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Der Archipel Aland:

Gnosis und Neutestamentliche Textforschung

 

 

Es gibt Namen, die klingen wie Musik. Åland zum Beispiel. Ich passierte den Archipel auf der Seefahrt von Stockholm nach Turku (Åbo). Das war im Sommer 1974. An Schlaf war nicht zu denken. Zudem fehlte das Geld für einen Liegeplatz. Hinter mir lagen Tage voller Hingabe an interkulturelle Begegnungen: in Tromsø mit Eva aus Bern und Mira aus Melbourne in Stockholm, vor mir Tage mit Helena in Tampere und Vilma in Varkaus – nicht mehr weit entfernt von der russischen Grenze. Das Leben war schön und unbeschwert. Nun tanzte ich mit den Zwilligen Florence und Giselle aus Quimper in der Bar. Beiden kam ich recht nahe, ohne sie unterscheiden zu können. Draußen in der Mitsommernacht lagen die 6757 Inseln des Åland Archipels. Ein Jahr später betrat ich den Archipel Aland in Münster.

 

Zu ihm gehören etwa 5000 Handschriften des Neuen Testaments, aus denen Kurt Aland den für alle Übersetzungen verbindlichen Text herstellen ließ. Von den Åland Inseln sind nur 60 bewohnt. Wahrscheinlich sind viel weniger Handschriften des Aland Archipels wirklich wichtig. Die Åland Inseln gehören zu Finnland. Die Amtssprache aber ist Schwedisch. Das Inselreich ist autonom. Und das galt auch in gewissem Sinne für Kurt Aland.

 

Auf meiner Reise durch Skandinavien hatte ich allerlei gelernt, aber nicht die griechische Sprache, die damals Voraussetzung für das Studium der Theologie war. So saß ich 1975 im Keller der Fakultät und lernte mit schwulen Kunsthistorikern bei dem akademischen Oberrat Rust in einem zweisemestrigen Crash-Kurs die altgriechische Sprache. Das machte mir Spaß, weil mir die griechische Sprache eine geistige Welt erschloss. Der Jugendpfarrer Arnold Wiebel (*1926), ehemals Schulleiter in Espelkamp und nun mein Vorgesetzter während des zwei Jahre dauernden Zivildienstes, erlaubte den täglichen Besuch des Griechischunterrichts in der Morgenfrühe um sieben Uhr.

 

Das Gebäude der Evangelisch-Theologischen Fakultät erinnere ich noch als Rohbau der späten Fünfziger Jahre. Denn am Krummen Timpen befand sich die Mütterschule, auf der ich 1959 mit meiner Mutter das strenge Exerzitium eines Mutter-Kind-Turnens absolvierte.

 

Die Fakultät wurde 1914 gegründet. Hier hatten Männer wie Wilhelm Stählin, Robert Stupperich und Karl Heinrich Rengstorf gewirkt. Im WS 1922/23 zogen die ersten Theologiestudenten in das Hamannstift. Einen der letzten Inspektoren sollte ich bald kennenlernen: Bei Paul Wrzecionko lasen wir Kant und Heidegger und besuchten ein Seminar über Paul Tillich, dessen Modell der Korrelation grundlegend für die moderne Religionsdidaktik wurde. Unsere Kompetenzen in der Philosophiegeschichte der Neuzeit überschätzte er maßlos. Man bat um die Erklärung eines philosophischen Begriffs und Wrzecionko antwortete:

 

„Ja, ich verstehe. Sehr klug. Sie meinen die Niederlage des Neukantianismus bei der Disputation von Davos! Da muss ich weiter ausholen.“

 

Wrzecionko war nicht von dieser Welt. Als ihm ein angehender Pfarrer der Westfälischen Landeskirche in der letzten Sitzung des Paul-Tillich-Seminars einen Schein zur Unterschrift vorlegte, auf den er den Namen stud. theol. Paul Tillich, geboren am 20. August 1886 in Starzeddel, eingetragen hatte, unterschrieb Wrzecionko – wahrscheinlich aus jener höheren Optik, mit der er die Anwesenheit des Verewigten in seinem Seminar geschaut hatte.

 

In Rusts Kellerraum fanden auch die kirchengeschichtlichen Vorlesungen von Kurt Aland (1915-1994) statt. Kurt Aland stand mit der feierlichen Eröffnung des Bibelmuseums und der Edition der 26. Auflage des Nestle-Aland (1979)  auf dem Höhepunkt seiner Lebensleistung. Er hatte den Kirchenkampf, den Krieg und die Verfolgung in der DDR überlebt. Ein Arbeitstag von mindestens zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche sei für ihn und seine zahlreichen Mitarbeiter selbstverständlich, betonte er immer wieder. Kurt Aland war ein Wissenschaftsorganisator von Welt und blieb doch unüberhörbar Berliner. Mit ihm waren zahlreiche Spezialisten für die Entzifferung der Kodices und Papyri aus der DDR nach Münster gekommen. Darunter Klaus Junack, dessen Tochter Dorothea mit mir die Schulbank der ersten vier Klassen gedrückt hatte, und der unvergessliche Herr Kanau, ein unbestechlicher Wächter der Pforte mit Argusaugen. Denn nirgendwo wurden so viele Bücher gestohlen, wie in der Theologischen Fakultät. Jeder Student der edlen Gotteswissenschaft hatte einen Seminarausweis, der Herrn Kanau zur Kontrolle vorgelegt werden musste.

 

Kurt Aland besaß die Aura höherer Bedeutsamkeit. Er kannte sie alle, die großen Gestalten der alten und neusten Kirchengeschichte. Wenn er von Origenes, Adolf von Harnack oder seinem Lehrer Hans Lietzmann erzählte, dann leuchtete zugleich sein eigenes Lebensmuster auf: Origenes war für ihn der größte Theologe der griechischen Kirche, der 200 Schnellschreiber beschäftigte und den Aland gerne als Adamantios („der Stählerne“) bezeichnete. Sein weiteres Vorbild Adolf von Harnack war nicht nur Professor für Kirchengeschichte, sondern zugleich Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und  Leiter der Preußischen Bibliotheken. Wie dieser Vater der liberalen Theologie war auch Aland sehr gut mit den Mächtigen seiner Zeit vernetzt. In Bischof Hermann Kunst (1907-1999), Ludwig Erhard, Walter Scheel und vielen anderen Politikern und Kirchenvertretern besaß er einflussreiche Förderer seiner Arbeit. Papst Paul VI. überbrachte er in einer Privataudienz ein in weißes Ziegenleder gebundenes Exemplar der 26. Auflage seines Werkes. Von diesen Begegnungen erzählte er während seiner kirchengeschichtlichen Vorlesungen ebenso wie von den abenteuerlichen Handschriftenfunden auf dem Athos und dem Sinai und dem Streit um die Handschriften mit unwissenden und ungewaschenen Mönchen.

 

Aland entflammte mich so sehr für die neutestamentliche Textforschung, dass ich nach Paris fuhr und in der Bibliothéque nationale den Codex Sinaiticus bestellte, um in der Scriptio continua jene Perikope von der Vertreibung des Besessenen aus der Synagoge von Kapernaum zu lesen, über die ich bei Günter Klein (*1928) meine erste Exegese geschrieben hatte. Auch im Bereich der Drogen wurde der alte Aland zu meinem Vorbild. Denken und Rauchen gehörten damals zusammen. In der Talkshow des NDR wurde gequalmt, in der ZDF-Sendung „Aspekte“ gequarzt und bei Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ in der ARD reichlich blauer Dunst verbreitet. Grass rauchte, Walser rauchte und Heinrich Böll rauchte trotz schwerer Gefäßleiden. Rauchen war ein Zeichen der Nachdenklichkeit. Und wer besonders viel nachdachte, der musste auch stark rauchen. Wie Siegfried Lenz und Max Frisch rauchte ich Pfeife. Durch Aland wurde ich zum Zigarrenraucher. Aland rauchte „Pride of Jamaica“. Ich folgte ihm nach.

 

Aland stand vor der Emeritierung, hatte aber durch die Eheschließung mit einer wesentlich jüngeren Frau das Erbe bereits gesichert. Barbara Aland (*1937) war die einzige Theologin an der Fakultät. Sie hatte sich in der Gnosis-Forschung profiliert und arbeitete an der Herausgabe der Festschrift für Hans Jonas. Wegen der Gestalt der göttlichen Sophia galt die Gnosis damals als Domäne der entstehenden Frauenforschung um Luise Schottroff und Elisabeth Schüssler-Fiorenza. Barbara Aland war offen für persönliche Fragen, für neue Denkwege und Vernetzungen, las mit uns nicht nur die Confessio Augustana, sondern mit gleicher Intensität Dorothee Sölle und lud zum Kolloquium in ihre Wohnung an der Roxeler Straße ein. Auch scheute sie sich nicht, unsere Studentenbuden zu betreten. Denn ihre Sozietät mit den reformierten Theologen Hans Helmut Eßer (1921-2011) und Wilhelm H. Neuser (1926-2010) tagte reihum bei einem der Mitglieder. Das Theologiestudium forderte zuweilen die Anpassungsfähigkeit heraus, denn unter den evangelischen Theologen war jeder Professor sein eigener Papst und Dogmatiker. In den Seminaren von Barbara Aland wehte dagegen ein frischer Wind. Die Lehrerin war an echten Fragen interessiert und beschritt Denkwege ins Unbekannte. Dies schloss auch die Erfahrung der Grenze des Verstehens ein, die irgendwann in jedem interreligiösen Gespräch berührt wird.

 

Denn das Gnosisseminar lockte fremde Vögel an, darunter einen Kenner der heiligen Texte Tibets. Chen Quingying (War das sein Name?) saß barfuss über mir unbekannten Texten mit geheimnisvollen Zeichen gebeugt in der Universitätsbibliothek, wo auch ich meine Tage verbrachte. Seine langen schwarzen Haare hatte er mit einer Wäscheklammer hochgesteckt. Wenn er den Mund öffnete, perlten seine Worte zwischen golden funkelnden Zähnen hervor. Er war gewiss ein anerkannter Meister der Tibetologie und Mongolistik und vieler anderer Disziplinen, denn er sprach in einer belehrenden Weise, die keinen Widerspruch duldete.

 

Nur verstanden wir diesen Meister vom Dach der Welt nicht. Wir lasen die gnostischen Texte auf dem Hintergrund der Philosophie der Neuplatoniker und Plotins, wir studierten Augustin und die Welt der Manichäer, wir arbeiteten uns durch Kontexte aus Nag Hamadi, um das Evangelium Veritatis oder den Gnostiker Basilides zu verstehen. Der Meister aus dem Himalaya hatte andere Referenzpunkte. Seine Texte waren uns unbekannt. Wir sprachen nicht seine Sprachen. Barbara Aland aber verlor nie die Geduld.

 

Das Ehepaar Aland hatte zwei nebeneinander liegende Wohnungen bezogen und die großen Wohnzimmer zu einem Arbeitszimmer mit Schreibtischen an jedem Ende vereinigt. Ein Raucherhaushalt, wie die mir zugesandten Bücher und Sonderdrucke bezeugten. Erst heute, nach über 30 Jahren, hat sich der Duft von „Pride of Jamaica“ verflüchtigt. Nicht aber die Erinnerung an ein Arbeitstreffen mit dem Alten. Ich hatte erste Bücher veröffentlicht und die Aufmerksamkeit der Medien gefunden. In Steffi Stefans (*1941) Musikhalle Jovel, damals im Neuen Krug an der Weseler Straße, wurde die Szene mit den Spaghetti fressenden Hunden aus dem „Papa Faust“ verfilmt. Aland nahm daran keinen Anstoß. In seiner zupackenden Art bestellte er mich zum Rapport. Er hatte mir einen Aufsatz zur literarischen Begutachtung vorgelegt. Diese Arbeit bereitete mir Kopfschmerzen. Denn Aland war ein Mann des frei gesprochenen Wortes. Wer seine Vorlesung über die Geschichte des Christentums gehört hat, der mag sein zweibändiges Werk nicht lesen. Mit Aland konnte man Klartext reden.

 

Barbara Aland begleitete mein Wesen und Werden noch lange bis in die Schulzeit hinein. Die Gestalt der heiligen Barbara gehört zu den „drei heiligen Madl“, den virgines capitales, die mich seit dem ersten Semester begleitet haben. Für Pavel Florenski ist der Name zugleich eine Epiphanie des Charakters des Namensträgers:

 

„An der MÄRTYRERIN Barbara hebt man gewöhnlich ihre Verträumtheit, ihre Entrücktheit hervor, ihr CHRISTUSBRAUTSEIN. Aber ihre Beharrlichkeit, ihre Unbeugsamkeit in dem einmal Beschlossenen, ihre Nachdrücklichkeit bei der Verwirklichung ihrer Ziele – das alles wird verschwiegen.“