule und Ausbildung abgeschlossen, wollten aber noch keine Babys machen. So ließen sich Ilka und Fritz einige Rüden kommen. Irgendwo hatte Ilka gelesen, dass die Zeugung im alten Orient ein Festakt für die ganze Familie gewesen sei. Alle kamen aus nah und fern angereist. Sie tanzten, aßen und lachten drei Tage lang. Dann wurden Braut und Bräutigam in das Hochzeitszimmer geführt.

 

„Niemals!“, hatte Fritz gesagt. „Bei den Moslems herrschen strenge Sitten.“

 

Ilka sagte, sie spreche vom alten Orient und seinen Fruchtbarkeitskulten, den Göttinnen Astarte, Isis und Ischtar.

 

In der Endauswahl standen Kuno und Ingo Olly aus dem Münsterland. Ilka hat später auf ihrer Homepage „Golden Artist Garden“ einen total romantischen Bericht von meiner Zeugung gegeben. Ilka und Fritz plauderten mit den Gästen, während Miriam sich von Kuno und Ingo Olly beschnuppern ließ. Miriam entschied sich für Ingo Olly. Der fackelte nicht lange, ließ sich nicht durch die Zuschauer stören und vollzog seinen Deckeinsatz in Nullkommanichts. Bei Menschen wäre dieses Tempo ein ultimatives NO GO.

 

 

 

 

Geschwister

 

 

 

 

 

Fritz hat den Augenblick meiner Zeugung gefilmt, aber später nicht ins Netz gestellt. Erst als unser Rudel einige Wochen alt war, installierte er eine Webcam, sodass mögliche Käufer uns beobachten konnten. Damit wir richtig familienfreundlich werden, durften wir im Wohnzimmer bleiben. Fritz hatte eine große Plastikplane ausgebreitet, auf die wir nach Herzenslust pissen und kacken konnten. Er hat alles aufgewischt, während Ilka wie eine Wöchnerin auf der Couch lag, Gummibären in sich hineinstopfte und Fritz’ Pflegedienst zusah. Einmal am Tag ließ Fritz eine CD mit verschiedenen Geräuschen in voller Dröhnung laufen: Staubsaugergeräusche, Düsenjäger, Atomexplosionen, Verkehrsunfälle, Militärparaden, schreiende Kinder, einstürzende Neubauten – kein Geräusch dieser Welt war uns fremd, als wir zum ersten Mal unsere Käufer sahen. Meist kamen sie zur Fütterungszeit am späten Nachmittag. Fritz hatte etwa zehn kleine Blechnäpfe auf ein Brett montiert und in jeden Napf einen Löffel Bio-Quark mit Raps-Honig aus dem Harzvorland gegeben. Dann pfiff er, und durch dieses Signal wurde jeder aus dem tiefsten Schlaf oder der größten Balgerei gerissen und stürmte zu den Näpfen. Konditionierung nennt die Wissenschaft dieses Verfahren. Zuerst dachte ich, Fritz sei der Erfinder der Konditionierung. Wenn man jung ist, überschätzt man häufig die Kompetenz der Erwachsenen. Heute weiß ich, dass Iwan P. Pawlow schon vor über 100 Jahren auf diese Weise mit Hunden gearbeitet hat.

 

 

 

 

 

 

Ordnung muss sein

 

 

 

 

Dass ich ein großer Chiller wurde, verdanke ich auch ein wenig Fritz’ CD mit dem Höllenlärm. Chillen ist mein Wesen. Damit man uns unterscheiden konnte, hatte uns Fritz verschiedenfarbige Halsbänder umgelegt. Ich trug ein braunes. So konnte jeder mein Verhalten im Rudel genau studieren. Wenn einige rauften, sich balgten oder bissen, im Bällebad spielten oder durch den Kriechtunnel flitzten, saß ich still in der Ecke. Ich bin Pazifist und Kyniker. Pazifisten wollen Frieden schaffen ohne die Waffen des Gebisses, und Kyniker ziehen sich zurück, wenn andere Streit suchen. Das Wort „Kyniker“ bedeutet so viel wie „Hunde“. Der berühmteste Kyniker war Diogenes von Sinope, der Mann, der in einer Tonne lebte wie ein Hund in seiner Hütte.  Pazifisten sind politisch ausgerichtet, Kyniker philosophisch. Von meinem religiösen Standpunkt her, neige ich stark zum Buddhismus. Womit ich nicht sagen will, dass alles gut ist, was die Buddhisten machen. Aber bestimmte Techniken der Meditation und des Yoga entsprechen einfach meinem Wesen.

 

 

 

Stabilitas Loci

 

 

 

 

 

Ich kann stundenlang in der Versenkung bleiben. Hier nehme ich es mit jedem Roshi auf. Ein entspannter Hund ist schussfest. Blitz war leider nicht schussfest. Blitz ist ein Schäferhund, der bei der Münsteraner Polizei als Spürhund ausgebildet wurde und durch die Prüfung fiel. Ein astreiner Typ mit einer Nase wie ein Trüffelschwein, besonders wenn er am Flughafen Münster-Osnabrück in den Koffern der Damen die Dessous beschnüffeln durfte. Doch was nützt die beste Spürnase, wenn man nicht schussfest ist? Onkel Paul, der Mann von Tante Anneliese, hatte Mitleid mit Blitz und nahm ihn zu nach Hause. Aber Blitz wurde bissig und verbrachte den Rest seines Lebens im Zwinger. Blitz erlebte ein typisches Hundeschicksal, das leider von den Medien verschwiegen wurde. Heutzutage stehen die Schwätzer auf der Bühne und quatschen von Hundeerziehung. Mit Franks CD wäre Blitz kein Angsthase geworden. Ein Hund ohne Angst, hat auch keine große Schnauze.

 

 

 

 

 

Der größte Chiller

 

 

 

Ich bin schussfest wie Buddha. An Sylvester zum Beispiel bleibe ich immer allein zu Hause, weil meine Mitbewohner zu Doña Martina Tango tanzen gehen. Nebenan wohnt Louis. Der bellt immer wie blöd – auch ohne Hongkong-Kracher und Kanonenschläge. Ich bleibe entspannt, wenn es blitzt und donnert. Ich denke, wer Klartext reden will, der muss aus der Ruhe schreiben, nicht aufgeregt, nicht laut, nicht polemisch, sondern freundlich lächelnd wie der Dalai Lama die Wahrheit sagen. Der Dalai Lama ist auch schussfest, und Siddharta Goutama war es auch. Es gibt Bilder von dem Erleuchten. Sie zeigen Buddha, wie er seelenruhig in der Meditation verharrt, während brüllende Kinder um ihn toben. Da kann ich aus Erfahrung mitsprechen. Denn der Mann, mit dem ich in Haus Sonnenschein wohne, hat zwei kleine Enkelkinder. Die machen auch immer einen Höllenlärm. Also: Gelassenheit ist die Energie aus der Mitte. Wer gelassen ist, der ist auch schussfest. Uncolle Typen müssen immer die Schnauze aufmachen und bellen.

 

 

 

 

Erschöpfung

 

 

 

 

Mit meinem Blog engagiere ich mich für ein vertieftes Wissen über unser Wesen und unsere wahre Natur. So ist die Behauptung, wir hätten überempfindliche Ohren und vertrügen deshalb keinen Krach, ein klares Vorurteil. Wir können besser hören und riechen als Menschen, aber wir haben auch ein dickeres Fell. Ein echter Chiller wie ich stört sich nicht am Lärm. Heute Morgen zum Beispiel habe ich meinen Mitbewohner zu einer kleinen Schnüffeltour im Wald eingeladen. Michael Hartmann und seine Männer wüteten da mit vier Kettensägen. Das war recht lustig, und ich habe mit dem Schwanz gewedelt, als die Bäume auf den Boden schlugen. Ich liege auch immer neben dem Hackklotz, wenn mein Mitbewohner mit dem Spalthammer arbeitet, dass die Holzscheite lustig durch die Gegend fliegen. Natürlich bin ich gegen das Fällen von gesunden Bäumen in Parks und auf Alleen, schon weil meine Freunde dann keine ausreichende Gelegenheit mehr haben, ihr Bein zu heben. Ich will auch keine ökologische Debatte lostreten, sondern einfach nur sagen, was Sache ist: Ein schussfester Hund fürchtet sich vor nichts.

 

 

 

 

 

 

 

Toddy - das Urvieh. Erinnerungen an einen treuen Freund


 

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Bambilo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Mama

 

 

Kindheit

 

 

Der Alte

 

 

 

Wöchnerin

 

 

 

 

Die Droste

 

 

 

Nikolai Makarov

 

 

 

Verlässlichkeit