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"Ich denke manchmal, mein ganzes Leben wäre anders verlaufen,
wenn ich hätte tanzen können."

Hans Fallada

 

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Tango Experimental mit Leonard Cohen

 

 

„Jag vill ha dej, vill ha dej, vill ha dej“

 

Rikard Wolff. Ta min vals

 

 

Bislang hielt ich Facebook für ebenso überflüssig wie Navis oder Handys. Doch der Tango ließ mich meine Abneigung über Bord werfen. Obwohl Undine und ich gerne und ausgiebig in unserem Haus am See tanzten, beflügelte uns doch die Sehnsucht nach dem Besuch einer weiteren Milonga. Auf den großen Internetportalen sind Milongas in Malmö, Göteborg, Stockholm und weiter oben in Norrland angezeigt. Doch auch hier in Småland muss es Tango geben. Nur wo verstecken sich die Tänzer und Tänzerinnen? Wie die Elche, so sind sie in meinem Bewusstsein ständig gegenwärtig, aber ich sehe sie nicht. Durch Facebook entdecke ich „Tango Experimental“ in Halmstad, und so machten wir uns auf den Weg.

 

Lena begrüßt uns. Die Mitglieder des Tangovereins treffen sich jeden Donnerstag, und pünktlich um 18.30 Uhr trudeln alle ein. Kaffee und Muffins werden gereicht und schon ist Undine auf der Tanzfläche. Herzlich, herrlich familiär ist die Atmosphäre. Hier tanzen Anfänger und Fortgeschrittene zu klassischen Tangos und Nontangos. Die Veranstaltung heißt Practica. Damit ist im Unterschied zur Milonga eine Lernsituation gemeint, die offen ist für das Experiment. Auch wer keinen Tango tanzen kann, tanzt einfach mit. Undine ist bald Mittelpunkt in der Kaffeerunde und nicht lange, da werden wir von Ulla eingeladen. Übernächsten Samstag trifft sich die Gruppe in Ullas Haus. Jeder bringe etwas zu essen mit und dann werde getanzt. Ja, schön, denke ich. Und wer fährt die zwei Stunden durch absolute Dunkelheit zurück in die Wälder von Småland? Und wer schläft friedlich im Auto? Graf Tobit natürlich. Undine macht an den Seitenrändern der Fahrbahn Elch-Watching. Denn vier Augen sehen mehr. Einen langen Weg nach Hause sind wir gewohnt, wenn wir vom Tango in Hannover zurückkehren. Aber auf der A7 kreuzen keine Elche. Diese verdammten Biester. Wenn man sie zu ruhiger Stunde, etwa beim Teetrinken im Garten, sehen will, dann kommen sie nicht. Wenn man sie nicht sehen will, dann beschäftigen sie das Bewusstsein. „Nachts schlafen die Elche doch!“, sagt Undine. „Hieß so nicht eine Erzählung?“ Ulla hat volles Verständnis für meine Bedenken. Wir können bei ihr übernachten, sagt sie.

 

Undine tanzt mit einem Japaner. Er ist Zahnarzt in der Stadt. Undine tanzt mit einem Syrer. Ich spreche mit einer Rumänin: Tango ist nicht nur ein Tanz. Tango ist nicht nur ein Lebensgefühl. Tango ist eine unsichtbare Gemeinschaft, die im Tanz sichtbar und erfahrbar wird. Am Tisch unterhalten wir uns über die Spiritualität des Tango in einem Kauderwelsch aus Englisch und Deutsch, das viele Tänzerinnen und Tänzer aus meiner Generation ganz gut sprechen. Was ist die Essenz des Tango? Ich sage, nach meiner Erfahrung mit Tänzern aus Deutschland steht vor dem Tango fast immer die Erfahrung eines Bruchs, eines Verlustes, einer Trennung, einer Krankheit oder des Todes. 

 

Diese Voraussetzungen gelten auch für Schweden, sagt Lena. Und Ulla, die so herzlich lacht, erzählt vom Tod ihres Mannes und wie sie danach zum Tango kam und das Lachen wieder lernte. Was ist also das Wesen des Tangos? Healing. Heilung. Da sind sich alle Schweden einig. Wir umarmen uns und tanzen wieder und alles ist heil. Die Zeit ist fortgeschritten. Die letzten Lieder erklingen. Es verschlägt uns fast den Atem. Undine und ich schauen uns an. Die schwedischen Worte ergreifen mich unmittelbar wie etwas Altvertrautes, das plötzlich wieder ins Leben tritt.: „Ja vill ha dej, vill ha dej, vill ha dej“. „Ist das nicht Leonard Cohen?“, frage ich Undine. Der schwedische Sänger stimmt den Refrain an: „Ay, ay, ay, ay!“ „Das ist Flamenco mit Walzerklängen“, antwortet Undine.

 

Wir hören Schwermut aufgelöst in Walzerklänge .„Ta min vals“, gesungen von Rikard Wolff. Nichts wird verschwiegen. Alles verwandelt in Bewegung. Ich tanze mit einer Schwedin. Ob ich früher Ballett getanzt habe, fragt sie mich. Alles wird ganz leicht. Was ist der Tango? Ein Wunder. Das Mysterium der Wandlung.

 

Zum Abschied umarmen wir uns immer wieder. Umarmungen sind heilsam. Dann geht es durch die Nacht nach Lunden in die Wälder. Im Nachhall der Begegnung vergeht die Zeit wie im Fluge. Und die Dunkelheit ist nicht mehr dunkel. Die Wege schon vertraut. Wir lassen das Radio ausgeschaltet und legen auch keine CD ein. Undine summt „Take this waltz“, und plötzlich fragt sie mich, ob ich mich noch an das erste Gedichtbüchlein erinnere, das sie mir einst geschenkt habe. Welche Frage. Es waren Gedichte von Federico Garcia Lorca. Damals tanzte Undine Flamenco und führte uns dank ihrer Sprachkenntnisse  auf unseren drei Reisen nach Spanien. Der Liedtext stamme von Lorca und das Gedicht trage den Titel „Pequeño vals vienés“. Und dann singt sie:

 

 

„Te quiero, te quiero, te quiero,

con la butaca y el libro muerto,

por el melancólico pasillo,

en el oscuro desván del lirio,

en nuestra cama de la luna

y en la danza que sueña la tortuga.

¡Ay, ay, ay, ay!“

 

 

 

 

 

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Im Herbst 2017 haben wir auf Schloss Basthorst getanzt

und tanzend gelernt bei Michelle und Joachim: Einfach himmlisch!

Es stimmt: Tangotanzen macht Geist und Seele schön.

 

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Tango hat auch eine vertikale Ausrichtung.

 

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"Ich sehe im Tango einen spirituellen Anteil,

zu dem nicht alle Tänzer Zugang finden, manche auch nie."

 

Tio Tarlo. Boletin del Tango 40/2006

 


 

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"Ein Tangopaar kann für einen Zuschauer von einer

überwältigenden Schönheit sein,

die fast schon physisch schmerzt."


Lothar Staudacher (Tio Tarlo). 

Boletin del Tango 50/51 (2009)

 


 

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"Dann aber wird er die Schönheit in den Seelen

für köstlicher halten als die im Leibe..."

 

Platon. Symposion 210b

 


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Lothar Staudacher (Tio Tarlo) hat mit gut sechzig Ausgaben des "Boletin del Tango" die wichtigste deutschsprachige Kulturgeschichte des Tangos geschieben. In der Jubiläumsausgabe vom Mai 2009 nimmt er Bezug auf Platons Dialog "Symposion" und den Mythos vom Kugelmenschen. Das Geheimnis des Tangos ist die Erfahrung des Schönen. Sie ist eine Idee, also etwas Überweltliches:

 

"Hierin liegt eine wirkliche Initiation. Man kann es nicht vorhersagen, nicht aktiv verfolgen, weder sich wünschen, noch provozieren, es passiert entweder oder es passiert nicht. Aber wenn es einmal passiert ist, dann willst du es wieder haben, ab dann bist du auf der Suche.

 

Es wird von vielen Leuten berichtet, dass sie eine Art metaphysisches Erlebnis haben, einen Flash, du bist außer der Zeit, du fühlst dich von oben auf geheimnisvolle Weise gezogen in eine andere Welt. Die Beschreibungen sind ganz komisch! Anderen geht eine Art inneres Licht auf...

 

Im übrigen, es ist nie so, dass nur ein Teil des Paares von solchen Erlebnissen berichten kann. Wenn, dann spüren es immer beide zugleich!"

 

 


 

 

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