Startseite > Bibliographie > Meine Romane

 

Widerhall und Widerspruch:

 Zur Entstehungsgeschichte meiner frühen Romane

(1981-1984)

 

 

„Vielleicht hätte Thomas Mann so mit 85 geschrieben.

Dieses Risiko sollte der Ullstein Verlag getrost auf sich nehmen.

Denn kein Text, der nicht alles wagt,

hat heute noch Wert und Sinn, vielleicht Bestand.

Und an Uwe Wolff werden sich die Geister scheiden.“

 

Meine Lektorin Hanna Siehr im Jahr 1983

 

 

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Joachim Fest, Golo Mann.jpg

 

 

 

 

 

1982 begegnete ich zum ersten Mal Hanns-Josef Ortheil. Drei Jahrzehnte später sollte ich mich in seinem Hildesheimer Institut für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus habilitieren. Begegnungen sind Fügungen. Wir waren nach Klagenfurt zum Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen worden. Damals bestimmte der große Selbstdarsteller Marcel Reich-Ranicki die Atmosphäre. Ich mochte ihn. Er mochte mich, doch noch mehr Ulla Berkéwicz, die mit meiner Lektorin Hanna Siehr ein Zimmer teilte. Wer von den Studentinnen der Kulturwissenschaft kennt heute noch den Namen des alten Klagenfurter Drachen? Ein Mann mit seinem Furor würde heute auf der Bühne verhaftet und mit Beleidigungsklagen überschüttet werden.

 

Ich las am Samstag, den 26. Juni 1982, aus meinem dritten Roman „Der Ewige Deutsche. Eine Geschichte aus jugendbewegten Zeiten“. Das Datum und die Stunde erinnere ich genau, weil zeitgleich in der fernen Heimat mein erster Sohn zur Welt kam. „Der Ewige Deutsche“ beschreibt auf dem Hintergrund der Wandervogelzeit und der frühen Hitlerbewegung, was wir heute nicht nur in den rechtspopulistischen Bewegungen erleben. Ich habe ihm ein Motto von Walter Rathenau vorangestellt:

 

„Eine neue Romantik wird kommen: die Romantik der Rasse. Sie wird das reine Nordlandsblut verherrlichen und neue Begriffe von Tugend und Lauter schaffen. Den Zug des Materialismus wird diese Romantik eine Weile hemmen. Dann wird sie vergehen, weil die Welt neben der blonden Gesinnung des schwarzen Geistes bedarf und weil das Dämonische sein Recht will. Aber die Spuren dieser letzten Romantik werden niemals schwinden.“

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Er war nie wirklich weg (1984).jpg


 

Mein Mentor Hans Wollschläger hatte mich (Brief vom 31. März 1982) vor der Reise nach Klagenfurt gewarnt:

 

„Aber haben Sie sich das mit Klagenfurt auch genau überlegt? Das ist ein ekelhaftes Zeremoniell dort, und je besser Sie sind, desto geringer ist Ihre Aussicht, bei den Plunderköpfen zu reüssieren. Ich habe Ihretwegen an meinen Verleger Gerd Haffmans geschrieben und ihm kurz und bündig geraten, Sie so rasch wie möglich ab – und anzuwerben für seinen Verlag, mit dem er im Herbst startet -: Sie wären da bestens aufgehoben, und Haffmans (bisher Cheflektor und Verlagsdirektor bei Diogenes) wird sicher ein glänzendes Verlagsunternehmen auf die Beine stellen. Überlegen Sie sich das bitte gut :- ich geb gern genauere Auskünfte.

 

Und Ihre Sorgen! Mein Lieber, Sie können so viel, dass einem schwindelig werden kann, und das Wunderliche daran ist, dass Sie es offenbar gar nicht wissen. Machen Sie sich nur gar keine Gedanken wegen der ‚Marionetten’: - ich glaube, das empfindet jeder Autor so. Ihre Gestalten haben ‚Leben’, soviel nur reingeht, und jeder Auftritt macht Pläsier. Nochmals: der PAPA FAUST ist ein funkelndes Stück ironischer Welterzählung; das kann außer Ihnen heute keiner, - ich weiß, was ich sage.

 

Viel Zuversicht wünscht Ihnen Ihr Sie herzlich grüssender

Hans Wollschläger“

 

Wenn ich hier einen Blick zurückwerfe, dann erkenne ich mich wieder in der großen Suchbewegung nach literarischem Ausdruck für das, was in mir angelegt war und Gestalt gewinnen wollte. Ich schrieb ohne Blick auf den Markt. Wer schreibt, bekommt Widerhall und erntet Widerspruch. Sie will ich dokumentieren, weil sie dem Webmuster des eigenen Lebens die notwendigen Konturen gaben.


tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Meine erste Erzaehlung 1981.jpg

 

 

1982 erhielt Joachim Fest (1926-2006) den Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck. Vorsitzender der Thomas-Mann-Gesellschaft war damals Ulrich Thoemmes, ein alter Klassenkamerad und Freund von Hans Blumenberg. Die Lübecker wollten neben dem Hitler-Biographen einen jungen Schriftsteller auszeichnen, der erkennbaren Bezug zum Werk von Thomas Mann hatte. Diesen Jüngling zu finden, war offenbar nicht einfach. Hatte doch schon ein Doktorand in seiner Besprechung (Deutsche Bücher 1/1982) meiner Thomas-Mann-Erzählung „Thomas Mann auf der Seefahrt nach Oslo“ betont:

 

„Uwe Wolff ist, was man bislang für unmöglich gehalten hatte: ein Schüler Thomas Manns. Da er Thomas Mann nicht parodiert, sondern imitiert, entsteht ein stilistischer und gedanklicher Eklektizismus und ein Produkt, das mit Mann in Verbindung zu bringen, schon fast an Blasphemie grenzt.“

 

Angesichts der Fülle meiner Veröffentlichungen gestand der Rezensent aus Nijmegen:

 

„Unsereiner ist schon zufrieden, wenn er in einem Jahr wenigstens einen Aufsatz publizieren kann.“

 

In der Schweiz geht man moderater mit Erstlingswerken um, besonders, wenn man Dominik Jost heißt und für die NZZ (17. Januar 1981) schreibt:

 

„Was Thomas Mann mit Goethe recht war, als er in den dreissiger Jahren ‚Lotte in Weimar’ schrieb, ist heute einem jungen Kollegen mit ihm nur billig gewesen. Und wie die Goethe-Philologie zu Manns Goethe-Bild ihre Fragezeichen setzte, wird Wolff gerüstet sein müssen, von anderen Mann-Experten Widerspruch zu hören. Seine Erzählung ist zum einen eine spielerische Einführung in die Ideensphäre Thomas Manns, zum anderen der anspruchsvolle Versuch einer Synthese; sie ist das ernste Spiel einer weitgehend geglückten Mimikry.

 

Biographie als Beschreibung des Erwerbs einer Ideensphäre und einer Wertwelt. Thomas Mann ist für Uwe Wolff das bisher entscheidende Schlüsselerlebnis. Ein ehrgeiziger Entwurf, kein landläufiger Einfall, um autobiographische Bildungseinflüsse in Dichtung einzubringen. Wem die zum Schimpfwort abgewertete Vokabel Epigone schon auf der Zunge brennt, der möge sie zurückstellen. Jedenfalls ist Uwe Wolff hier aus dem breiten Corso gängigen Schreibens ausgebrochen. Er hat zwar mit dem Anspruch seine gegenwärtigen Möglichkeiten entschieden überzogen, aber es gibt ausreichend Gründe zu hoffen, er werde den Respekt seiner Leser noch mehren.“ 

 

 
Für Papa Wolff
 

 

So erhielt ich den Thomas-Mann-Förderpreis 1982, weil ich in einem Anfall von Übermut eine Thomas-Mann-Erzählung geschrieben hatte. Zum Glück passte ich noch in meinen blauen Konfirmationsanzug. Neu war die Samtfliege. Dieser Propeller hat sich über die Jahrzehnte tadellos erhalten, weil er nie wieder angelegt wurde. Eckhard Heftrich (*1928), später trat er die Nachfolge von Ulrich Thoemmes an, hatte zwar ein elegantes Halstuch aus Seide empfohlen, wie er es selbst gerne trug; ich aber dachte, für dieses Accessoire noch nicht das Alter und die Reife erlangt zu haben.

 

Lisa Dräger (1920-2015) hatte das Preisgeld gestiftet. Die Veranstaltung fand in Anwesenheit der Ehrenvorsitzenden am 7. Mai 1982 im Scharbau-Saal der Stadtbibliothek statt. Joachim Fest hatte seinen Sohn Nicolaus mitgebracht. Angereist kamen auch Golo Mann als Vertreter seines Vaters und das Ehepaar Reich-Ranicki. Golo Mann tat mir leid, weil alle, die mit ihm in ein Gespräch kamen, etwas über seinen Vater wissen wollten. Ich bildete da keine Ausnahme. Teofila wiederum sprach unentwegt von ihrem hochbegabten Sohn, einen in Amerika lehrenden Mathematiker.

 

Eine Rede war in Lübeck nicht vorgesehen, aber ich hatte das Bedürfnis, mich zu erklären:

 

„Als Herr Dr. Ulrich Thoemmes mir mitteilte, dass die Deutsche-Thomas-Mann-Gesellschaft einer Empfehlung Joachim C. Fests folgend mir den Förderpreis verleihen wird, erfüllte mich mehr ein Gefühl der Beschämung als der Freude. Denn wer möchte behaupten, dass ein 26jähriger Autor mit seinen belletristischen Etüden ein rühmenswertes, preisungswürdiges Opus geschaffen hätte?“

 

Die Worte waren kein Bescheidenheitsgestus. Offenbar dachten die Lübecker ähnlich: Es war das erste und einzige Mal, dass der Lübecker Förderpreis verliehen wurde. Irgendwie fühlte ich mich daran schuldig. Aber von dem Preisgeld kaufte ich mir trotzdem eine wunderbar weiche Jacke aus blau gefärbtem Ziegenleder. Der Rest konnte gut für die erste Babyausstattung verwendet werden.                       

 

Einmal im Leben sollte man einen Faust schreiben. Die Idee kam über mich im Thalia-Theater, als ich eine Aufführung mit Traugott Buhre (als Papa Faust) und Boy Gobert (als Mephisto) sah. Viele Menschen träumen davon, einen Roman zu schreiben und lassen sich mit der Verwirklichung Zeit bis zum Eintritt ins Rentenalter. Ich war sehr frühreif.  

 

Im Jahr 1980 hatte Eckhard Heftrich die Mitglieder seines durch exzellente Forschung ausgewiesenen Oberseminars zu einer Forschungsinitiative nach Hamburg geladen. Wir logierten im Hotel Atlantic, das sich Udo Lindenberg damals noch nicht als Wohnort leisten konnte. Wir auch nicht. Aber Heftrich hatte für unser Exzellenzcluster die angemessenen Drittmittel eingeholt und dies alles ohne ein Wort darüber zu verlieren.

 

Heftrich war ein Künstler und erfolgreicher Kinderbuchautor. Sein Oberseminar galt als esoterischer Kreis auserwählter Studentinnen und dreier Studenten, in dem Meister Eckhard die konzentriert zuhörende Mitte bildete. Ziel aller Übungen war der unverstellte Blick auf das Wesentliche unter Ausblendung aller Sekundärliteratur. Neben Goethes „Divan“ und „Faust II“ wurde vor allen Dingen Thomas Mann mit philologischem und erotischem Spürsinn gelesen. Jeder Satz, beinahe jedes Wort, war hier zugleich eine Anspielung auf die großen Leitmotive der abendländischen Literatur, Kunst und Musik, deren Kenntnis vorausgesetzt wurde oder rasch nachzuholen war. Denn nur dem Wissenden und Eingeweihten zeigte sich das Webmuster dieser Prosa in voller Schönheit. Um diese Ästhetik der Herrlichkeit genießen zu können, bedurfte es auch einer musikalischen Bildung.

 

Caspar Graf von Rex erteilte mir musikalischen Nachhilfeunterricht. In seiner Wohnung hören wir Opern, Operetten, vor allen Dingen Wagners Ring und seinen Parsifal und besuchten gemeinsam mit der Musikwissenschaftlerin Maria Elisabeth Brockhoff Theateraufführungen in Bochum. Heftrichs intime Kontakte zur französischen Germanistik fanden auch Ausdruck in einem weiteren Mitglied des Kreises, einer hübschen Französin mit kakaofarbener Haut. Das Leben war eine Bühne. Heftrich schrieb Kommentare zu Thomas Mann und wurde einer der Herausgeber der Frankfurter Ausgabe. Caspar Graf von Rex leitete als Kanzler die Ernst-Busch-Schauspielschule. Ich schloss mein Studium mit einer Arbeit über den Mann Moses bei Sigmund Freud und Thomas Mann ab.

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Roman der Siebziger Jahre.jpg

 

 

Im Thalia-Theater wurde mein Faust geboren. Mit ihm reagierte ich auf eine neue Erfahrung. "Papa Faust" ist der Öko-Faust, der Faust der Feministinnen und der alternativen Wohngemeinschaften. In jenen Jahren lernte ich Karin Struck (1947-2006)  kennen und arbeitete gelegentlich für sie als Gärtner, Privatsekretär oder Babysitter in Billerbeck, wo sie mit ihren drei Kindern und Manfred neue Erdung suchte. Diese Frau war ein Vulkan. Ihr furioser Auftritt in der NDR-Talk-Show (1993) mit der damaligen Familienministerin Angela Merkel zeigt, wozu sie fähig war, wenn es für sie um letzte Wahrheiten ging. Und darum ging es bei ihr immer. In allen vermeintlichen Wandlungen ihres Lebens als Kommunistin, Vegetarierin, Feministin, große Mutter Demeter und Konvertitin blieb sie sich als Fundamentalistin treu. Sie schrieb autobiographisch gefärbte Romane, die von Heinrich Böll und Peter Handke in den Medien gefeiert und von Peter Beauvais verfilmt wurden. Dann wurde Karin Struck fallengelassen und war bereits vergessen, als wir 1997 ihren 50. Geburtstag mit einer Katholischen Messe feierten.

 

Als ich 1978 ihrer Einladung zu einem Besuch in die Münsteraner Kerßenbrockstraße folgte, bildeten Getreidemühlen, biologisch-dynamische Ernährung, Kinderpullover aus friesischer Schafwolle, Sitzbadewannen, Ölbäder und Unterleibsmassagen das Gesprächsthema. Mir gefiel ihr Absolutheitsanspruch. Zugleich regte er mich auf und an. Deshalb griff ich zur Feder. Ich schrieb, um mich zu befreien.

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Spiegel 7:1982.jpg

 

Fritz Rumler besprach meinen Demeter-Faust im „Spiegel“ (7/1982):

 

„Und wirklich ist, rarer Fall, der ‚Papa Faust’ ein frappierender Intelligenz-Trip ins Heitere. Ein Sprachkomödiant setzt sich ab von den grauen Kolonnen der schreibenden Ego-Schmocks und der Neuen Weinerlichkeit; der Zeit schaut er dennoch scharf ins Auge.

Unter dem Tarnwort ‚Idylle aus deutschen Landen’ nämlich bringt Wolff ziemlich alles zu kunstvoller Sprache, was so im Augenblick die Szene bunt macht: Grüne, Feministinnen, Punker, Öko-, Bio- und Psycho-Freaks – das antibürgerliche Heldenleben. Der junge Wolff schreibt dabei nicht mit Ideologiesäure, vielmehr mit der Gelassenheit eines alten Meisters.“

 

Alle blättern im „Spiegel“. Auch Joachim Fest. So wurde er auf mich aufmerksam, vertraute blind dem Urteil Fritz Rumlers und sprach eine Empfehlung an die Lübecker aus. Natürlich hatte er mein Buch nicht gelesen.

 

Der „Papa Faust“ ist als Roman der Siebziger Jahre von bleibendem Wert. Ein Geschenk. Er wurde vielfach als Autobiographie gelesen. Ich erhielt Anfragen aus alternativen Lagern, ob noch ein Platz in der Wohngemeinschaft frei sei. Jost Hermand schrieb in seinem Buch „Grüne Utopien in Deutschland. Zur Geschichte des ökologischen Bewusstseins“ (1991):

 

„In dieser ländlichen Idylle ist der bürgerlich-hyperaktive Faust endlich zur Ruhe gekommen. Statt ständig weiterzuhasten und alles umzugestalten, widmet sich Wolffs Faust lieber dem ‚dem ruhigen Betrachten, dem sorgsamen Hegen und Bewahren der Umwelt’. Er ist der ‚Papa’ Faust, der sich in erster Linie ‚liebevoll um Mensch, Tier und Natur kümmert’. Als Endziel schwebt ihm die völlige Autarkie vor, mit der er die ‚Sehnsucht nach einem ganzheitlich erfüllten Leben jenseits der Entfremdung’ befriedigen will. Er und seine Freunde hoffen, dass sich sämtliche Kleingruppen dieser Art bald ‚vernetzen’ und die ‚Freie Republik Schafstedt’ ausrufen werden.“ (S. 155)

 

Gisela Röhn (1927-1993) hatte Bilder zu Motiven von Hölderlin und Thomas Mann gemalt. So lernte ich sie und ihren Mann Erich Röhn kennen. Röhn war unter Erich Furtwängler erster Konzertmeister gewesen. Er schenkte mir eine frühe Aufnahme. Von seiner Frau erwarb ein Bild. Es zeigt ein Kind am Strand, umgeben von geflügelten Wesen. Auf meine Frage, warum sie Engel gemalt habe, antwortete Gisela Röhn sybillinisch: Das werde ich noch herausfinden. Die Hamburger Malerin begleitete mein Werden. Am 2. März 1982 reagierte sie auf mein Buch mit sehr treffenden Worten:

 

„Ein dichterischer Zeitspiegel von träumerischer Kraft. Ahnen Sie, was mir am besten gefallen hat? Die Wolke mit ihrem jungen Vater und die Hunde, die wilden. Das Buch scheint heiter, aber der Hintergrund ist beängstigend, so sehr zum Schütteln, daß man die Hoffnung nur auf die kleine Wolke placieren möchte. Sehen Sie, lieber Uwe Wolff, ich meinte vor einem halben Jahr, dass Sie erst einmal ‚leben’ sollten. Wie konnte ich nur so etwas schreiben! Nun weiß ich, daß Sie wirklich ein Dichter sind, der gar nicht zu leben nötig hat; er ist sowieso mit allen Wassern gewaschen. Nehmen Sie’s gern so doppelsinnig, wie ich diesen letzten Satz auch auf mich reimen könnte. Man bewegt sich in Worten, man handelt und man verwandelt sich in Worten. D.h. bei mir sind es eigentlich mehr Bilder.“

 

Durch Christa Rotzoll, Ehefrau von Sebastian Haffner, wurden die Leserinnen von „Cosmopolitan“ (4/1982) auf mich aufmerksam: „Der junge Mann gefällt mir sehr. Jung ist er wirklich, Jahrgang 1955. Uwe Wolff, ein so gelehrter wie verspielter Knabe, macht allerhand nach, zum Beispiel den beschaulichen Erzähler aus dem vorigen und vorvorigen Jahrhundert.“ Robert Gernhardt dagegen warnte im Satiremagazin „Titanic“ vor allzu viel Heiterkeit. Uwe Wittstock (*1955), heute für den Focus schreibend und noch immer einen Monat älter als ich, reagierte in der FAZ (28. Juni 1982) und attestierte mir vollkommene Unkenntnis in allem, was zur Zeit wirklich abgeht:

 

„Der ‚Spiegel’ würdigte seine Arbeiten in einer geradezu enthusiastischen Besprechung. Wurde hier also im Dschungel der Neuerscheinungen ein vielversprechender Sprössling übersehen? Ist ein Unrecht wiedergutzumachen und nachträglich auf eine bislang fast unentdeckt gebliebene Hoffnung der zeitgenössischen deutschen Literatur hinzuweisen? Wohl kaum.“

 

Ich las den Verriss auf dem Rückflug von Klagenfurt, wo ich auf Einladung von Martin Gregor-Dellin vorgelesen hatte. Zu Hause wartete ein Zuspruch von Friedrich Ohly (12. Juli 1982):

 

„Der Kritiker in der FAZ ist ziemlich blind gewesen und für Ihre Töne unempfindlich. Legen Sie ihn beiseite! Ich hoffe, Sie behalten Freude über Ihren Dingen.“

 

Vor allen Dingen aber das erste Kind. Als Student war ich bereits in Elternzeit. Wenn der Sohn schlief, schrieb ich an meinem neuen Buch. Hanna Siehr, Namensgeberin für meine Tochter, setzte sich für das Buch und einen sehr erfreulichen Vorschuss ein. In einem Gutachten schrieb sie:

 

„Wenig zeitgenössische Autoren sind heute noch, wie Uwe Wolff, so mutig (in Jean Pauls Sinne:) humoristisch zu schreiben. Soll heißen: die Gebrochenheit (auch sprachlicher) Erfahrung zu übersetzen ins Lachen. Hier freilich zumeist ins böse Lachen. Und dies in einem durchgehenden Ton des Als-Ob, der provozierend wirkt auf alle, die von einem Text eine Deckungsgleichheit von Sinn und Ausdruck erwarten. Die einen Leser werden begeistert sein, die anderen gänzlich genervt von einem zweihundertseitigen umständlichsten Kanzleideutsch, das in erlesener Gespreiztheit der Wortwahl und in altfränkischer Gewundenheit der Syntax sich ergeht. Vielleicht hätte Thomas Mann so mit 85 geschrieben.

Dieses Risiko sollte der Ullstein Verlag getrost auf sich nehmen. Denn kein Text, der nicht alles wagt, hat heute noch Wert und Sinn, vielleicht Bestand. Und an Uwe Wolff werden sich die Geister scheiden.

Der Bogen spannt sich von Rilke/George über Wandervogel und Rosenberg bis zu Chamberlain und Hitler, so dass es mitunter scheint, als seien hier Thomas Mann und Arno Schmidt wie durch Zauberschlag zur Deckung gebracht worden.“

 

 
Lektuere Ewiger Deutscher
 

 

 

Ich weiß nicht, ob die gute Hanna Siehr diesen Text geschrieben hat. Wahrscheinlich bediente sie sich einer Vorlage ihres freien Mitarbeiters Wolfgang Schlüter (*1948). Jedenfalls geriet ich in den Kreis um Hans Wollschläger (1935-2007). Wollschläger war unüberhörbar durch das Pfarrhaus geprägt worden – das galt für seine das Irrationale streifenden antiklerikalen Affekte wie für seine priesterliche Attitüde. Für sie war ich empfänglich.

 

Hans Wollschläger führte die Sprache auf magische Ursprünge zurück. Er spielte wunderbar Orgel und sprach einfach wunderbar. In seinem Mund wurden die nomina wieder numina. Wahrscheinlich hätte er auch Werbetexte so vortragen können, dass sie wie Offenbarungen geklungen hätten. Die Polyphonie seiner Übersetzung des „Ulysses“ stimulierte mich, verschiedene Sprachebenen zu erproben. Wollschlägers Nachdichtung des Kapitels „Die Rinder des Helios“, in dem er vom Althochdeutschen bis zum Barock die Entwicklung unserer Muttersprache  entfaltet, verführte mich, eine kleine Geschichte in mittelhochdeutscher Sprache zu schreiben. Friedrich Ohly, der gütige und geduldige Lehrer, sprach ein offenes Wort:

 

„Ihr Lehrer will ich gerne bleiben, lieber im übrigen freilich als gerade im Mittelhochdeutschen. Aber das bleiben ja wohl auch beiläufige Späße.“

(12. Juli 1982)

 

Auch Wollschläger hatte einen Faust geschrieben. Das Buch trägt den Titel „Herzgewächse oder Der Fall Adams I“ und hatte viele Fassungen durchlaufen als es 1982 erschien. Das griechische Motto „medeis apsychologikos eisito“ markiert den Anspruch des esoterischen Dichters, der gar nicht von allen verstanden werden will, auch nicht von jenen, die allein die Anspielung auf den Spruch über dem Eingangstor zur Platonischen Akademie wiedererkennen: „medeis ageometretos eisito“.

 

Wollschläger thematisiert in seinem Faust das Urdrama der Menschheit, die Geschichte von der Erschaffung des Menschen und seinem Sündenfall. Schreiben hatte für ihn eine therapeutische Funktion im ganzheitlichen Sinne von Heilung und Heil. Diese Erfahrung konnte ich nachvollziehen.

 

Über Krankheiten lässt sich leichter reden als über Zustände reiner Glückseligkeit. Auch einem Hans Wollschläger wollte es nicht gelingen, Heilung und Himmel zu beschreiben. Der zweite Teil der „Herzgewächse“ sollte nicht mehr erscheinen. Ich hatte es in meinem Brief vom 4. März 1987 prophezeit:

 

„Sie werden den zweiten Band nicht vollenden, es sei denn, Sie gehen über alles hinaus, was je gedacht und geschrieben wurde. Sie müssten die Welt in statu nascendi beschreiben!“

 

(zitiert nach: Rudi Schweikert. Hans Wollschläger. 1995. S. 249.)

 

Hans Wollschlägers Empfehlung folgend, veröffentlichte ich das Buch nicht im Ullstein Verlag, sondern bei Gerd Haffmans (*1944). Ich flog nach Zürich zu Haffmans erstem Verlagsfest. Traf so unterschiedliche Geister wie Fritz Senn und Robert Gernhardt, Bernd Eilert, Gerald Polt und Klaus Modick, plauderte mit Tatjana Hauptmann und Susanne von Bülow und fühlte mich wohl. Auch Hans Blumenberg hatte zum Verlagswechsel geraten und optierte sogar für die Edition seines Nachlasses durch seinen Sohn Tobias bei Haffmans. Aus dem Zürcher Gegenprogramm zur Suhrkamp-Kultur konnte schon deshalb auf Dauer nichts werden, weil Haffmans pleite ging - wie auch Franz Greno, der eine Neuedition des „Papa Faust“ angekündigt hatte. Bücher haben nicht nur ein Schicksal, sie stiften auch Schicksale.

 

Gerd Haffmans war damals der Verleger von Arno Schmidt, dessen spätes Werk „Abend mit Goldrand“ mich inspirierte. Einige Jahre später führte Bernd Rauschenbach mich und meinen ersten Leistungskurs Deutsch durch Schmidts Bargfelder Haus. Da erreichte mich der Anruf aus dem Kreißsaal, dass bald mein drittes Kind, Jaakob Elias, zur Welt kommen werde.

 

Mit drei Romanen und drei Kindern war diese Epoche meines Lebens abgeschlossen. Annemarie Stoltenberg (*1957) besprach das Buch für das Abendjournal des NDR Welle Hamburg:

 

„Uwe Wolff hat kein leicht lesbares Buch geschrieben und ich weiß nicht so recht, ob ich es jemandem empfehlen soll. Faszinierend ist sicher, wie er Kitsch, Dokument und Fiktion miteinander kombiniert, wie er die düstere Ernsthaftigkeit und auch Verführbarkeit des Deutschen beschreibt. Man liest dieses Buch, zitiert laut einige Passagen, um dann auszurufen: ‚das kann kein Mensch lesen!’ Aber man liest es dann doch, weil wohl ein Stück unserer kollektiven Kindheit darin steckt.“

 

Niels Höpfner entdeckte in der Wiener „Die Presse“ (9. Februar 1985) die Kostbarkeit meiner Prosa:

 

„Der 1955 geborene Autor Uwe Wolff schreibt eine Sprache, die sich auf den Begriff ‚Neue Kostbarkeit’ bringen ließe. Verglichen mit ihm sind selbst Peter Handke und Botho Strauß bettelarme Schreibbrüder.“

 

Jörg von Uthmann eröffnete seine Besprechung in der FAZ (1. Juni 1985) mit der einer stilistischen imitatio:

 

„Uwe Wolff ist ein noch junger Dichter, der vor drei Jahren für seine erste Erzählung ‚Thomas Mann auf der Seefahrt nach Oslo’ – nun, welchen Literaturpreis erhielt? Erraten: den Thomas-Mann-Förderpreis. Warum er diesem schönen Anfangserfolg nicht sogleich eine Erzählung ‚Alfred Nobel auf der Seefahrt nach Stockholm’ folgen ließ, bleibt sein Geheimnis.“

 

Eine gute Idee. Doch war der Ewige Deutsche nun einmal geschrieben und ich drückte wieder die Schulbank. Von 1983 bis 1985 war ich unter Günter Willer Referendar am Ratsgymnasium in Minden. Eine schöne Lehrzeit voller Anregungen. Ich las mit den SchülerInnen Auszüge aus dem Josephsroman, aus dem Frühwerk von Arno Schmidt und lud Hans Wollschläger in meinen Kurs ein. Danach ging es in schnellem Wechsel und immer auf der Suche nach einer festen Anstellung an die Ursulaschule/Osnabrück zu Pater Werinhard Einhorn OFM, dann ans Gymnasium Silberkamp in Peine und schließlich 1989 zu Kurt Gieseking an das Gymnasium Andreanum und als Fachleiter an das Studienseminar Hildesheim.

 

Wunderbare Jahrzehnte folgten. Ich hatte meinen Ort als Kollege des Schulmeisterleins Maria Wutz gefunden. Was mich damals bewegte, spiegelt der Brief von Hans Wollschläger (18. Mai 1987). Deshalb sei er hier eingerückt:

 

„Danke für Ihren Brief und die nachgekommenen Zeilen -; das ‚vollkommene Glück’, von dem Sie schreiben, kenne ich aus meiner eigenen Lehrer-Zeit; - ach, wie selten ist es geworden! Ich schreibe gern ein paar Zeilen in das Buch, das Sie dieser Glücks-Schülerin schenken wollen: - wir müssen auch auf diesem Feld rechtzeitig für ‚Nachwuchs’ sorgen ...

... und auf dem anderen sind es bei Ihnen bereits drei Glücks-Kinder geworden? Was sie dem Pater familias abverlangen, ermesse ich, obwohl ich mit nur zweien hinter Ihnen zurückbleibe; die Baby-Jahre des Sohns haben mich unentwegt am Rande des Nervenzusammenkrachs entlangtaumeln lassen...

(...)

Und machen Sie sich nur ja keine Gedanken wegen des mangelnden Echos bzw. der negativen Kritik anhand des ‚Ewigen Deutschen’, der ein ganz grandioses Buch ist! Unser Verleger muß einfach mehr tun -: von meinen ‚Sternen und Schnuppen’ hat er im ganzen letzten Jahr ganze 66 Stück verkauft...“

 

Damals fing ich an, für verschiedene Zeitungen zu schreiben. In der NZZ besprach ich auch ein Buch von Hans Wollschläger. Daraufhin wurde ich von der Universität Bamberg aufgefordert, ein Gutachten zum Projekt der Ehrenpromotion zu verfassen. Über die Hintergründe wusste ich nichts.

 

 

tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Herzgewaechse.jpg