Startseite > Biographie > Aus meiner Studienzeit: Hans Blumenberg

"Worauf es denn lebenspraktisch in letzter Instanz ankommt,

ließe sich schließlich auch katechetisch, gar volkstümlich sagen.

Nicht zufällig stand Blumenberg in guter Verbindung zum

Hildesheimer Engelforscher Wolff

mit seiner Souveränität in der Verfügbarkeit

über einschlägig kanonisches Bilderbuchwissen."

 

Hermann Lübbe

  

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Hans Blumenberg: Die Vollzähligkeit der Sterne

"Und du erwachst, - dann mußt du nicht erschrecken!

Die Sterne stehn vollzählig überm Land"

Hans Carossa


 

 

 

 

In jedem Menschen schlummern Begabungen. Ihre Entdeckung und Entfaltung macht glücklich. Lehrer sind Geburtshelfer und Wegbegleiter in diesem Prozeß der Selbstwerdung. Sie fördern und fordern. Sie befreien verborgene Talente und begleiten ihre Entfaltung. Zwei Lehrer setzen in mir das Glück des Schreibens frei und glaubten an mich. Deshalb berichte ich hier von Hans Blumenberg und Friedrich Ohly. In einem weiteren Artikel (Meine Romane) beschreibe ich mein schriftstellerisches Werden.


Beide Wissenschaftler waren durch die Erfahrung des Lagerlebens geprägt worden. Was sie lehrten, hatte sich als Überlebenshilfe in dieser und anderen Grenzsituationen bewährt. Daher ging von ihnen eine Stärke des Geistes aus. Ohly stammte aus dem evangelischen Pfarrhaus, Blumenberg aus einer Hildesheimer Familie, die seit Generationen Priester und sogar einen Bischof hervorgebracht hatte. Hans Blumenberg wollte katholischer Priester werden und hatte daher bereits als Schüler im Privatunterricht das Hebraicum erworben. Geprägt durch den katholischen Widerstand seiner Lübecker Heimatgemeinde, die drei Märtyrer hervorgebracht hatte, und durch die Erfahrung der Ausgrenzung und Verfolgung als Sohn einer jüdischen Mutter, besaß er die Aura eines Mannes, der sich zu wehren weiß.

 

Es gibt Gelehrte wie den Famulus Wagner, die sind nicht ganz von dieser Welt. Zu ihnen gehörte Hans Blumenberg nicht. Er war kein Bewohner des Elfenbeinturmes, auch wenn er die letzten Jahre seines Lebens in weitgehender Isolation verbrachte. Er war wie Faust, über den er einen exzellenten Abituraufsatz geschrieben hatte, ein Mann der Tat. Robust gebaut und voller Energie, blieb er auch als Theoretiker und Zuschauer dieser Mann der Tat. Der Sohn eines Kunsthändlers hatte alles Talent für einen Unternehmer oder Unternehmensberater. In den Lübecker Drägerwerken hatte er Erfahrungen in der Werksleitung gesammelt. Er kannte Unternehmer wie Reemtsma aus persönlichem Umgang und hatte selbst eine Firma gegründet. Warum er nicht in der Wirtschaft blieb, sondern den mühsamen Weg zum Ordinarius für Philosophie beschritt und sich dabei mit vielen mittelmäßigen Geistern arrangieren musste, ist eine Frage, die vielleicht ins Zentrum seiner Berufung führt. Gefördert durch seinen Vater hatte er bereits als Knabe sein schriftstellerisches und journalistisches Talent entdeckt. Anekdote, Glosse, Kommentar, meditative Betrachtung und Essay sind die ihm gemäßen Gattungen wie die umfangreichen Bücher bezeugen. Der Leser merkt sofort: Hier werden Geschichten wie auf einer Perlenschnur gereiht. Wie Aby Warburg, so arbeitet Blumenberg mit einem Material, das immer wieder neu geordnet und von anderer Seite betrachtet wird. Die dicken Bücher entstanden durch eine Art Montagetechnik aus kurzen Aufsätzen.

 

Wie liest man Blumenberg? Vielleicht  in der Haltung, die er seinen Zuhörern empfahl, wenn sie seine Ausführungen nicht verstanden und durch ein sichtbares Zeichen wie den erhobenen Finger Klärungsbedarf anmeldeten. Blumenberg empfahl Gelassenheit: Es gebe in der Philosophie keinen Fortschritt! Galt das auch für sein eigenes Schreiben? Und: Man solle sich selbst während des Semesters beobachten und die Frage beantworten: „Komme ich weiter, den, der hier spricht, zu verstehen?“

 

Die Münsteraner Vorlesungen waren ein unwiederbringliches  Ereignis in der Zeit.  Diesen Blumenberg gibt es nicht mehr, und der Leser findet ihn auch nicht in seinen Büchern.

 

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Es war das Thema einer Vorlesung über den Mythos, das mich in jenen Hörsaal des Münsteraner Schlosses führte, wo Hans Blumenberg seine Vorlesungen zelebrierte. Ich hatte keine Zeile von Blumenberg gelesen und auch den Namen noch nie gehört. Die Vorlesung begann am Freitag auf die Sekunde genau um 14.15 Uhr, also zur frühen Morgenstunde für den Nachtarbeiter Blumenberg.

 

Offensichtlich brauchte er Fluchtwege. Denn er betrat den Hörsaal durch einen verborgenen Seiteneingang, schritt zum Pult und legte in Greifweite Mantel, Handschuhe und Hut ab - wie einer, der sich die Möglichkeit des raschen Aufbruchs offenhält. Das Haupthaar war bis auf einen grauen, leicht gewellten Haarkranz stark gelichtet, doch aus den zu jeder Jahreszeit getragenen Polo-Shirts mit den weiten Kragen quoll das buschige graue Brusthaar. Der Mann hatte Hitze im Leib. Blumenbergs stämmiges Erscheinungsbild war durch den breiten Brustkorb bestimmt. Fünf Minuten und länger konnte der Knabe bei seinen Tauchgängen in der Trave unter Wasser bleiben. Die im Alter weich gewordenen Gesichtszüge ließen mich an Goethe denken. Sie hatten keine Ähnlichkeit mit dem Portrait, das der Suhrkamp Verlag gegen den Willen seines Autors verwendete. Dieses einzige in der Öffentlichkeit bekannte Photo zeigt einen Philosophen in Denkerpose, aber nicht jenen Hans Blumenberg, der seine Zuhörer nicht nur belehren, sondern unterhalten wollte. Blumenbergs Vorlesungen waren eine fröhliche Wissenschaft.

 

Der Lehrer legte ein Typoskript auf das Pult und wartete, bis absolute Stille eingetreten war. In der ersten Reihe saßen Zuhörer mit Kassettenrecordern. Er mochte diese Aufnahmegeräte und duldete auch ein Mikrophon an seinem Pult, gaben sie doch seinen Vorlesungen eine gewisse präsidiale Atmosphäre. Blumenberg sprach mit der näselnden Stimme des Küstenbewohners. Wenn er gelegentlich aus dem Typoskript vorlas, wurde es kompliziert, auch langweilig. Esprit und Witz entfaltete nur der freie Vortrag, in dem er das Thema mit bissigen Seitenhieben auf das Tagesgeschehen kommentierte - soweit er es aus den Zeitungen kannte. Blumenberg las keineswegs nur die FAZ oder NZZ, sondern mit gleicher Aufnahmebereitschaft die Kataloge der Wein- und Delikatessenlieferanten, den Rheinischen Merkur oder das Kirchenblatt seiner Heimatgemeinde St. Johannes-Baptist vor den Toren Münsters. Franz-Peter Tebartz-van Elst, der spätere Bischof von Limburg, war damals Vikar in Altenberge. Er suchte vergeblich die Nähe zu Hans Blumenberg.

 

Hans Blumenberg wechselte gerne die Sprachebenen und erwies sich, was den Jargon betraf, stets auf aktuellem Stand. Kein Wunder bei einem Vater von vier erwachsenen Kindern, die dem Alten durchaus einmal die Stirn boten. Während ihrer Münsteraner Schulzeit belebten sie das Tischgespräch mit Anekdoten. Caspar Balthasar Blumenberg etwa besuchte mit Maga Ohly das Schillergymnasium. So gab es familiäre Vernetzungen und kleine Gaben unter Vätern.

 

Blumenberg war geerdet, auch wenn er die Gartenarbeit als irdisches Vergnügen in Gott seiner Frau Ursula überließ. Er lebte in der Gegenwart, aber er wollte nicht mehr wie in früheren Jahren Lebenszeit durch die Teilnahme an Kongressen und Colloquien verlieren. Selbst auf der Feier im Hause Aland zur Ehrenpromotion von Hans Jonas erschien er nicht, obwohl er sich diesem Kollegen gegenüber besonders verbunden fühlte und sich in den Fünfziger Jahren für dessen Rehabilitierung und eine Wiedergutmachung eingesetzt hatte.

 

Bei guter Tagesform waren die freien Vorträge ein funkelndes Feuerwerk des Geistes mit hohem Unterhaltungswert, ohne deshalb auf das Niveau eines philosophischen Quartetts zu fallen. Auch liebte er die Provokation. Er zitierte aus dem Hederich, Goethes Gewährsmann für sämtliche Fragen der Mythologie, pries den Nachdruck dieses Lexikons, doch nachdem die Zuhörer die bibliographischen Angaben notiert hatten, betonte er mit hämischem Blick, dass wir uns dieses Werk nicht leisten könnten: es sei denn wir heirateten reich. Ein guter Tipp am falschen Ort. Denn die Zeiten, wo höhere Töchter Kunstgeschichte oder Philosophie studierten, waren längst vorbei. Die Schönen und Reichen studierten Zahnmedizin wie Blumenbergs jüngster Sohn, und die noch Schöneren und noch Reicheren waren überhaupt nicht an einer deutschen Universität anzutreffen.  

 

Blumenberg lästerte gerne. Zum Beispiel anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Yehudi Menuhin „für besonders sanftes Geigespielen“. Die japanische Übersetzung seines Buches „Schiffbruch mit Zuschauer“ sandte er mir mit der Bitte um Besprechung im Rheinischen Merkur.

 

In Blumenbergs Vorlesungen durfte gelacht, aber nicht gefragt werden. Wer den Finger zu einer Meldung hob, wurde von der Gemeinde sofort zurückgepfiffen. Denn hier ging es nicht um eine Vorlesung über Literatur- und Philosophiegeschichte für ein Bildungsbürgertum, wie es etwa Albrecht Schöne in Göttingen bediente. Nicht Sehen und Gesehenwerden, nicht die Erregung von Aufmerksamkeit durch gescheite Fragen und schon gar nicht das Vorspiel zum anschließend bei Schucan zerzehrten Töttchen oder bei Stuhlmanns eingenommenen Pinkus Müller ging es hier, sondern um die ignatianischen Tugenden der Hingabe und des Gehorsams.

 

Blumenberg hatte einen Preis verliehen bekommen und das Preisgeld zur Hälfte in Wein, zur anderen Hälfte in den Erwerb einer vielbändigen Kantausgabe investiert. Am Beispiel von Kant erläuterte er die Tugenden für ein erfolgreiches Studium der Philosophie. Täglich solle man eine Stunde Kant lesen. Den Rest des Tages könne man sich einer beliebigen Beschäftigung widmen. Am nächsten Morgen solle man eine schriftliche Zusammenfassung des am Vortage Gelesenen erstellen und wieder eine Stunde lesen.

 

An diese Empfehlung hielt ich mich mit einer Abweichung, denn Kant leuchtete mir schon damals rein physiognomisch nicht ein. Ich stellte ihn mir in etwa so vor, wie Daniel Kehlmann ihn später beschrieben hat. Nach vier Semestern hatte ich sämtliche Scheine für das Staatsexamen zusammen. Statt Kant hörte ich Hans Blumenberg. Den Rest der Woche widmete ich dem eigenen Schreiben.

 

„Arbeit am Mythos“ ist ein Buch über Gott und Goethe. Die Vorlesungen, aus denen es hervorging, inspirierten mich zu einem Buch über Goethes Revolutionsdrama „Die natürliche Tochter“ (1979).

 

Trotz des Frageverbotes gab es gelegentlich Unbeschnittene des Geistes, die ihre Finger in die Luft streckten. Dann grunzte Blumenberg unmutig: Wer Fragen habe, solle sie schriftlich stellen. Das machte ich, und fand bald die Einladung zu Besuchen in seinem Arbeitszimmer. Hier befand sich eine Sitzgruppe mit Tisch und Stehlampe. Von seinem Platz aus hatte Blumenberg einen freien Blick auf den Münsteraner Dom, den er in der Jugendzeit mit seinem Vater besucht hatte. Anlass war die Bischofsweihe des späteren Kardinals von Galen, des Löwen von Münster.

 

Blumenberg machte während der Vorlesung keine Pause. Auch so hielt er sich die Frager und Besserwisser vom Leib. Das Ende der Vorlesung wurde durch Ausführungen eingeleitet, die erkennbar auf eine Pointe zuliefen. Diese blieb er niemals schuldig. Um 16.43 Uhr, noch inmitten der Pointe, packte er das Typoskript ein, setzte den Hut auf, zog Mantel und Handschuhe an und entschwand, den letzten Satz formulierend, durch die Seitentür. Niemand erhob sich, bevor der Meister den Hörsaal verlassen hatte.

 

Michael Bernhart, die graue Eminenz der Blumenbergforschung und wichtigster Berater von Sibylle Lewitscharoff,  machte mich auf den schönen Aufsatz "Zu keiner Zeit passen" (2015) von Manfred Sommer aufmerksam. Darin stellt er die Frage: „Was mag Blumenberg, und was kann er nicht leiden? Was schätzt er? Was nervt ihn? Was ist ihm zuwider?“ Diskussionen nervten ihn. Mich auch.

 

Mit den Engeln teilte Hans Blumenberg eine entschiedene Abneigung gegen das Diskutieren. Engel diskutieren nicht über Gott und die Welt oder Erdball und Weltall. Indem sie singen und sagen, laden zum Zwiegesang ein. Blumenberg suchte Mitsänger. Sagen zu können, was man sieht, ist für ihn die Quelle aller Glückseligkeit. Denn es ist die Antwort auf die Betrachtung des Kosmos, der wunderbar im Ganzen ist. Dieses Selbstverständnis wird bereits greifbar in einer Zeitschrift des Jünglings. Die Erfahrung von Schönheit und Herrlichkeit erweckte in Blumenberg den Dichter. Wie Rilke und Ernst Jünger sieht auch er sich als ein zum Rühmen bestellter. Daher rührt sein Interesse an den Engeln. Sie sind das Urbild des Dichters, als der sich Blumenberg verstand. „So kommt er zu seinem deskriptiven, narrativen, epischen Philosophieren“, schlussfolgert Manfred Sommer – auch ohne Engelblick.

 

 


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Am Freitagnachmittag um 17.00 Uhr begann die Sprechstunde, zu der selten jemand kam. In diesen Nachmittagen war Blumenberg ein unkomplizierter Plauderer, der die Zeit und den armen Tobias vor der Tür vergaß. Wenn ich in den Wintermonaten das Zimmer betrat, war die Dämmerung auf dem Domplatz bereits eingebrochen. Dennoch schaltete Blumenberg das Licht der Stehlampe nicht an. So sprachen wir in die zunehmende Dunkelheit hinein. Und je dunkler es wurde, desto lebendiger erzählte er oder ließ sich erzählen. Er liebte Zuträger, alles Anekdotische, auch Biographisches; er ließ sich von Lesefrüchten erzählen und von Erfahrungen mit anderen Lehrern der Universität Münster. Dann kam er selbst ins Plaudern über eine gemeinsame Theateraufführung mit Lea Ritter-Santini,  als sie noch bella Lea war, über seine Wanderungen in den Bergen, seine Reisen mit dem Automobil nach Ägypten. Er, der Mann der Tat, wollte nicht mit einem Stubenhocker und Bücherwurm wie Arno Schmidt verglichen werden. Irgendwann wurde es in dem Zimmer fast vollständig dunkel. Nur die Lichter vom Domplatz ließen noch die Konturen des Lehrers erkennen.

 

An einem frostigen Winterabend erschienen die ersten Sterne am Himmel. Da fragte er mich, ob ich ein Exemplar der Genesis der kopernikanischen Welt habe möchte. Ich verschwieg, dass ich bereits eine preisgünstige Sonderausgabe besaß. Jetzt erhob er sich, schaltete das Licht an, ging zu einem alten Wohnzimmerschrank, kniete nieder und holte aus einem der unteren Fächer die dreibändige Taschenbuchausgabe der Genesis und einen Bildband über Hermann Hesse. Auch diesen besaß ich bereits, tauschte ihn aber in der Buchhandlung Poertgen-Herder gegen einen Bildband über Sigmund Freud. Dieser Tauschhandel gefiel dem Lehrer.

 

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An vielen Nachmittagen saß Tobias Blumenberg (*1959) mit wahrer Engelsgeduld vor der Tür und wartete darauf, dass er mit seinem Vater nach Altenberge fahren könnte. Das jüngste der vier Kinder studierte damals bei Professor Ritter Zahnmedizin. Wenn es um Anschaffung von Büchern ging, war Vater Blumenberg niemals kauserig. Tobias hätte gerne Philosophie studiert. Zahnarzt mit Nebeninteressen erschien dem Vater solider und im pecuniären Sinne auch lohnender als die meist brotlose Kunst der Philosophie. Nach Abschluss des Studiums im Alter von 22 Jahren stellte die Ableistung der Wehrpflicht in Bremerhaven und Brake Tobias' Schutzengel vor einige Herausforderungen. Die Eingabe eines Vorschlages zur Einschränkung des Alkoholausschankes im Offizierskasino - nicht die Untersagung, was den Untergang der Flotte zur Folge gehabt hätte - führte zur Strafversetzung nach Borkum.

 

Schon der Siebenjährige wurde zum Herausgeber und alleinigem Autor der Familienzeitung „Die Fundgrube“. Sie erinnerte den Vater an ein eigenes Werk aus seiner Jugendzeit, das ästhetisch ansprechend in kleiner Auflage gedruckte Magazin „Erdball und Weltall“, von dem zuweilen in norddeutschen Antiquariaten einzelne Exemplare auftauchen. Im schwarz-weißen Layout glich es den späteren Suhrkamp-Bänden. Hans Blumenberg hatte ein gutes Gespür für Buchttitel. Der schöne Titel seiner Zeitschrift war leider von Oskar Prochnow geklaut: „Erdball und Weltall“ mit dem Untertitel „Eine Einführung in die Erscheinungen der unbelebten Natur“ (1928) ist ein populärwissenschaftliches Werk. Die Kapitel heißen „Die Lufthülle der Erde“, „Die Sternenwelt“, „Welten-Werden: Von der Bewohnbarkeit der Weltkörper“. 

 

Bald beteiligte sich der Vater an der „Fundgrube“ und lieferte Artikel und Hausmitteilungen, sodass das einmal im Jahr zu Weihnachten erscheinende Blatt im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu einer wahren Fundgrube für Blumenbergiana wurde. Wohl bedingt durch die Eheschließung mit der Commissaria Qnönccucci verlagert sich der Schwerpunkt der Berichterstattung nach Italien. Gegenwärtige Tendenzen der Blumenbergforschung werden dennoch messerscharf kommentiert.

 

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Tobias ist der Held einer alten jüdischen Legende. Sie erzählt von einem Vater, dessen Leben von zahlreichen Anfechtungen heimgesucht wird und der schließlich den Durchblick verliert und erblindet. Der Sohn zieht mit dem Schutzengel Raphael in die Ferne, erwirbt allerlei Fähigkeiten und wird am Ende seiner Bildungsreise den Vater heilen. Gelegentlich berührte das Gespräch den vor der Tür wartenden Sohn. Dann sprach der Vater wie Jaakob über Joseph. Schon jetzt wisse das Enkelkind eines Lübecker Kunsthändlers mehr über Kunstgeschichte als der Vater und habe ihn auch in der Kenntnis der Literatur bereits überflügelt. Auch sprach er von ihm als zukünftigen Herausgeber des Nachlasses.

 

Dicke Bücher und kleine Schriften erschienen in rascher Reihenfolge. Niemand konnte so schnell diese Blumenbergiana lesen, wie sie geschrieben wurden. So hatte Blumenberg begonnen, Werke für den Nachlass vorzubereiten. Sie standen zu Typoskripten gebunden im Zimmer von Ute Vonnegut, die ganz dem Meister und seinem Werk ergeben, die auf Cassette gesprochenen Aufsätze und Bücher in die Maschine tippte. Sie sprach von über 20000 druckfertigen Seiten. Das Auffälligste in ihrem Arbeitszimmer waren aber nicht die Typoskripte, sondern ein großer Kühlschrank, in dem sie ihre Lebensmittel verwahrte und aus dem sie dem Gast gerne ein kühles Getränk servierte. Dies war ein Reich mit eigenen Gesetzen. Auch Blumenberg ging in Münster fern dem üblichen Betrieb seiner Fakultät eigene Wege. Er hielt drei Vorlesungen in der Woche mit sich nie wiederholenden Themen. „Die Professoren haben alle Angst vor ihm“, sagte Ute Vonnegut, um den Grund ihrer Freiheit anzudeuten.

 

Blumenberg war ein Mann des gesprochenen Wortes. Deshalb gibt der Stil seiner Bücher so wenig eine Vorstellung von dem Ereignis der Vorlesung, wie die inzwischen veröffentlichten Tondokumente von Hörfunksendungen die Stimme des frei Vortragenden wiedergeben. Er hat offenbar viele Leben geführt und in vielen Tonlagen gesprochen. Das ist wohl auch der Grund, warum – anders als bei Friedrich Ohly – ein sehr unterschiedliches Bild von ihm in der Öffentlichkeit existiert. Wie er wirklich war, zeigte sich nicht nur in der persönlichen Begegnung, sondern auch zwischen den Zeilen eines Vortrags.

 

Hans Blumenberg gehörte zu einer Generation, die in der Schule viele Gedichte auswendig gelernt haben. Im Oktober 1944, als ihm die Einweisung in ein Arbeitslager drohte, legte er sich ein kleines Heft zu, in das er Gedichte für den Ernstfall eintrug. Goethes Prometheusode gehörte nicht dazu. Sie markiert die Erfahrung eines Bruches, der noch kommen sollte. Blumenberg eröffnete seine Vorlesung „Goethes ungeheurer Spruch“ mit der Rezitation der Prometheusode. Er sprach mit bebender Stimme. Er schrie einzelne Verse. Er verstummte. War das großes Theater? Die Zuhörenden saßen eingeschüchtert und warteten eine lange Zeit. Der Vortragende atmete schwer.

 

 

„Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du’s nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühendes Herz?

Und glühtest, jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden dadroben?“

 


War dies die Vergegenwärtigung eigener Erfahrungen im fremden Gewand?

 

„Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Belandenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?“

 


Dies ist kein Klagepsalm, der versöhnlich endet oder in einem Ausblick auf kommende Erlösung, sondern eine Abrechnung. Er gipfelt in der Selbstbehauptung:

 


„Hier sitz’ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, weinen,

Genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich.“

 

 

 

 

 



Eines Abends rief mich der Lübecker Arzt und Vorsitzende der Thomas-Mann-Gesellschaft, Dr. med. Ulrich Thoemmes, an. Ich kannte ihn nicht, sollte ihn aber bald kennenlernen. Es war kurz vor Mitternacht. Thoemmes machte ein großes Geheimnis um den Grund seines Anrufes und fragte mich, warum ich erst so spät nach Hause käme. Er versuche mich seit Stunden zu erreichen. Ich sei wohl im Theater gewesen. Ich fühlte mich ertappt und eines Verstoßes gegen das Freizeitverhaltens von Jungakademikern schuldig. So verschwieg ich, dass ich vom Doppelkopfspiel nach Hause gekommen war. Theater und Kinos habe ich aus Abneigung gegen die Zumutungen des Regietheaters und lautstark Popcorn mampfende Zuschauer nie gerne besucht. Ulrich Thoemmes ließ mich noch eine Weile den Grund seines Anrufes raten. Ich hatte keine Ahnung. Auch in Lübeck bei der Verleihung des Thomas-Mann-Förderpreises 1982 fühlte ich mich fremd und muss die Lübecker mit meinen Ansichten wohl auch befremdet haben.

 


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In Ulrich Thoemmes lernte ich einen alten Klassenkameraden meines Lehrers kennen und mit Lisa Dräger die Frau jenes Mannes, der ihm in schwerer Zeit Zuflucht und Brot durch die Arbeit in den Drägerwerken geboten hatte. Thoemmes war drei Tage lang in Plauderlaune und erzählte aus der gemeinsam verbrachten Zeit am Gymnasium Katharineum und seiner Schwester Brigitta, die sich in den Abiturienten verliebt hatte und von einer gemeinsamen Tochter träumte. Man habe sich sogar schon auf den Namen einer Person geeinigt. Thoemmes zeigte mir die Schule und die Gedenktafeln für zwei ihrer berühmten Schüler: Thomas Mann und Heinrich Dräger.

 


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Jahrzehnte später besuchte ich mit Undine die Stadt an der Trave. Ich hatte gehört, es solle inzwischen eine Gedenktafel mit dem Profil Hans Blumenbergs geben, entworfen und angefertigt von Wilhelm Schmidt (1922-2011), dem berühmten Kunsterzieher. Von Wilhelm Schmidt, der über 40 Jahre am Katharineum gewirkt hatte, stammt auch die schöne Keramik mit dem Portrait des einstigen Schüler dieser Anstalt, Erich Mühsam. 

 

Es war der letzte Schultag vor den Ferien. Die Schüler waren bereits ausgeflogen. Das Gebäude stand offen. Die alten Gedenktafeln fand ich so wenig wie die neue. Durch verwinkelte Gänge und über verschiedene Treppen stiegen wir ins Rektorat empor und trafen den Schulleiter. Er trug einen Arm in Gips, war aber guter Dinge. Ich stellte mich vor und sagte, wir hätten die Erinnerungstafel für Hans Blumenberg gesucht, aber nicht finden können. Der Mann schaute ernst und sagte, das wundere ihn nicht, denn die Tafel liege hier in seinem Rektorat.

 

Zwischen den Papierstapeln in einem Regal fischte er einen kleinen Karton, öffnete ihn, holte eine Keramik hervor und legte sie vor uns auf den Tisch neben Kaffeetassen und Kekse. Kein Zweifel, das war Hans Blumenberg. Nur warum wurde die kleine Tafel nicht im Gebäude aufgehängt?

 

Weil es entschiedenen Widerspruch gegeben habe. Er nannte den Namen einer Person, mit der offensichtlich nicht gut Kirschen essen ist. Eine prometheische Natur. Auf dem Bild sei Sigmund Freud zu sehen, nicht Hans Blumenberg, habe es geheißen. Gar nicht schlecht, dachte ich, denn Blumenberg liebte die Abenteuerromane der Psychoanalyse und die konfliktreichen Geschichten von Sigmund Freud und seinen Schülern. Mit vergnüglichen Seitenhieben erzählte er von den nie endenden Dramen der weitverzweigten Freudschen Familie. Durch seine Freud-Vorlesung inspirierte er mich zu eigener Arbeit über den Kulturstifter Moses. In dem Publikationsorgan der Thomas-Mann-Gesellschaft veröffentlichte ich daraus einen Auszug, den biographischen Aufsatz über die zweite Begegnung zwischen Thomas Mann und Sigmund Freud (14. Juni 1936). Auf ihn und meine Lübecker Erlebnisse nimmt Blumenberg wiederum in „Rauch und Rührung“  Bezug:

 

 

 

"Die Lübecker gehen mit ihren durch Preisträgerschaften adoptierten Söhnen noch strenger um als mit den natürlichen."

 

(Die Verführbarkeit des Philosophen. S. 175)

 

 

 

 

 

1983 verließ ich Münster. So begann ein reger Briefwechsel. Auch telefonierten wir zu später Stunde. Diese Briefe zeigen heute eine Facette aus dem Leben des Lehrers. In der falschen Annahme, ich könne als Adressat dieser Briefe auch über sie verfügen, veröffentlichte ich den letzten Brief vom 26. Februar 1996. Er ist zugleich der Dank für die Widmung der Kulturgeschichte "Der Gefallene Engel. Von den Dämonen des Lebens". Es freut mich, dieses und andere meiner Bücher heute in der Handbibliothek Hans Blumenbergs in den Marbacher Archiven stehen.

 

 

 

 


Der gefallene Engel



 

 


Als Ort der Veröffentlichung wählte ich die Internationale Katholische Zeitschrift Communio (Mai/Juni 2014. S. 173-198). Sie wurde von Joseph Ratzinger, Karl Lehmann und Hans Urs von Balthasar gegründet. Walter Kasper, Helmuth Kiesel und Christoph Schönborn zählen zu ihren Herausgebern. Die Communio sei der angemessene Rahmen für die Veröffentlichung eines Briefes, der sich mit katholischen Themen beschäftigt, dachte ich. Jürgen Kaube schrieb in der FAZ (18. Juni 2014):

 

„In seinem letzten Brief erweist sich der Philosoph, der manchen nur als Vertreter einer religionskritischen Aufklärung und Verteidiger der Moderne gegen ihre Verächter erscheinen mochte, zunächst als in buchstäblich allen Details der christlichen Tradition bewanderter Gelehrter – nicht nur der Dogmatik, sondern auch der Liturgie, ihrer Text- und Bildgeschichte.“

 

 

 


 

 



Mein Weg führte mich zu den Engeln, denen ich seit 1987 viele Aufsätze und Bücher widmete. Was mich an den Engeln faszinierte, war die Vielfalt der kulturgeschichtlichen Zeugnisse, ihre Allgegenwart in den Religionen, ihre Vernetzung mit biographischen Schlüsselerlebnissen, ihre Bedeutung für die Liturgie und das persönliche Weggeleit. Es gibt ein berühmtes Bild der Hildegard von Bingen von den neun Chören der Engel. Hier ist eine Theorie der Unbegrifflichkeit ins Bild gesetzt.

 

Der Lehrer nahm weiterhin Anteil an meinem Wesen und Werden. Er mahnte zur "Vorsicht im Umgang mit Engeln":

 

"Es ist keine beiläufige Beobachtung,

daß Angelologie und Dämonologie dem Theologen

komplementäre Lizenzen zur Imagination geben,

ihm jedoch jede 'Größe' in seiner Profession verweigern."

 

(Die Verführbarkeit des Philosophen. S. 117).

 

 


Niemals hätte er zugegeben, dass er an die Existenz von Engeln glaubt, wenn er an sie geglaubt hätte. Was glaubte er? Unter Theologen ist diese Frage keineswegs indiskret. Ich stellte sie und bekam eine Abfuhr. Blumenberg schrieb einen Text mit dem Titel „Der Tod des Uwe Wolff“, in dem er einen letzten Moment der Wahrheit beschreibt. Er stellt den Fragenden vor den Thron Gottes, und dort erhält er jene Antwort, die er von Hans Blumenberg auf Erden erwartet hatte. Wenn man jung ist, unterstellt man den Alten vielerlei: Wissen und Weisheit zum Beispiel sowie endgültige Antworten auf letzte Fragen.

 

Im Juni 1987 legte die Zürcher Synode erste Übersetzungsproben der neuen Zürcher Bibel vor. Die Heilige Schrift sollte moderner und damit lesbarer werden. Was eine Theorie der Unbegrifflichkeit in diesem Fall bedeutet, führt Blumenberg in seinem Beitrag "Was tut der Geist über den Wassern?" (NZZ vom 28. August 1987) aus:

 


"Jedes Kind weiss, das im Anfang der Bibel von der Erschaffung der Erde und des Himmels die Rede ist; aber nicht einmal die Nicht-Kinder verbinden mit dem 'Schaffen' einen genaueren Sinn. Das Unverständlichste kann man nicht antasten und gefällig machen, weil es theologisch den Grund von allem übrigen ist.

(...)

Abbau der sakralen Qualität einer Sprache, die nicht wie alltäglich Gesprochenes sein kann und immer davon lebt, es nicht sein zu dürfen, führt in die fortbestehende und nun trivialisierte Unverständlichkeit. Aber was im Kontext hinzuzugewinnen ist, das sollte nicht verlorengehen. Wenn schon keiner jemals wissen kann, was ein über den Urwassern schwebender oder sich bewegender Geist ist, dann sollte die Induktion von 'Irrsal und Wirrsal' genutzt werden, um die Anschauung zu steigern: nicht sich bewegt der Geist, sondern die Wasser als 'Braus Gottes', als 'Gottessturm'. Da darf man auf die grössere Vieldeutigkeit der alten Sakralsprache vertrauen, die für 'die' ruach so viele Bedeutungen hatte, dass niemand glauben sollte, lexikalische Befunde seien nicht zumeist Kleinmütigkeiten der Konservierung von Kontexten. Mut also, Synode, auch zum Gottessturm!"

 

Als ich das Amt eines Fachleiters für Religionslehre in Hildesheim antrat, bat ich Hans Blumenberg um eine Stellungnahme zur Religionsdidaktik. Sie erschien in der "Arbeitshilfe für den Evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien" (Heft 50/1992. S. 9-13). In ihr nimmt er noch einmal Bezug auf den ersten Satz der Genesis:

 

"Gott wurde noch nie verstanden, in welcher Sprache und zu welchen Hörenden er auch sprach. Der erste Satz der Bibel ist unverständlich, wie es sich für einen 'heiligen Text' gehört. Jesus wurde von seinen Jüngern so wenig verstanden, daß er sie auf einen Geist vertrösten mußte, der ihnen helfen sollte, aber - am mangelnden Konsens gemessen - dies nicht gehalten hat. Ist es nicht ein maßloser Gedanke, die Theologie und ihre Religionspädagogik würden schon zustande bringen, was Gott nicht vermochte?

(...)

Es ist nicht wahr, daß die Gleichnisse etwas verstehbar gemacht hätten, was es ohne sie nicht gewesen wäre. Sie haben die Rätsel vertieft, und das ist des Großen genug getan. Gleichnisse verdienen diesen Namen nicht, wenn sie einer exegetischen Anstrengung mit endloser Geschichte bedürfen, als seien sie das 'gleichnisweise' Mitzuteilende selbst und ständen nicht für ein anderes und ihnen Sinngleiches.

(...)

Ist es dem zuwider, etwa einem Gleichnis Jesu seine Zeitgemäßheit abzutrotzen oder oktroyieren zu wollen, statt ihm seinen unauferhörlichen Zuwachs an Vieldeutigkeit durch immer neues 'Hören' zu lassen. Es muß als etwas genommen werden, was uns nicht für ein Mal 'aufklären', sondern für ein Leben 'beschäftigen' soll." 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

Zum 70. Geburtstag von Hans Blumenberg gab Michael Krüger 1990 eine Festschrift heraus. Er bat mich um einen Beitrag. So schrieb ich eine kleine Engelgeschichte mit Blumenberg als unserem Lehrer Dr. Seraph.

 

 

Blumenberg mochte die indirekte Mitteilung im Gewand der Fabel. Als ich zu einem Beitrag für die Ernst-Jünger-Festschrift (1990) aufgefordert wurde, wagte auch ich mich an diese Gattung. Das Thema "Wölfe und Lämmer" lag nahe.

 

 

 


Theologe Wolff

 



Auch schätzte er Diskretion, gestattete sich aber stets Ausnahmen von der Regel. Am 17. September 1993 teilte ich ihm mit, was ich von meinem Freund, dem Jüngerbiographen Heimo Schwilk, erfahren hatte, und forderte ihn zu einer einer Glosse auf:

 

„Wie mir Schwilk schrieb, hatte Jünger Lähmungserscheinungen im Arm infolge eines Zeckenbisses. Das Tierchen gehörte zu den Hausgenossen des Subtilen Jägers. Als die ‚Bild’ meldete: ‚Ein großer Deutscher liegt im Sterben’, war der ‚Jahrhundert-Mann’ bereits wieder unter seiner Sammlung. Kommentar des Unsterblichen am Telephon: ‚Von denen muß ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen.’

Bleibt nur die Frage nach dem Opfer: der Zecke. Ist sie inzwischen chloroformiert der subtilen Sammlung einverleibt worden? Und was hätte es zu bedeuten gehabt, wenn der 18-fach im 1. Weltkrieg verwundete am Ende von einer Zecke gefällt worden wäre? Daß wir in einer banalen Zeit leben, wo große Abgänge nicht mehr möglich sind? Immerhin Stoff für die Februar 94-Ausgabe der Akzente und den Meister der Anekdote und ihrer Kommentierung, den Philosophen vom Blumengebirge.“ (Der Mann vom Mond. S.185.)

 


Blumenberg reagierte mit „Ein Zeckenbiß“ (Der Mann vom Mond. S. 150f.):

„Wenige hatten einen direkten Draht zum Forsthaus in Wilflingen, um sich zu vergewissern. Jüngers Bildbiograph kam durch und gab es weiter...“

 

 

 

Ernst Jünger gehörte zu jenen Themen, die Blumenberg ein Leben lang beschäftigten – und Friedrich Hebbel, der Hundefreund, der Melancholiker, der Tragiker und der Aphoristiker. Während ich die Erinnerungen an meine Studienzeit aufschreibe, lese ich die Tagebücher des fast vergessenen Dichters aus Wesselburen. Unter dem 22. Oktober 1837 finde ich ein schönes Motto für diesen Rückblick und Nachruf:


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"Mit jedem Menschen verschwindet 

(er sei auch, wer er sei)

ein Geheimnis aus der Welt,

das vermöge seiner besonderen Construction

nur Er entdecken konnte und das

nach ihm Niemand wieder entdecken wird."

 

 

 

 

"Kurz, er war ein Engel."

Anselm Haverkamp