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Ulrich Schacht-Expedition in die russische Arktis (1995):
Eine Seelenreise

 

 

 

Das Inselreich von Sewernaja Semlja gehört zu den größten geographischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Zur Zeit des Kalten Krieges hatte es eine militärische Bedeutung. Von hier über den Nordpol waren die Raketen auf Amerika gerichtet, dessen Währung heute in Russland das Hauptzahlungsmittel bildet. Auf der Nachbarinselgruppe Nowaja Semlja wurden Atomtests durchgeführt, die weite Teile radioaktiv verseuchten. Die Reise führte in die rote Arktis und auf den Spuren Fridtjof Nansens weiter nach Franz-Josef-Land. "Ungesehen und unbetreten, in mächtiger Todesruhe schlummerten die erstarrten Polargegenden unter ihrem unbefleckten Eismantel vom Anbeginn der Zeiten", konnte Fridtjof Nansen noch schreiben. Wagemut und Melancholie bildeten die Triebkräfte seiner Seele. Auf Franz-Josef-Land beging ich in der Stille meinen 40. Geburtstag.

 

 

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„Mein Papa fliegt in den Sommerferien zu den Eisbären!“, hatte  der siebenjährige Jaakob seiner Lehrerin stolz berichtet. Frau Illemann lächelte gütig, haben Kinder doch eine rege Phantasie, und dieser Erstklässler in besonderem Maße. Dagegen fühlte sich der Schuhhändler auf den Arm genommen, als er bei Außentemperaturen von  32° im Schatten den Kundenwunsch vernahm. „Gefütterte Gummistiefel? Lammfellsohlen? Jetzt?!“  Hier mußte auch der Reiseausstatter passen. Floßfahrten im Grand Canyon, Bergsteigen im Himalaya, Überlebenstraining im Dschungel und freies Klettern in Patagonien - für die ausgefallensten Freizeitvergnügungen hätte er mich ausrüsten können.  „Wohin wollen Sie reisen?“  Im Treckingladen hängt eine große Weltkarte. Ich greife nach einer Zeltstange und weise auf  den äußersten Norden des eurasischen Kontinents. Dort oben, noch jenseits der Taimyr-Halbinsel, liegt zwischen dem 78. und 81. Breitengrad das Nordland. Sewernaja  Semlja nennen es die Russen.

 

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Längst waren die letzten weißen Flecken der Erde erforscht worden, Robert E. Peary hatte als erster Mensch den Nordpol erreicht (6. April 1909)  und hier auf 89°, 57’ nördlicher Breite die amerikanische Flagge gehißt,  da schlummerte das Nordland  noch unentdeckt im ewigen Eis der Arktis.  Der drahtige Verkäufer in Boxershorts und Muskelshirt mustert mich, als wollte ich ihm einen (Eis)bären aufbinden.  Sieht er mir an, daß ich im Reich der Bücher mehr zuhause bin als in der Natur?  Am Ende verlasse ich den Laden mit einem Paar schwerer Wanderschuhe, einer Thermoskanne und einer seltsamen Kopfbedeckung, die aussieht wie ein Imkerhut und die mein Gesicht gegen die Mückenschwärme aus den sibirischen Sümpfen schützen soll. Nichts davon werde ich brauchen. Der Hausarzt nimmt eine dreifache Impfung gegen Wundstarrkrampf, Diphterie und Meningitis vor, Freunde geben Tips für die Bestückung der Reiseapotheke und empfehlen den Erwerb einer Schlafbrille, um im ewigen Licht des arktischen  Sommers Nachtruhe zu finden.

 

Niemand hat rechte Vorstellungen vom Nordland.  Als es der Forscher Wilkitskij entdeckte (1913), herrschte in Rußland noch der Zar. Nach ihm wurde das Archipel Nikolaus-II.-Land genannt.  Zwei Jahrzehnte später erstellte G.A. Uschakow die erste Karte des unbekannten Insellandes und veröffentlichte sie am 16. Oktober 1932 in der „Iswestija“, dem Zentralorgan der neuen Regierung in Moskau. Jetzt wurde das Inselreich umgetauft. Die Namen der einzelnen Inseln spiegeln noch heute in der nachkommunistischen Ära den Geist der revolutionären Zeit und seiner Ideale. Die Inseln heißen  Bolschewik, Komsomolz und Oktoberrevolution, zwischen ihnen fließt die Meeresstraße der Roten Armee. Neben der Stalinbucht findet sich das Kap Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg  sowie die Fjorde Spartakus und Ernst Thälmann. Sewernaja Semlja hat keine Ureinwohner, denn es ist noch unwirtlicher als der Norden Sibiriens. Weder Tschuktschen, Eskimos, Dolganen noch Samojeden  zog es in diese Grenzregion. Ein halbes Jahr ruht sie in winterlicher Nacht, und im Sommer geht hier die Sonne nicht unter. Zur Zeit des Kalten Krieges hatte sie eine militärische Bedeutung. Von hier über den Nordpol war es der direkteste Weg zum kapitalistischen Erzfeind Amerika, dessen Währung heute in Rußland das Hauptzahlungsmittel bildet. Auf der hierzulande bekannteren Nachbarinselgruppe Novaja Semlja wurden Atomtests durchgeführt, die weite Teile radioaktiv verseuchten. Nach dem Fall der Berliner Mauer öffnete sich der eiserne Vorhang vor der russischen Arktis. 1992 betrat der erste Ausländer das Nordland.

 


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Auch den befreundeten russischen Arzt Alex Toulaniov   befremdet das Reiseziel. Sibirien, das ist für ihn die Welt des GULAG. Bevor er nach Deutschland ausreisen konnte, wurde er politisch verfolgt, inhaftiert und gefoltert. Die alten Machthaber sind inzwischen gestürzt worden. Dennoch würde er aus Angst vor der Mafia um keinen Preis der Welt in seine Heimat zurückkehren. Gut, daß die Reise in das unbekannte Nordland endlich beginnt.  Auf dem Flug von Hamburg über Kopenhagen nach St. Petersburg nehmen wir wie selbstverständlich den luxuriösen Bordservice der skandinavischen Fluglinie SAS  in Anspruch:  Lachs als Vorspeise, dann frittiertes Hühnchen mit Auberginen und Spätzle, Käsehäppchen, Petit fours,  roten Burgunder, Kaffee und Calvados. In den Koffern die Kleidung für den arktischen Sommer. Windjacke, -hose und ein warmes Flies der Firma „Schöffel“. Das Richtige und Notwendige haben wir bei „Globetrotter“, Deutschlands erster Adresse für Reiseausstattungen, gefunden. In St. Petersburg trifft die Schacht-Expedition, deren Teilnehmer ich bin, auf Juliane. Sie wird uns als Dolmetscherin begleiten. Julischka, wie sie unsere russischen Hubschrauberpiloten zärtlich nennen werden, unterrichtet deutsche Literatur und Sprache an der Universität St. Petersburg. Ein Promotionsstipendium ermöglicht ihr den Aufenthalt in Zürich, wo sie über Gustav Meyrinks mystischen Roman „Der Golem“ arbeitet. Ihr Deutsch ist perfekt, ihre Kompetenz als Simultandolmetscherin beeindruckend. Beschämend dagegen, wie bei allen russischen Intellektuellen, ihre finanzielle Lage. Mit ihrem monatlichen Gehalt in Höhe von 200000 Rubeln (62 DM) muß sie ihre arbeitslosen Eltern unterstützen. Dennoch strahlt Julischka Zuversicht aus und glaubt an Rußlands Zukunft.

 

Rußland ist ein Land voller Widersprüche. Erschütternde Armut und protzig zur Schau gestellter Reichtum  stürzen den Besucher in ein Wechselbad der Gefühle. Zwei Nächte verbringen wir in einem alten Interhotel mit dem Charme einer Bahnhofshalle. Der monströse  siebengeschossige Bau mit über tausend Doppelzimmern liegt am Ende des Alexander-Nevskij-Prospektes. St. Petersburg ist eine Stadt, die niemals schläft. In den Sonnenstrahlen der weißen Nächte tanzen die Mücken über der Neva und in der Valuta-Bar des Hotels „Moskau“ flattern die Nachtfalter. Für einhundert Mark plus Spesen begleiten sie den Gast aufs Zimmer.

 

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An den Zimmerwänden kleben blutige Reste erschlagener Mücken. Die Duscharmatur funktioniert leidlich, der Stöpsel der Badewanne fehlt. Dafür sind Plastikdeckel und -brille der Toilette sauber. In Waschbecken, Wanne und auf dem Toilettendeckel liegen Zettel. Ihre Aufschrift erklärt den strengen Geruch, der in der Luft liegt: „Desinfektion“. Prostitution in der Valuta-Bar und organisierte Bettelei vor dem Hotel werden durch die russische Mafia kontrolliert. Das „Moskau“ gilt als Hochburg dieser neuen Ordnungsmacht. Im Eingangsbereich des Hotels präsentiert sie sich selbstbewußt. Muskulöse Männer mit Stiernacken und Bürstenschnitt in eleganten Anzügen, ein tragbares Telephon in der Hand, vor der Tür  ein Mercedes-Coupe. Im Hintergrund die Rezeption, an der für die Zeit des Aufenthaltes der Reisepaß abzugeben ist, davor zwei Wechselstuben mit langen Warteschlangen rund um die Uhr. Hier im Zentrum des Taifuns ist der Besucher sicher. Deshalb wird das „Moskau“ gerne von skandinavischen, japanischen, amerikanischen und deutschen Reiseveranstaltern unter Vertrag genommen. 

 

Ordnungssinn und Pünktlichkeit herrschen auch im Restaurant. Das warme Abendessen ist für 20 Uhr angekündigt. Darauf kann sich der Gast verlassen. Wer zehn Minuten später kommt, nimmt verlegen vor einem Teller mit erkaltetem Schweinebraten in bräunlicher Soßenschliere Platz. Schnell hat ihn der Kellner abgeräumt und  präsentiert unter der Serviette zwei Dosen schwarzen Kaviars. Dann verkauft er Wodka, Sekt und Zigaretten. Die Stange „Marlboro“ für zehn Dollar (14 Mark). Wie die meisten Russen könnte er ohne dieses kleine Geschäft nicht leben. Noch immer müssen Menschen hier am Straßenrand stehen und ihre Habseligkeiten verkaufen. Vor allen Dingen sind es Frauen und Rentner, die  unter der Armut leiden.  Das alte Mütterchen steht im Bäckerladen und zählt immer wieder kopfschüttelnd die wenigen Banknoten und Münzen. Das Geld will nicht reichen für  ein Brot, das 1200 Rubel (37 Pfennig) kostet.  Beschämt drücken wir ihr einen 5000-Rubel-Schein in die Hand. Draußen  leuchtet trügerisch die farbenfrohe Reklame westlicher Produkte.

 

 

Forschungsstation Uschakova

 

 

Die Russen haben ein ungeheures Nachholbedürfnis. Eisbuden, Straßencafés  und Biergärten überall, auch vor der evangelischen Kirche, die als Schwimmbad zweckentfremdet worden war und jetzt wieder restauriert wird. Überall werden die Fassaden renoviert und neu gestrichen. In maßgeschneiderten Kleidern aus Paris und Rom laufen langbeinige Frauen vorbei am Denkmal  der Zarin Katharina und ihrer Liebhaber. Jeden Donnerstag schwingen hier schwarzgekleidete Faschisten ihre Reden. Eine merkwürdige Unruhe liegt über der wiedererwachten  Stadt. Die Menschen eilen über den Nevskij-Prospekt, als hätten sie Angst,  angesprochen zu werden. In der Straßenbahn stehen die Menschen dichtgedrängt. Der Geruch von Schweiß und Wodka liegt in der Luft.  Bodyguards schaffen vor den neuen Luxushotels wie dem „Nevskij Palace“ Zonen der Ruhe und Sicherheit. Auch das Café des deutschen Keksherstellers Bahlsen  ist wie die nach westlichem Vorbild errichteten Schnellimbißketten bewacht. Wer dagegen die traditionelle russische Küche kennenlernen will, muß in Hinterhöfen und auf Nebenstraßen suchen. Aus Angst vor dem Zugriff der Mafia sind diese Restaurants mit guter Küche, Musik und freundlichem Service äußerlich bewußt unauffällig gehalten.

 


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Vor der Kathedrale mit den Reliquien des Nationalheiligen Alexander  Nevskij hocken bettelnde Kinder zwischen greisen Krüppeln. Vor ihnen flaniert St. Petersburgs neuer Geldadel mit der Hi8-Videokamera vor dem rechten Auge. Wie die westlichen Touristen haben die „neuen Russen“ den nahegelegenen Friedhof besucht, wo Dostoevskij, Rimskij-Korsakov, Musorgskij, Borodin, Tchaikovskij und andere Künstler ihre letzte Ruhe fanden.  Die „neuen Russen“ lassen sich weit draußen im Grünen Luxushäuser bauen und tragen selbstsicher in der Stadt ihren  Reichtum und ihre Kinder zur Schau.  Nicht der Kontrast erschütterte, sondern die Fröhlichkeit und Würde, mit der das bettelnde Geschwisterpaar vor einer Holzkiste mit einem dünnen Sträußchen Schnittlauch saß und sich nach jeder Gabe bekreuzigte. Rußlands Kinder sind wie die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht und ernten nicht, und doch ernährt sie der himmlische Vater. Wir aber sorgen uns um Essen, Trinken und rechte Kleidung. Hier liegen fünf Schnittlauchhalme, in unseren Hotelzimmern Schlafbrille, Mückenspray, feuchtes Toilettenpapier, Aspirin und eine in zehn Koffern verteilte Kameraausrüstung. Könnte sich dieses Land, könnten wir uns selbst ohne  Glauben ertragen?  In der Nevskij-Kathedrale sind wir für einen Augenblick alle gleich, und die Widersprüche werden aufgehoben im Gesang der Popen. Auch wir bringen wie die „neuen Russen“ und das alte Mütterchen ein Kerzenopfer, nachdem wir den Kindern reichlich gespendet haben.

 

Julischka hatte uns vor den professionellen Bettlern gewarnt. Doch wer darf sich der  unmittelbaren Stimme der Menschlichkeit verschließen, wer will die Geister unterscheiden? Zuerst nehmen wir nur Ausschnitte wahr, dann ahnen wir Zusammenhänge, doch bleibt uns der Blick auf das Ganze verschlossen.  Unweit der bettelnden Kinder, die jetzt Tauben mit Gras zu füttern versuchen,  entdecken wir im Schatten eines Baumes  sitzend einen Mann und eine Frau. Beide haben eine schmale, jugendliche Figur, die in groteskem Kontrast zu den Gesichtszügen steht. Welches Schicksal hat hier den Meißel geführt?  Aschfahl gefaltet  scheinen sie das goldfarbene Licht der Mitternachtssonne zu schlucken, als wir ihnen vor dem Hotel „Moskau“ zu später Stunde erneut begegnen. Es sind die Eltern der betelnden Kinder. Im Gehen zählt der Vater das dicke Geldscheinbündel. 

 

Am Nachmittag vor der Heremitage  hatten wir Olga getroffen.  Sie feierte ihre Rückkehr nach St. Petersburg und sprach dem Wodka aus der Dose reichlich zu. Die Eheschließung mit einem Luxemburger hatte ihr das Leben im westlichen Ausland ermöglicht. Jetzt war sie für ein kurzes Wiedersehen mit ihrem ehemaligen Freund an die Neva zurückgekehrt.  Er trug ein weißes T-Shirt. In roten Umrissen waren darauf die Umrisse der ehemaligen Staaten der Sowjetunion im Zustand des Zerfalls zu sehen. „The Party is over!“  verkündete der Aufdruck. Die Sonne schien heiter über Olgas Strohhut. Ihre rotgeschminkten Lippen lächelten zurück und legten dabei gesunde, kräftige Zähne frei.  Pralle Lebenskraft atmete auch ihr Körper, den ein langes, eng anliegendes,  grünes Sommerkleid  verheißungsvoll umhüllte. Olga und ihr Begleiter hatten uns kaum verlassen, da  tönte ein  Aufschrei über den Platz, der sich in regelmäßigen Abständen wiederholte.  Er wirkte so künstlich, daß wir erst nach einer Weile  darauf reagierten und die Köpfe hoben. Da sahen wir ein fliehendes Pferd, das im Galopp über den Platz lief. Auf dem Pferd saß ein Kind,  und die Schreie aus seinem Mund begleiteten auf absurde Weise den Rhythmus der Hufe. Niemand wagte sich dem Pferd in den Weg zustellen.  So nahm das Schreckliche ungehindert seinen Lauf. Noch am nächsten Morgen hallte der laute Sturz auf die Steine in uns nach, und wir sahen das zerschmetterte Gesicht und die abgebissene Zunge.

 

Um sechs Uhr waren wir aufgestanden. Vor dem „Moskau“ hatten sich bereits die Musikanten aufgestellt. Sie besitzen eine untrügliche Witterung für die Herkunft der Gäste und wollten die Verladung unseres Gepäcks in den Bus mit der deutschen Nationalhymne begleiten, um anschließend amerikanische Banknoten zu erbitten. Auf jeder Reise stellen sich geladene und ungeladene Begleiter ein. Sogar von Engeln wird berichtet, die dem Reisenden unerkannt zur Seite stehen, wie einst der Erzengel Raphael dem jungen jüdischen Mann Tobias. Als Schutzpatron der Reisenden gilt neben dem Heiligen Christopherus ein Jünger Jesu, dessen Grabstelle in Santiago de Compostela eine der bedeutendsten Pilgerstätten der Christenheit bildet. Sein Name lautet Jacobus, und sein Erkennungszeichen ist die Muschel. War es Tarnung, daß unser Reisebegleiter Jacobus de Korte nicht aus Spanien, sondern den Niederlanden eintraf?  Unser Pilgerausweis war der Reisepaß, der  auf den Inlandflügen langwierig kontrolliert wurde.

 


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Wir saßen bereits zwischen Kisten und Koffern, der Pilot hatte seine blaue Uniform gegen einen Jogginganzug getauscht, die Propellerturbinen dröhnten, da wurden die Startvorbereitungen abgebrochen. Bewegung in und um das Flugzeug herum. Der Blick durch das Fenster auf die abgefahrenen Reifenprofile. „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ wurde Jacobus einst von seinem Herrn gefragt. Ist die Sorge um fehlende Notausgänge, Atemmasken und Schwimmwesten ein Zeichen von Kleingläubigkeit? Ein Teil der Funkausrüstung mußte repariert werden. Im Falle eines Absturzes würde es möglicherweise Auskunft über die Unfallursache geben. Dann startete unsere Antonov-26  zum Flug von St. Petersburg nach Sibirien. Die Reisezeit wurde mit acht bis zehn Stunden angegeben. Am Ende waren es zwölf. Beim Flug in den Osten werden die Uhren um sechs Stunden vorgestellt, besser noch, der Reisende legt sie ab. Denn was bedeutet Zeit in diesen gewaltigen Räumen?  Alles ist hier maßlos wie die sommerliche Lichtflut über und die dunklen Wälder unter uns. Wer nicht warten lernt in Geduld, wie die Kinder vor der Nevskij-Kathedrale,  ist für dieses Reich nicht geschaffen.

 

 

Professor Vladimir Baranov

 

 

Reisen bedürfen der genauen Planung, und Absprachen müssen verbindlich sein. Doch wie das Wetter des Nordlandes in Minutenschnelle wechseln kann, so der Kurs der russischen Währung. Zwei Zwischenlandungen sind auf dem Flug nach Dickson nötig, doch selbst der Pilot weiß beim Start nicht, wo sie stattfinden werden.  Während des Fluges über menschenleere Landschaften wird er bei verschiedenen Flughäfen den günstigsten Benzinpreis erfragen. Es war ein gutes Zeichen, daß unsere erste Zwischenlandung am Weißen Meer, in der Stadt mit dem schönen Namen „Erzengel“ (Archangelsk) stattfand. Der Erzengel Michael gilt als energischer Kämpfer. Mit seinem Schwert setzt er dem Bösen nach. Er bewacht den Eingang zum Garten Eden und die Türen des Flughafengebäudes von Archangelsk, das wir zu gerne besichtigt hätten. Die Ausrede mit dem Überdruck auf der Blase durchschaute er sofort. Er ließ uns während des Auftankens neben der Antonov-26  warten und verbot das Filmen und Photographieren.

 

Wieder in der Luft feierten wir die Überquerung des nördlichen Polarkreises mit zuckersüßem Schaumwein aus rosafarbigen Hartplastikschalen und einem Apfelstückchen. Dann schenkte unser Koch Wassily aus der Wodkaflasche reichlich nach und servierte Hähnchenbollen, das Grundnahrungsmittel unserer zehn arktischen Tage.  Russische Vollkornkekse und englischer Himbeertee werden uns in Luft, Schlamm und Eis begleiten. Die Wahrnehmung wird hier unmittelbarer. Nichts verstellt den Blick auf die elementaren Dinge des Lebens. Alles rückt träumerisch zusammen, und aus der Vergangenheit tauchen Gestalten auf.  Es war, als stünde der Erdkundelehrer aus längst vergangenen Schultagen  im Mittelgang der Antovov-26. Hatte der Wodka den Alkoholiker angezogen? Jetzt galt es die Namen der großen Flüsse zu nennen. Unter dem Sitz war kein Diercke-Weltatlas versteckt, aus dem man heimlich die Namen hätte ablesen können: Sewernaja, Mesen, Petschora, Ob, Jenissej, Pjasina, die gewaltigsten Ströme der Welt münden in das Eismeer. Unzählige Baumstämme tragen sie aus den sibirischen Wäldern  ins Meer.

 

Die russische Währung mäandert wie der Petschora, dessen gigantisches Delta wir überfliegen.  Deshalb muß die Treibstoffrechnung  sogleich beglichen werden. Gut zwanzig Zentimeter hoch ist der Geldstapel, den die Stewardeß dem Tankwart bei der zweiten Zwischenlandung in Amderma, an der Jogorschen Straße, überreicht.  In Archangelsk zeigte das Barometer an diesem Julitag noch 22 Grad. Amderma meldet 8 Grad. Wir betreten das Reich des Permafrostes. Im Sommer taut der Boden nur bis zu einer Tiefe von zwanzig Zentimetern auf. Aus Schutz vor der Bodenkälte steht das Flughafengebäude auf Pfeilern. Die Stufen sind vom Frost zersprengt worden,  das Rollfeld zeigt tiefe Risse wie die Polsterung der Stühle in der Wartehalle.  Unser englischer Begleiter Martin J. Harris, Direktor des Oxford Scientific Services, hält den abenteuerlichen Zustand der Toiletten mit der Kamera fest. Beweismaterial für Daheimgebliebene, die unterstellten, er habe eine Vergnügungsreise angetreten.  Aus unerfindlichen Gründen verweigert unser Zielflughafen Dickson die Landeerlaubnis.  So verzögert sich der Weiterflug um zwei Stunden. Gelegenheit, zwischen schrottreifen Maschinen  und Öllachen spazierenzugehen.   Am Flughafengebäude ist eine Parole angebracht:  „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird immer leben.“  Das Portrait des Revolutionärs ist vom Frost zerfressen worden. Die Natur ist stärker als die Geschichte. So leuchten am Rand der Flugpiste violettfarben die Amethyste, die man in den nördlichen Ausläufern des Urals abgebaut hat und hier als Schotter benutzt.

 


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Das Militärlager Dickson erreichen wir nach Mitternacht. Die Hafenstadt wurde nach dem schwedischen Unternehmer Oskar Dickson benannt, der  die Entdeckungsfahrten des Polarforschers Adolf Erik Nordenskiöld finanziell  unterstützte. Der Schwede Nordenskiöld hatte mit seinem Schiff Vega als erster die Nord-Ost-Passage bezwungen und damit  Europa und Asien umsegelt (1878-1880).  Unter Stalin war Dickson ein Gulag. Während des Kalten Krieges lebten 1500 Soldaten hier, jetzt sind es nur noch zehn. Ein verwitterter Lenin grüßt vom Giebel unserer Unterkunft. Amderma hatte uns auf den hygienischen Zustand der sanitären Anlagen vorbereitet. Draußen liegen die Temperaturen im Juli um den Gefrierpunkt, im Winter fallen sie auf minus 50 Grad. So sind die Gebäude auch im Sommer geheizt.  Unter den Rohren sammeln sich die Kakerlaken.  Aus Holzritzen beobachten sie uns beim Nachtmahl. 

 

Wir sind im Reich der Mitternachtssonne. Doch von romantischen Vorstellungen müssen wir Abschied nehmen.  Kein verklärendes rötliches Dämmerlicht hüllt uns ein. Um zwei Uhr nachts steht die Sonne leuchtend am Himmel, als wäre es Mittagszeit. Wir steigen durch eine Trümmerwüste. Aufgeplatzte Leitungsrohre, verlassene Häuser, verrostete Kettenfahrzeuge, tonnenweise Schrott, dazwischen alte Hinweisschilder auf radioaktive Strahlung. Draußen auf dem Grund der Karasee liegen nukleare U-Boote. Neue, noch verpackte  Gerätschaften verwittern bereits am Straßenrand,  eine Lieferung von Heizkörpern liegt vor den Häusern und dient als Fußabtreter. Landschaften wie aus einem Film von Andrej Tarkowskij.  Das Bild wird sich in den kommenden Tagen auf Kap Tscheljuskin, Sredny oder Krenkl wiederholen. Die russischen Militär- und Forschungsstationen in Nordsibirien und auf den Inseln der Arktis bieten ein Bild der Verwahrlosung. Niemand lebt hier oben freiwillig. Keine besondere Prämie lockt die Soldaten. Die Ernährungslage ist schlecht, die Kleidung ungenügend, die Zukunft ungewiß. Stationen wie Uschakova sind aus Geldmangel aufgegeben worden. Wissenschaftler und Soldaten stehen vor dem Nichts. 

 

Nach drei Stunden Schlaf in Dickson wurde unser Gepäck auf offenem Laster zum Flughafen transportiert. Visapapiere und Pässe waren erneut vorzulegen. Mit bedeutsamer Miene wurden sie von einer Frau in blauem Dienstkostüm und gefütterten Lederstiefeln kontrolliert, dann der Wodkaverkauf ohne Zollbeschränkung eröffnet. Bei unserer Rückkehr aus dem arktischen Archipel hatten wir sämtliche Koffer und die Kameraausrüstung ins Gebäude zu tragen. Die angekündigte Zollkontrolle wurde jedoch nicht vorgenommen. Lächelnd über allen Ungereimtheiten stand die Sonne und der weibliche Posten mit dem Maschinengewehr. Auch Alexander, Soldat und Turnlehrer in Dickson, hatte die Kalaschnikov geschultert, als er in gebrochenem Englisch das Gespräch mit uns suchte. Das Schild „UV-Strahlung“ klebte noch auf seiner Sonnenbrille. Der Zwanzigjährige besaß ein Diktiergerät und bat uns, einige englische Sätze darauf zu sprechen. Russische Politik interessiere ihn nicht, bekundete er offen. Das bestätigte er deutlich, als wir uns nach der Bibliothek in Dickson erkundigen. Stalin und Solschenicyn werden in einem Atemzug als politische Autoren genannt. Wir erleben das Ende der roten Arktis.

 


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Am Kap Tscheljuskin war nicht mehr als eine Zwischenlandung geplant. Ein eisiger, naßkalter Wind fuhr durch das nebelverhangene Lager. In gefütterten Gummistiefeln warteten wir im Schlamm, während der Hubschrauber aufgetankt wurde. Auf einem Schild der Hinweis auf das Rauchverbot. Bei Zuwiderhandlung wurden zwei Monate Entzug der Zuckerration angedroht.  Aus der Nebelwand taucht ein Polarhund mit einem Knochen in der Schnauze auf. Sofort verbeißen sich sieben Hunde ineinander. Mit groben Fußtritten versucht sie der Tankwart vergeblich auseinanderzutreiben. Durch unsere Übersetzerin werden wir zu größter Vorsicht gemahnt. Fünf Eisbären seien im Gelände gesichtet worden. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie nicht geschossen werden. Eisbären kennen keine natürlichen Feinde. Sie gelten als unberechenbar und extrem schnell. „When you have seen them, you are dead!“ sagt Martin Harris. Jacobus de Korte hat einen anderen Blick auf die Natur. „Wenn Du einen Eisbären siehst, fängst das Leben erst richtig an!“ Skeptisch werden wir vom wachhabenden Offizier betrachtet. „Warum kommt ihr hierher?“ übersetzt Julischka. Seine durchdringend blickenden Augen fragen direkter: „Seid ihr gekommen, euch an unserem Elend zu weiden?“

 

Unerwartet bietet sich die Möglichkeit, die Polarstation Fedorov und das Denkmal am Kap zu besuchen.  Viktor schultert die Kalaschnikov und beordert einen Lastwagen. Wir legen uns auf die hölzerne Ladefläche und klammern uns während der holprigen Fahrt aneinander, um nicht abgeworfen zu werden. Durch die Risse in den Balken spritzt der Eisschlamm. Am Kap Tscheljuskin sind viele Entdeckungsreisende der Arktis gescheitert oder durch das Eis an der Weiterfahrt gehindert worden. Direkt am Ufer haben Soldaten auf hohen Wachtürmen Position bezogen. Vor ihren Augen gleiten Eisblöcke und Walrücken vorbei. Die breite Urinspur eines Eisbären zieht sich über eine Schneewehe. Grüne Steine mit langer gleichmäßiger Maserung liegen auf dem Boden. Einige Stellen sind mit leeren Patronenhülsen übersät. Zwei mannshohe Steintürme und ein aufgerichteter Baumstamm mit roten Farbstreifen markieren den Ort:  77° 42’ 07’’ nördlicher Breite, 104° 8’ Länge. Musik und Dialogfetzen der Radiostation durchdringen lautstark die Eiswüste.  Wir frieren trotz der Spezialkleidung. Viktors Hals und Hände sind ungeschützt.  Wärmende Kleidung wird den Soldaten nicht zugeteilt. Vielleicht geht deshalb die Zigarette im Mund niemals aus. Sechzig Kilometer von Kap Tscheljuskin entfernt befand sich ein Lager für politische Gefangene. Eine Ahnung von den Zuständen im GULAG beschleicht uns.

 

Viktor führt uns an leeren Treibhäusern vorbei. Im kleinen  Museum der Station Fedorov erweist er sich als kompetenter Führer.  Eine Spende für das Museum lehnt er ab. Das Geld würde zweckentfremdet werden. Offenbar ist er der einzige, der sich der geschichtlichen Bedeutung dieses Ortes bewußt ist. Am Ende unseres Besuches werden wir zum Tee eingeladen.  Wir betreten einen Raum, wahrscheinlich das Offizierskasino. In der einen Ecke ist ein Schlagzeug aufgebaut, in der anderen ein Farbfernseher, der vom Wirt stolz eingeschaltet wird, als wir Platz nehmen. Wie vielerorts in der Arktis ist auch hier eine Bildtapete mit Bäumen an die Wand geklebt worden.  Die Durchreiche gibt einen Blick in die große Küche frei, in der verlassen ein halbleeres Gurkenglas neben drei verrosteten Fleischwölfen steht.  Was der Gastgeber zu bieten hat, ist uns großzügig aufgetischt worden: Mehrere Schachteln mit großen Zuckerstücken, geöffnete Dosen mit gezuckerter Milch, ein pechschwarzer, zäher Brotaufstrich, ranzige Butter und ein großer Karton mit  geschmacksneutralen Hartkeksen. Es ist keine freiwillige Askese, die Viktors Gesichtszüge geformt hat. Vorstellungen über seine persönliche Zukunft hat er nicht. Im Abschiedsgespräch äußert er nur den Wunsch, hier oben während seiner Lagerzeit nicht zu verrohen.

 

Zehn Stunden dauert der Flug mit dem Hubschrauber MI-8 von Dickson über Kap Tscheljuskin ins Nordland. Aus zweihundert Metern Flughöhe gleitet der Blick über endlos scheinende Tundraweiten. Stellenweise ist der oberflächlich aufgetaute Permafrostboden weich wie dichte Moospolster, dann sumpfig. Kilometerweit haben sich die Spuren der Kettenfahrzeuge in den Tundraboden gefressen. Dreißig Jahre lang werden sie sichtbar sein. Durch eine Initiative des World Wide Fund for Nature (WWF) hat die russische Regierung große Teile der Taimyr-Halbinsel als „Großes arktisches Schutzgebiet“  ausgewiesen. Das Leben ist empfindlich, und die kurzen Sommer schenken ihm nur wenig Blütezeit. Fünf Sommer dauert es, bis sich ein knospendes Blümchen entfaltet hat. Niemand kann hier oben allein überleben. Alles Lebendige braucht Schutz. Die rotfarbene Flechte den Stein, das winzige Vergißmeinnicht die Grasnabe, der Eisbär die Schneehöhle, der Mensch den Hund und das Gespräch. Auch wir hocken dichtgedrängt zwischen den großen Benzintanks im Innenraum des Helikopters. Der Lärm der Rotorblätter ist ohrenbetäubend,  die technische Ausrüstung wirkt überaltert, doch beruhigt der Blick ins Gesicht des Funkers Sergej.

 


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Der Pilot und die Besatzung sind Meister ihres Faches. Teilweise seit Jahrzehnten fliegen sie die militärischen und wissenschaftlichen Stationen des arktischen Archipels an. Jetzt sind die Angestellten der Aeroflot auf devisenbringende Besucher angewiesen. Der Kopilot erzählt von seiner Frau und der einjährigen Tochter, die tausende Kilometer von ihm entfernt leben müssen. Er entschuldigt sich für sein schlechtes  Englisch. Gerne würde er als Pilot in St. Petersburg oder Moskau arbeiten. Unterwegs hatten wir bei einer Zwischenlandung die Gastfreundschaft des Fischers  Jurij Rogatsch  und seiner Frau genossen. Vor der Waldtapete in ihrem Schlafzimmer aßen wir das zarte Fleisch der Lachsforellen aus dem Taimyr-Delta. Seit achtzehn Jahren lebt das Einsiedlerpaar  hier. Auch die Hunde  hatten uns freudig begrüßt. Einer kam uns auf drei Pfoten humpelnd entgegen. Einen Arzt für Mensch oder Tier gibt es in diesen hohen Breitengraden nicht. Eine Flugstunde  südlich des Deltas befindet sich  die wissenschaftliche Eremitage  „Biologische  Station Wilhelm Barents“. Sie ist nur in den Sommermonaten besetzt. Unser Helikopter setzt eine holländische Biologin mit einem Carepaket Wodka ab. Sie wird hier das Brutverhalten der Vögel (Calidris minuta) und die Nahrungskette erforschen.

 

Auf alles waren wir nach den bisherigen Erfahrungen gefaßt, nur nicht auf Unterkünfte vom heimeligen Komfort und der Sauberkeit alpiner Berghütten.  Die Radio- und Wetterstation  „Prima“ trägt ihren Namen zu Recht. Das Musterbeispiel eines ökologisch verantwortlichen Lebensstils im Naturpark Arktis liegt auf Bolschewik, der südlichsten Insel  des Nordlandes Sewernaja Semlja.  Wie andere Stationen sollte sie  wegen fehlender finanzieller Mittel geschlossen werden. Ihr Überleben  verdankt sie der Privatinitiative von Vladimir Baranov, dem Gründer der Gesellschaft BARC (Business Arctic), die auch unsere  kontrastreiche Reise in Zusammenarbeit mit ihrem niederländischen Partner Plantius organisiert.  Der Wissenschaftler und einstige Mitarbeiter am St. Petersburger Institut für Arktik und Antarktik wird uns auf den Flügen durch  Sewernaja Semlja, Franz-Josef-Land und Novaja Semlja begleiten.  Wie viele Menschen, die einen Blick auf den Grund der Dinge haben werfen dürfen, strahlt auch er Heiterkeit und Gelassenheit aus.  In den zahlreichen Taschen seiner Kleidung scheinen sich vom Eßbesteck bis zum Angelhaken alle Dinge dieser Welt zu befinden, die zum Überleben in der Arktis nötig sind. Der Generaldirektor von BARC ist auf unserer Reise Mediziner und Musiker, Goldgräber und Geologe, Koch und ein Biologe, dessen Wort die Tiere folgen. Auf Novaja Semlja spricht er zu den Dreizehenmöven,  in Franz-Josef-Land winkt er einer Walroßherde mit dem Handschuh zu und lockt sie mit dem Ruf „burre, burre“  ans Ufer. In der Maud-Bucht, fünfzehn Meilen östlich von Kap Tscheljuskin, wo Roald Amundson  im Winter 1918/19 für ein Jahr unfreiwillig im  schweren Packeis festsaß, läßt er uns vor den Blümchen niederknien, um ihren intensiven Duft wahrzunehmen.

 

 

Uwe auf Swernaja Semlja

 

 

Vier Russen wohnen das ganze Jahr über auf Prima. Die Station über dem 79. Breitengrad kann nur im Monat August von Eisbrechern aus Murmansk oder Archangelsk versorgt werden.  Sewernaja Semljas Inselwelt dehnt sich 360 km von Nord nach Süd und 324 km von West nach Ost aus.  Gut die Hälfte der Fläche ist vergletschert.  Die höchsten Berge reichen an die eintausend Meter.  Wale, Delphine, Walrosse, Rentiere, Eisbären, Schneehasen, Lemminge und Polarfüchse sind hier zu Hause. An den steilen Felswänden der Fjorde brüten  Seevögel. Einige Kolonien  bestehen aus zehntausend Brutpaaren. Prima beherbergt dagegen in diesem Jahr nur drei Reisegruppen.   Das sei zum Überleben zu wenig, erklärt Vladimir Baranov in morgendlicher  Runde.  Auf den Tischen  steht der köstliche Fisch, den wir am Nachmittag geangelt hatten. Oberhalb der Station befindet sich ein See, der zur Trinkwasserversorgung dient. Er ist ganzjährig zugefroren. Im Sommer beträgt die Eisdicke jedoch nur 150 Zentimeter. Wir hatten Löcher ins Eis gebohrt und Lachsforellen gefangen. Unsere russischen Begleiter ließen die Tiere auf dem Eis liegen, wo sie  lange Maul und Kiemen bewegten. Einige von uns befremdete der Brauch, und sie baten, die Fische zu köpfen. Entsetzt wiesen die Russen das Anliegen zurück. Wie könne man nur einem so edlen Tier den Kopf abschneiden! 

 

Dennoch mundete die Lachsforelle bei Wodka und Tee allen  vorzüglich. Wie der Fisch den Weg vom Meer zum See gefunden habe,  sei eines der vielen Naturwunder des Nordlandes, die der wissenschaftlichen Erforschung harrten. Vladimir hatte russische Volksweisen gesungen und sich selbst abwechselnd auf dem Akkordeon und der Gitarre begleitet. Jetzt gab er einen Einblick in die wirtschaftliche Situation der Station. Prima sei auf zahlungskräftige ausländische Wissenschaftler angewiesen.

 


Zu den ersten  Besuchern auf Sewernaja Semlja gehörte der Direktor des Dortmunder Zoos, der hier die Migration der Eisbären beobachtete. Engländer, Norweger, Kanadier und Japaner haben von Prima aus Gletscherforschung betrieben und den Gletschern Wavilova und „Akademie der Wissenschaften“ Eiskerne entnommen. Diese geben Aufschluß über die klimatischen Verhältnisse weit zurückliegender Erdzeitalter. Doch nicht nur in die Vergangenheit richte sich der Blick des Forschers. Denn als Küche des Wetters bestimme die Arktis  das gegenwärtige Weltklima, und die Klimaforschung hier oben gebe Einblicke in den ökologischen Zustand des blauen Planeten. Weitere Einnahmequellen bildeten  Hubschrauberflüge zum Nordpol, die bisher neunmal durchgeführt worden seien, und der wissenschaftliche Tourismus. Etwa zweihundertfünfzig ausländische Besucher hätten bisher das Nordland besucht. In Planung sei  eine neue Form des Abenteuerurlaubes: Goldschürfen am Gletscher! Auch wir besuchen die rund einhundertfünfzig Goldwäscher, die in den drei Sommermonaten rund um die Uhr den Eisschlamm im Südwesten von Bolschewik nach Nuggets durchsuchen.

 


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Sewernaja Semlja  bietet ein abwechslungsreiches Landschaftspanorama. Sanftwellige eisfreie Hochebenen  sind mit grünen Schiefertafeln bedeckt. Weder Grashalme noch Moose wachsen hier. Schwarze Flechten mit grauen Rändern bilden die ersten Spuren des Lebens zwischen den gewaltigen Brocken einer Geröllhalde. Der Frost hat die Steine aufgesprengt und steinerne Blütenornamente gebildet. Im Anorganischen prägen sie die Grundmuster des Lebendigen vor.  Orangerot leuchtende Flechten ernähren sich von den Mineralien. Die Reise führt in den Anfang der Schöpfung zurück, als Wasser und Land gerade getrennt worden waren und das Leben zu sprießen begann. Für den Menschen ist diese Natur noch nicht bereitet, deshalb ergreift sie  zuweilen seine Seele mit Faszination und Schrecken, als habe sie verbotenerweise einen Blick in die Werkstatt des Schöpfers geworfen.  Himmel, Erde und Wasser fließen ineinander über. Farben und Formen wechseln in Minutenschnelle. Türkisblau und grauschwarz bricht der Gletscher auf. Jahrtausendelang   wurde das Land von seinen  Eismassen weichgeknetet. Jetzt haben sie einen fruchtbaren Lehm der Schöpfung freigegeben, einen Erdenkloß, dem zum Lebendigwerden nur noch der Anhauch Gottes fehlt. Keine Kamera kann das Farbenspiel des jungfräulichen Bodens einfangen. In braunroten, ockergelben und lindgrünen Linien stürzen Berge den Canyon hinab. An ihren Rücken sind die Spuren des Walkens und Knetens deutlich sichtbar. Unten in den Schluchten murmelt rostfarbenes Wasser  über  rosige Gipsplatten.  Nur laufend kann sich der Mensch in dieser Landschaft bewegen. Wer stehenbleibt, versinkt bis zu den Knien im Boden.  Vor Jahrmillionen  war die Arktis eisfrei. Käme heute ein weltweiter Umschwung  des Klimas, hier oben wäre der fruchtbare Boden für eine neue Entfaltung des Lebens gegeben. 

 

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Nowaja Semlja

 

Auf Nowaja Semlja haben russische Wissenschaftler Atomversuche durchgeführt und große Teile der Insel verstrahlt zurückgelassen. Während wir das Winterlager von Willem Barents an der Nordspitze  dieser Nachbarinsel von Sewernaja Semlja besuchen, wird weltweit gegen die geplanten französischen Atomversuche im Pazifik protestiert. Seltsame Gedanken überfallen den Reisenden. Es ist, als werde hier im Nordland bereits eine neue Schöpfung vorbereitet.  Die arktische Landschaft ist weder schön, gewaltig noch erhaben, ihre Größe übersteigt alles Begreifen. Sie ist ein heiliger Raum, vor dem der Eindringling zurückschreckt, wie Moses vor der Stimme aus dem Dornbusch.  Eine Macht ergreift ihn, die alle Maßstäbe und Sorgen des Menschen relativiert, ja seine Bedeutung in Frage stellt:  In dieser Werkstatt des Lebens ist der Mensch ein kleines Gefäß und die Weltgeschichte nur das Muster darauf. Es kommt nicht auf den Menschen  an, ja selbst die von ihm geschaffenen Katastrophen und Zerstörungen wirken  bedeutungslos vor dem hier wehenden Anhauch der Ewigkeit. „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst?“ (Psalm 8.5).

 

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Vor dem fünfstündigen Flug von Sewernaja Semlja über das Eismeer nach Franz-Josef-Land werden die vier großen Tanks des Hubschraubers in Sredny aufgefüllt. Die Haut des Tankwartes auf der Militärstation ist vom Frost gezeichnet. Ein erfrorenes Lächeln legt die Zahnhälse und das rotbläuliche Zahnfleisch frei. Drei junge Frauen sind gekommen und blinzeln gegen die Sonne.  In Sichtweite von Sredny liegt die Insel Domaschnij.  Hier stand in den dreißiger Jahren das Haus des russischen Arktisforschers Uschakov. Bären- und Walroßknochen liegen verstreut; zwischen den letzten Balken des Hauses brüten die Elfenbeinmöwen. Sie gelten als Schutzengel der Arktis und Symbole der Unsterblichkeit. Sergej, der Funker, verweist auf die Schwingen der Elfenbeinmöwe, die er als Tätowierung auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger trägt. Wenn der Helikopter ins Wasser stürze, sagt er, dann kämen die Möwen und trügen unsere Seelen in den Himmel. Nach zwei Stunden Flug besuchen wir den einsamsten Ort der Arktis, die verlassene Station Uschakova. Zwei Holzhäuser inmitten des Eismeeres auf dem Gletscher. Noch verpackte Ziegelsteine sind vor einem Haus gestapelt, ein moosiger Eisbärenschädel liegt zwischen alten Zeitungen und leeren Flaschen. Lebensmittelreste in der Vorratskammer. Wäsche hängt noch an der Leine und ein Feuerlöscher an der Wand. Mit weißem Pinselstrich sind die Umrisse eines nackten weiblichen Körpers an die Eingangstür gemalt. Doch schon beginnt eine dicke Eisschicht den Fußboden der Häuser zu überziehen. Über dem Hauptgebäude sind noch die Funkdrähte gespannt. Doch kein Mensch sendet aus diesem Eiland Botschaften, und auch die große Antenne empfängt keine Signale mehr. Auf ihren Drähten spielt der Polarwind das Lied vom ewigen Schlaf und der dunklen Nacht. Für wenige Stunden sind wir ausgesetzt auf den Eisbergen der Stille. Dann steigen wir wieder in den Helikopter .  Wie köstlich schmeckt jetzt der Himbeertee aus rotem Plastikbecher, und wie erwärmt sich die Seele am Wort!  

 

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Franz-Josef-Land wurde durch die  österreichisch-ungarische Nordpolexpedition (1872-1874) unter der Leitung von  Julius Payer und Carl Weyprecht entdeckt. Payer notierte hier zwischen 80° und 82° nördlicher Breite: „Nirgends auf der Erde kann ein Exil so vollständig sein wie hier, unter dem furchtbaren Triumvirat: Finsternis, Kälte und Einsamkeit. Selbst Engel müßte das Verlangen des Wechsels befallen.“ Vorbei an der Graham-Bell- Insel, Wilczek-Land und der Wiener-Neustadt-Insel nähern wir uns der Hayes-Insel. Bei der Landung rückt zuerst eine abgestürzte Antonov-26 in den Blick. Wir stehen in einer Lache aus Eisschlamm und Öl. Kein Hund begrüßt uns. Mit dem Koffer in der Hand und wehleidiger Stimme bittet ein junger Wissenschaftler aus Österreich  um eine Mitfluggelegenheit. Auch ein Mann mit einer Fischvergiftung wartet auf Hilfe.

 

Das Quartier der Station Krenkl (Hayes-Insel) befindet sich in einem desolaten Zustand, der alles in den Schatten stellt, was wir bisher gesehen hatten. Daß die Geschichte der Entdeckung  der Arktis auch eine Geschichte des Scheiterns ist, wird plötzlich wieder bewußt. Willem Barents starb noch bei seiner Rückkehr von Nowaja Semlja an Skorbut, Otto Krisch, Maschinist der Tegetthoff, liegt auf der Wilczek-Insel begraben, auf der Rudolf-Insel, dem nördlichsten Eiland von Franz-Josef-Land, liegt das Grab des Matrosen Sigurd Myhre, daneben der Propeller und andere Teile einer Antonov-26 und die Rotorblätter von zwei Hubschraubern. Als Franz-Josef-Land in den dreißiger Jahren von der Sowjetunion besetzt wurde, versuchte man sämtliche Spuren der bisherigen Erforschung des Archipels zu beseitigen. Planmäßig wurden amerikanische und norwegische Polarstationen eingeebnet. Wie unübersichtlich und wenig kontrollierbar die Inselwelt von Franz-Josef-Land jedoch ist, zeigt die Tatsache, daß inmitten des Zweiten Weltkrieges deutsche Soldaten auf Alexandra-Land eine Militärstation errichten konnten, die erst in den sechziger Jahren entdeckt wurde. Inzwischen hat sie ein Gletscher unter sich begraben.  Der Funker hatte von den Schutzengeln der Arktis gesprochen. Auf Domaschnij standen plötzlich drei Gestalten aus Licht und Wolken am Horizont. Ihre Erscheinung reichte vom Eis des Meeres bis in den Himmel. Der naive Versuch, sie mit der Kamera festzuhalten, mißlang.  Julius Payer hatte sich geirrt. Es gibt keinen Ort der Welt, wo sie nicht zu finden sind. Selbst auf der Station Krenkl erinnerte eine postkartengroße Nachbildung der berühmten Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow an ihre Anwesenheit.

 


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Stille herrscht in der arktischen Landschaft, aber kein Schweigen.  Das ruhige Gespräch beim Eisangeln ist noch in weiter Ferne zu vernehmen; aus den Fjorden steigt das Geschrei der Möwen empor; die Walrosse grunzen und rülpsen am Meeressaum. Wer könnte die Worte des Windes übersetzen und  den Gesang der treibenden Eisberge?  Wer entziffert die Frostmuster der Steine?  Die eisige Stille der Arktis bricht Felsen und versteinerte Seelen auf. Nach jahrelangem Schweigen beginnt mancher Wanderer wieder das Gespräch mit Gott.  Die Geschichte der Entdeckung der Arktis ist auch ein Raum der Selbstbegegnung und des Überlebens.  Wir sind Gast auf der nördlichsten Funkstation der Welt. Hier auf der Rudolf-Insel lebt ein Ehepaar. Krapfen, Gebäck, Brot, Butter, Marmelade und Tee  werden aufgedeckt. Gesang ertönt. Der Funker hat ein kleines Museum eingerichtet: Steine, Eisbärenkrallen, Überreste der Ziegler-Expedition. Die Hausfrau führt uns durchs Gebäude. Im Schlafzimmer über dem Ehebett eine Muttergottes mit Jesuskind, dann durch einen Flur mit Nahrungsvorräten zur einer Tür, hinter der sich Unglaubliches verbirgt: Leinen- und ledergebunde Bücher, Regale vom Boden bis zur Decke gefüllt.  Es mögen zehntausend Bände sein. Wir versuchen, die Buchrücken zu entziffern. Alles ist in diesem Hort der Kultur zu finden. Auch Thomas Mann in der Arktis. Der Funker erzählt, er und seine Frau wohnten das letzte Jahr hier, dann werde die Station aus Geldmangel geschlossen. Vielleicht werden in wenigen Jahrzehnten andere Besucher kommen und eine Bibliothek der Weltliteratur unter dem Eis finden.

 

 

Gedenktafel Nansen

 

 

Auf der Jackson Insel  erinnert eine Gedenktafel in russischer und norwegischer Sprache an  Fridtjof Nansen und  Fredrik  Hjalmar Johansen, die hier vor genau einhundert Jahren neun Monate in Nacht und Eis überwinterten. Nach zwei Jahren Eisdrift mit der „Fram“ (Vorwärts) hatten sie auf 84° 4’ nördlicher Breite das Schiff verlassen, um zu Fuß den Nordpol zu erreichen.  Trotz unglaublicher Willensstärke scheiterte der Versuch, und nur einem guten Geschick hatten es die beiden zu verdanken, daß sie auf ihrem Rückweg Franz-Josef-Land erreichten. Auf Jackson ist noch der Fichtenstamm zu sehen, der als Firststück für ihre Winterhütte aus Stein, Eis- und Walroßfellen diente. Neun Monate dunkle Nacht, neun Monate, in denen nichts passiert, die Gedanken nichts mehr denken und das Herz im Schweigen versinkt. Was ist der Mensch? „Nur ein Staubkorn ist er vor der Macht, die alles, was wir sehen und nicht sehen, erschaffen hat, der Macht, die von Ewigkeit her alles regiert und in Ewigkeit alles nach ihren uns unfaßbaren Gesetzen regieren wird, der Macht, die uns auf dieser Reise so oft vom Untergange errettet hat!“ notiert Hjalmar Johansen in seinem Reisebericht. Noch immer ist die Arktis ein Ort der Selbstbegegnung und der Berührung mit dem Geheimnis der Schöpfung. Von St. Petersburg geht der Flug mit der SAS über Kopenhagen nach Hamburg. Als tief unten Deutschland sichtbar wird, überfällt Rührung den Heimkehrenden. Welche  Gnade,  Heimat zu haben!

 

 

Schnee in der Luft

von

Ulrich Schacht

 


SCHNEE IN DER LUFT die

Sonne sinkt ins Meer, von Osten

her ertrinkt die Welt im

 

Weiß. In Pfützen glänzt

das Eis vorm Haus die weißen Tische

Stühle - längst verschwunden. Schnee

 

in der Luft er deckt die

Schnitte Wunden wenn er

fällt, von Osten her ertrinkt die

 

Welt in Schweigen: Aufsteigen bis

ins All. Lautloser Fall. Tiefstes

Verneigen

 

 

 

Anmerkung zu Fridtjof Nansen

 

Fridtjof Nansens Bericht über die Fahrt mit der "Fram" gehört zur Weltliteratur. Er veröffentlichte ihn 1897 in zwei Bänden unter dem Titel:


Fram over polhavet. Den norske polarfaerd 1893-1896. H. Aschehoug & Co.s Forlag. Kristiana 1897.

 

 

 

Weltliteratur

 

 

 

Die deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel:

In Nacht und Eis. Die Norwegische Polar-Expedition 1893-1896. Zwei Bände. Mit einem Ergänzungsband von Bernhard Nordahl (Wir Framleute) und Hjalmar Johansen (Nansen und ich auf 86°14').

 

Nansen hat die Bände seiner Frau Eva gewidmet:

"Til hende som døbte skuten

og sad modig tilbage."


"Ihr, die das Schiff getauft

und den Muth hatte

zu warten."

 

Zwei Inseln des Archipels von Franz-Josef-Land benannte er nach seiner Frau Eva und seiner Tochter Liv. Unter dem Titel "Eva og Fridtjof Nansen" und "Nansen og Verden" (Oslo 1954/55)  veröffentlichte Liv Nansen-Høyer ein Portrait ihrer Eltern. Die gekürzte deutsche Übersetzung von Ellen de Boor trägt den Titel "Mein Vater Fridtjof Nansen. Forscher und Menschenfreund". F.A. Brockhaus Verlag. Wiesbaden 1957. Nansen ist heute ein norwegischer Nationalheld. Der Träger des Friedensnobelpreises 1922 zählt zu den bedeutenden Humanisten des 20. Jahrhunderts.


Im Osloer Frammuseet ist die Fram zu besichtigen. Mit ihr wurden weitere Fahrten ins Eis unternommen. So durch Otto Sverdrup nach Grönland und Kanada und durch Roald Amundsen zum Südpol.Über die Rückkehr ihres Vaters aus "Nacht und Eis" schreibt seine Tochter Liv:

 

"Nun aber geschah etwas Unerwartetes. Er entdeckte. daß es auch Kraft erforderte, wieder daheim zu sein. Der Übergang von der Größe und Einfachheit des Eismeeres zum lärmenden Leben der Zivilisation war allzu plötzlich." (95) "Eine seltsame Melancholie war über Nansen gekommen. Er war reizbar und unausgeglichen, den einen Tag himmelhochjauchzend, den anderen verstimmt und niedergeschlagen. Er klammerte sich an Eva als das einzige Beständige in seinem Leben." (97) "Erst, wenn die Aufgabe gelöst war, kam die Lebensmüdigkeit." (98) "Vater besaß - unter den mannigfachen Lebensumständen - eine vollkommene Selbstbeherrshcung. Er hatte sie als Kind ein für allemal gelernt, und sie lag seiner Familie im Blut.  Er war niemals untätig, und diese Eigenschaften allein vermochten ihn vor Melancholie und Pessimismus zu bewahren." (178) "Ich kann getrost sagen, daß Vater in seiner Veranlagung eine tiefereligiöse Natur war - doch ohne religiös-mythologische Vorstellungen. Er stand voll heiligem Staunen vor der Unendlichkeit und Größe des Weltalls: 'Der sternbesäte Himmel ist der wahrste Freund im Leben. Immer ist er da, immer gibt er Frieden, immer mahnt er dich daran, daß deine Unruhe, deine Zweifel, deine Schmerzen vorübergehende Kleinigkeiten sind.'" (273.