tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Flug von Chudschand nach Duschanbe.jpg

 

 

Reise ins Land der schönen Frauen:

Jenseits von nirgendwo - Tadschikistan

 

von Dr. Eckhard Lieb (Photos und Text)

 


 

 

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Vom 19. 7. bis zum 2. 8. 1999 waren vier Lehrer des Andreanums (nämlich: Eckhard Lieb, Frauke Thees, Uwe Rettinghaus, Uwe Wolff) in Tadschikistan, um Möglichkeiten zu erkunden, durch Austausch von Lehrern und Schülern und in anderer Weise den Deutschunterricht in Tadschikistan zu fördern.

 


tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Tadschikinnen auf dem Basar in Chudschand.jpg

 


agar ân tork-e shirâzi be-dast ârad del-e mâ-râ
be-khâl-e henduvish bakhsham samarqand o bukhârâ-râ (Hafiz)

Wenn die Tadschikin aus Aini ergriff mein Herz mit ihrer Hand, 

ich gäb Buchara für ihr dunkel glänzend Haar und Samarkand.

 


tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Ranoo mit einer Freundin.jpg

 


Hafiz ist kein tadschikischer Dichter, doch die Tadschiken verehren ihn und verstehen seine Verse, wie wir Goethes Verse aus dem west-östlichen Divan lieben: "Hätt' ich irgend wohl Bedenken, Bochara und Samarkand, süßes Liebchen, dir zu schenken? Dieser Städte Rausch und Tand". Und auch ohne Persisch (= Tadschikisch= Farsi) zu sprechen, wissen wir, nicht von einer Tadschikin aus Aini im Serawschan-Tal ist hier die Rede, sondern von einer Türkin aus Shiraz (tork-e shirazi); und auch be-khâl-e henduvish ist noch ein anderer Teil des schönen Körpers der Frau als ihr Haar. Buchara und Samarkand schließlich, die beiden mittelalterlichen Städte an der alten Seidenstraße, gehören heute zu Usbekistan. Sie waren einst aber Zentren des Samanidenreiches, das den Tadschiken heute ihre nationale Identität finden hilft, so wie es die altpersischen Dichter Rudaki oder Hafiz tun.


tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Botanik-Professorin aus Nowosibirsk.jpg

 

Der Hinweis, ins Land der schönen Frauen zu fahren, der uns von einem Kundigen vor unserer Abreise aus Deutschland mit auf den Weg gegeben wurde, bestätigt sich schon bei unserer Ankunft. Nicht nur Umar, der tadschikische Lehrer aus dem Norden, aus Chudschand, holt uns um 23 Uhr vom Flughafen in Tashkent ab, sondern auch die schöne Ranoo, Deutschlehrerin und Dolmetscherin für 14 Tage in Tadschikistan.

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Universitaet Chudschand.jpg

 

Nach sechs Stunden Fahrt und kaum zwei Stunden Schlaf beginnt unser Aufenthalt in Tadschikistan am Morgen unserer Ankunft mit einer Überraschung ganz anderer Art: Wir sind von unseren Gastgebern, Umar vom Deutschen Zentrum in Chudschand und Nurullo, dem Chef der regionalen Schulaufsichtsbehörde, zur offiziellen deutschen Delegation bei dem Kongress ernannt worden, den die Universität Chudschand zum Andenken an die Wiederzulassung der tadschikischen Sprache vor 10 Jahren in der Tadschikischen SSR und zur Erinnerung an die Gründung des Samanidenstaates vor 1100 Jahren einberufen hat. Wir machen gute Miene und sprechen pflichtgemäß Grußworte, die die engen Beziehungen zwischen der tadschikischen Dichtung und "unserem Dichterfürsten Goethe" ausmalen. Immer wieder während der 14 Tage werden wir mit allen Ehren begrüßt, von örtlichen Bürgermeistern, Schuldirektoren, "Bildungsministern", von Mullahs in Moscheen und von unseren Gastfamilien, die uns bei sich aufnehmen. Überall reichen uns dunkeläugige Schulmädchen und Buben, gekleidet in einer Tracht, die neben traditionellen Elementen noch Anklänge an die Uniformen und Halstücher der Komsomolzen erkennen lässt, Salz und Brot zur Begrüßung.

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Marx Lenin und der Engelsforscher.jpg

 

In den 10 oder 12 Schulen, die wir besichtigen, führen uns gelegentlich die Schulkinder traditionelle Tänze vor, so wie sie nur der besondere Gast oder die Hochzeitsgesellschaft zu sehen bekommt, sehr selbstbewusst - oder ist das Lächeln, das sich die beiden jungen Tänzerinnen bei ihrem morgenländischen Tanz zu der übersteuert aus dem Lautsprecher tönenden Musik zuwerfen, ein Zeichen von Anspannung? Überall aber zeigen uns die Deutschlehrer ihre "Deutschkabinette", voller Engagement und Begeisterung für unsere Sprache, eine Begeisterung, die uns immer wieder vergessen lässt, mit wie wenig Mitteln dieser Unterricht auskommen muss. Schulbücher sind knapp und zumeist völlig veraltete Unterrichtswerke aus den Zeiten der Sowjetunion. Die Deutschlandkarten und das deutschlandkundliche Anschauungsmaterial sind noch geprägt von den politischen Verhältnissen der 80er Jahre, als die DDR das Bild Deutschlands in den Staaten der Sowjetunion bestimmte. In allen Deutschklassen finden sich die beiden Losungen: Die Kenntnis einer Fremdsprache ist eine Hilfe im Kampf des Lebens, und: Wer keine fremde Sprache kennt, versteht nichts von seiner eigenen. Sprüche, die abwechselnd Marx und Goethe zugeschrieben werden. Große deutsche Dichter sind Goethe, Heine, Brecht, Remarque und Erich Weinert. Und Lenins Spruch "Lernen, lernen, nichts als lernen" findet sich - auf Russisch - außen an den Schulen und auf Deutsch in den "Deutschkabinetten". Lenins Denkmäler sind in der Stadt Chudschand noch gegenwärtig, wie ja auch die Nordregion noch immer den Namen "Leninabad" trägt. Der Staatspräsident Tadschikistans, Emomali Rachmonow, dessen Karriere in der Sowjetzeit begann, hat sich trotz aller Bürgerkriegswirren, nicht zuletzt dank der Unterstützung Moskaus und mit Hilfe von 20 000 Mann russischer Grenztruppen an der Macht gehalten. Die örtlichen Hukumate, Verwaltungen, residieren nicht selten in den ehemaligen Zentralen der früheren (und weiter existierenden) kommunistischen Partei Tadschikistans und geben dies durch entsprechende Hinweis- Tafeln auch zu erkennen.

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Passstrasse im Serawschan-Gebirge.jpg

 

Der deutsche Botschafter in der Hauptstadt Duschanbe im Süden des Landes, hinter drei Gebirgsketten von jeweils über 5000 m Höhe, kommt selten in den Norden. Ich treffe ihn glücklicherweise nach einem einstündigen Flug und einer sechsstündigen Wartezeit in der neuangemieteten Botschaft an - er kommt gerade aus Deutschland vom Urlaub und will am nächsten Tag schon in den Pamir fliegen, um auch in den entlegensten Regionen des Landes präsent zu sein – oder um sich dort alte Teppiche für seineTeppichsammlung zu kaufen: Duschambe heißt im Auswärtigen Amt nur „Du Schande“, der Dienst hier, als einer von ganz wenigen Botschaftern überhaupt neben dem iranischen, südkoreanischen, chinesischen, iranischen und russischen Amtsträger kommt man sich wie strafversetzt vor und muss halt das Beste draus machen, und seien es alte Teppiche.


tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Esel als Fahrzeugersatz.jpg

 

In Taboschar im Norden, nahe der Grenze Usbekistans, war der deutsche Botschafter allerdings noch nie. Taboschar ist eine von Wolgadeutschen geprägte Stadt, in der zweistöckige Steinhäuser mit Giebeln und Erkern aus den späten 40er und frühen 50er Jahren an die Gründerjahre des letzten Jahrhunderts erinnern und wenig mit den traditionellen einstöckigen, mit Lehm verputzten Atriumshäusern der Tadschiken gemein haben. Taboschar ist heute von den meisten deutschstämmigen Familien verlassen, und auch die russischen Familien sind weggezogen, nach Omsk in Sibirien, nach Moskau vielleicht auch. Die Stadt wirkt wie eine Geisterstadt, fast wie die von 20 000 t dioxinhaltigen Industrieabfällen verseuchte Siedlung Love Canal im Staate New York. Nur ist hier der Uranbergbau die Quelle des Übels: Die Steine der schmucken Häuser stammen aus dem Abraum des Bergbaus. Genaues allerdings erfahren wir auch nicht von unserer schönen Dolmetscherin, die hier großgeworden ist und die uns ihre Eltern, die noch immer hier leben, vorstellt. Auch beim Besuch in der Deutschen Schule in Taboschar, in der uns der Bürgermeister des Ortes begrüßt, hören wir wenig darüber, wovon der Ort lebte und heute lebt. Nur soviel - fotografieren ist im ganzen Ort verboten.

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Tadschikistan/Tadschikistan - Tanken 1.jpg

 

Die Bevölkerungszahl in Tadschikistan wächst, wie überall in Mittelasien, das Bruttoinlandsprodukt jedoch ist seit 1991 stetig gesunken, 1995 auf knapp 40 % des Wertes von 1991 und steigt erst seit 1997 langsam wieder an. Der Hinweis auf den "Bürgerkrieg", die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Armeekommandeuren und regierungstreuen Truppen, aber auch islamistischen Oppositionsgruppen dient oft als Erklärung; doch sicherlich spielt auch der Zerfall der Wirt- schaftsbeziehungen zu dem Rest der einstigen Sowjetunion eine nicht unerhebliche Rolle. Westliche Investitionen bleiben rar, joint ventures mit Italien, Österreich oder der Schweiz, deutsche Wirt- schaftspräsenz bleibt unsichtbar, falls es sie denn überhaupt gibt. Botschafter Meyer jedenfalls äußert sich sehr skeptisch und macht die schlechte Sicherheitslage verantwortlich für die mangelnde Bereitschaft der Deutschen, Geld in Tadschikistan zu investieren. In Deutschland weckt ...stan als Staatsname eben allzu oft Assoziationen an Pakistan und Afghanistan, an Krieg und Bürgerkrieg.


Auch wir haben Spuren des Bürgerkriegs bemerkt, auch in dem an sich friedlichen Norden, in Chudschand. Das Post- und Telegrafenamt ist eine Ruine, in der Brandspuren von der Beschießung noch im vergangenen Herbst zeugen. Wer genau hier gegen wen gekämpft hat, bleibt auch trotz intensiver 
Befragung unserer gut Deutsch sprechenden Begleiter eher unklar; jeder von ihnen gibt mindestens zwei unterschiedliche Versionen der Geschehnisse.

 

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Unsere eigene Erfahrung ist: Die Sicherheitslage in Chudschand und in der Region Leninabad ist gut. Wir haben uns zu keiner Zeit unseres Besuchs an Leib oder Leben oder auch nur in unserem Eigentum bedroht gefühlt. Die geringen sozialen Unterschiede in der Bevölkerung und die weitgehend intakten Familienstrukturen, denen wir begegnet sind, lassen den Besuch im Norden für einen Besucher aus Deutschland unbedenklich erscheinen. Wir sind während unseres ganzen Aufenthalts in Tadschikistan nicht einmal bettelnden Kindern begegnet, selbst dann nicht, wenn unsere Gruppe die Aufmerksamkeit der Kinder eines Dorfes auf sich zog. Die Kontakte mit der Bevölkerung, auch in den ländlichen Gebieten, waren immer freundlich und herzlich. Ein deutscher Besucher im Norden Tadschikistans dürfte sicherer sein als ein tadschikischer Besucher in - sagen wir - Cottbus oder eine Schülergruppe aus München in Zeulenroda. Bei den genannten "Bürgerkriegsereignissen" im Norden handelte es sich immer - wie wohl auch im Süden des Landes - um interne Auseinandersetzungen innerhalb der bewaffneten Staatsorgane oder zwischen bewaffneten Oppositionsgruppen und der Staatsmacht und nicht um bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

 

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Auch in dem "Erholungsheim" am Iskander Kul, am Alexandersee im Serawschangebirge, zeigt uns unser Begleiter, der Chef der Schulaufsicht in nahegelegenen Aini, Folgen des Bürgerkriegs, schon aus dem Jahre 1991 stammend: eine zerschossene Glasscheibe in dem "Cafe" am See. (Diese Glasscheibe wurde nie ersetzt, allerdings nicht, weil man sie als Denkmal des "Bürgerkriegs" stehen lassen will). Den Alexandersee mag vielleicht wirklich schon der Makedonier vor 2300 Jahren gesehen haben. Sicherlich hat sich die Landschaft seitdem nicht verändert. Wenn die Südafrikaner stolz auf "God's Window" sind, weil es einen atemberaubenden Ausblick in die Weite des Highvelds eröffnet, so ist der Alexandersee "Allahs Auge". Eine glasklarer Bergsee, von kaum 40 km Uferlinie umsäumt, spiegelt die Berge des Serawschan-Kammes, am Ufer gegenüber unserem Camp sind sie kulissenartig aufgereiht, von einer eigenartigen Symmetrie, im Umriss riesigen Glocken ähnelnd; an unserem Ufer steigt der gletscherbedeckte höchste Gipfel des Serawschankammes auf fast 5 500 m, höher als jeder Berg in Europa, und doch noch einmal 2 000 m niedriger als der höchste Berg Tadschikistan, der Samanidengipfel im Pamir im Süden.

In die Zweige der tausendjährigen Kiefer am Wasserfall nicht weit von unserem Camp am Alexandersee haben wir kleine Stoffschleifen gebunden so wie auch in die Zweige des Nussbaums an der Moschee im Serawschantal nahe Pendschikent, wo wir von den muslimischen Geistlichen nach einer Führung durch die Moschee und einem gemeinsamen Gebet am Grabe des Heiligen zum Hammelessen eingeladen werden: Versprechen und Wunsch zugleich, Tadschikistan wiederzusehen; seine alte Geschichte, seine einsame Bergwelt, seine gastfreundlichen Menschen und seine schönen Frauen.

"Aber frag einmal den Kaiser, ob er dir die Städte gibt?

Er ist herrlicher und weiser; doch er weiß nicht, wie man liebt." (Goethe).

Eckhard Lieb

Dr. Eckhard Lieb · Ludwig-Erhard-Ring 3 · 31141 Hildesheim · 05121-83690 · Fax: 05121-877753· c.lieb@t-online.de