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Friedrich Ohly: Lieben ist Erkennen

 

 


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"Das für die Wissenschaft produktivste Lebensalter ist das Jahrzehnt

zwischen zwanzig und dreißig Jahren.

Alles Spätere ist nur Vollzug von dem,

was einem in diesen Jahren einfiel.

In diesen Jahren heißt es,

sich zu spannen und zu recken,

sich auf die Fußspitzen zu stellen

und etwas wie Flügel auszubilden."

Friedrich Ohly

 


Wer den Reichtum der abendländischen Kulturgeschichte kennenlernen wollte, der ging zu Friedrich Ohly und Hans Blumenberg. Diese Lehrer waren wie unsere Väter und Großväter: Als typische Vertreter ihrer Generation erzählten nichts von sich und gaben doch in der Art, wie sie lehrten, die Geschichte ihres bewegten Lebens preis. So wirkten sie aus dem Geheimnis ihrer Persönlichkeit. Ohly besaß eine Aura. Er wirkte im Wort ebenso wie im Schweigen. Ohly war, was man heute authentisch nennt. Wahr und wahrhaftig, erlebt und erlitten waren seine Worte. Uwe Pörksen (*1935), einer seiner frühen Schüler, hat ihm in dem Roman „Weißer Jahrgang“ (1979) ein Denkmal gesetzt. Ohly ist das Urbild des Gelehrten Holberg, von dem es im Roman heißt: 

 

„Er vermittelt mir einen neuen Zugang zum Christentum,

und zwar durch die mittelalterliche Kunst.“

 

 

Ohly besaß das Tränencharisma. In seiner Münsteraner Abschiedsvorlesung (1982) sprach er bewegt und bewegend über die Kraft der Memoria in einer Weise, die den letzten Ernst der Kultur erfahrbar machte. Auch wer nicht wusste, dass er fast ein Jahrzehnt in russischen Arbeitslagern an den Flüssen Wolga und Kama Steine klopfen musste, spürte den Zeugnischarakter der Worte: 

 

"Dem Menschen ist das Verlangen

nach Liebe und Freundschaft

so tief eingegraben,

daß er ohne sie verkümmert."

 

 

Was er in seiner Münsteraner Antrittsvorlesung über sein väterliches Verhältnis zu seinen Schülern gesagt hatte, war gelebtes Leben und beschrieb eine Verantwortung, die über die Studienjahre hinaus sich zu seiner Freundschaft erweiterte und über den Tod hinaus dem Schüler eine nie versiegende Quelle geistiger Anregung bleibt:

 

„Verlassen säßen wir in unserer Stube ohne den Anspruch derer, die uns hören und täglich prüfen. Was der Schüler werden kann, wird er durch die Erwartung seines Lehrers; was der Lehrer werden kann, wird er durch die Erwartung seiner Schüler. Beide heben sich und tragen einander. Beide träumen voneinander einen Traum, sind nacheinander auf der Suche.“

 

 

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Dieses hehre Ideal war und ist alles andere als zeitgemäß. Und vielleicht kann ein kaltes Herz, wie Meister Eckhart zu sagen pflegte, davon nicht sprechen. Als ich Ohly begegnete, war die Zeit der Studentenunruhen vorbei. Nun wütete der nackte Terrorismus der RAF. Dass Friedrich Ohly und andere Hochschullehrer die Studentenunruhen als eine Wiederkehr des braunen Terrors im roten Gewand erlebten, konnte ich nur ahnen. Noch im Jahr 1973 sprengte eine Rotte radikaler Kommunisten Ohlys Hauptseminar. Seit dem Vorlesungsstreik des Jahres 1969 wurde in zahlreichen Go-ins der ROTeG (Rote Zellen Germanistik) die Abschaffung eines obligatorischen Studiums der deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters gefordert. Ohly hatte 1967 die DFG-gestützte Arbeitsstelle für Mittelalterliche Bedeutungsforschung gegründet. Nun forderten Agitprop-Gruppen auf Wandzeitungen die Einstellung dieser „Hobbyforschungen auf Kosten der studentischen Ausbildung durch pervertiert historizistisch zurückgewendete Professoren“. Im Dezember 1972 griffen Vertreter des Kommunistischen Studentenverbandes (KSV) Ohly tätlich an, als er in seiner Eigenschaft als Geschäftsführender Direktor eine illegal aufgehängte Wandzeitung entfernen wollte. Der KSV sprengte daraufhin Ohlys Hauptseminar und forderte die Studenten auf, seine Vorlesung in ein Tribunal zu verwandeln. Ohly musste seine Lehrtätigkeit für den Rest des Semesters einstellen. 

 

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Ohlys Seminare und Vorlesungen eröffneten mir die geistige Welt des Mittelalters. Ich schrieb eine Arbeit über das mystische Auge und den Wortschatz des Sehens im Trudperter Hohenlied, las Meister Eckhart, Gottfrieds Tristan und Isolde und vor allen Dingen Wolframs Heiligenlegende Willehalm und den Parzival, der mir zum Lebensbegleiter wurde und den ich in der Nacherzählung von Auguste Lechner gerne in meinen fünften Klassen las. Typologie (Präfiguration) und Metaphorologie (Symbolkunde) waren für Ohly und Blumenberg Leitmotive einer abendländischen Kulturgeschichte, durch die das Geheimnis von Gott und Mensch erzählbar wurde. 

 

Beide Lehrer begegneten einander mit Hochachtung. So prüfte mich Ohly im Examen über die Theorie der Unbegrifflichkeit von Hans Blumenberg. Diese nahm ihren Ausgang von einem der großen christlichen Lieder, Matthias Claudius' "Der Mond ist aufgegangen", und dem Vers "Der Wald steht schwarz und schweiget". Da war die Rede von dem unergründlichen und unbegreifbaren Geheimnis, das mich seit jeher bewegte. 

 

In seiner Abschiedsvorlesung (1982) formulierte Ohly sein Credo, das Leitfaden für meine eigene Arbeit in Schule und Studienseminar werden sollte:

 

 

"Bildung gar oder Kultur erwerben wir wohl weniger im Erfahrungskleinraum unseres Lebens als im Umgang mit den Schätzen der in den Künsten bleibende Gestalt gewonnenen, von den Denkern im Entwurf geschauten, von der Religion ins Licht gehobenen Möglichkeit, einer sich ausbildenden Menschwerdung sich zu versichern. Was ein Ritter, ein Heroe, ein Heiliger, ja was Götter seien oder Gott, erführen wir nicht aus der Erfahrung unseres kleinen Lebens, nicht ohne die Überlieferung in Wort und Schrift und Kunstwerk, ohne die Zeugen und die Zeugnisse, die das Gedächtnis unseres Geschlechtes als den Boden der Geschichte nähren. 

(...)

Der Dichtung als eines Gefäßes der Erinnerung an die Geschichte der Gefühle, Erfahrungen und Erwartungen des Menschen bedürfen wir wie aller Künste als Hilfe für ein Überleben als Geschlecht, welches des Reichtums der in seiner Geschichte gewonnenen Möglichkeiten des humanen Menschseins anders fahrlässig sich begäbe.

(...)

Bedenkt man, daß das an die Schrift gebundene geistige Erbe der Antike ohne das der Memoria gebrachte Schreibopfer der christlichen Mönche und der islamischen Gelehrten, die beide dank ihres Glaubens an den Wert des durch die Schrift ihnen Überkommenen vom Sinn des Schreibens tief durchdrungen waren und es zu einer hohen Kunst ausbildeten, dem Abgrund des Vergessens ohne Rettung zugefallen wäre, dann überkommt einen der Schrecken des Gedankens an gewesene oder kommende Möglichkeiten solcher Gedächtnisverluste der Geschichte und wächst der Dank für alle Bewahrungen von Gedankengewinnen und vorgelebten Menschenbildern. Schriftreligionen leben und sterben mit der Memoria ihres Wortes." 

 

 

Friedrich Ohly blieb seinen Schülern verbunden, und sie ihm. Gesundheitliche Probleme nötigten ihn, sein Haus in der Goerdelerstraße zu verlassen und sich von 80% seiner Bibliothek zu trennen. Im Krankenhaus erreichte ihn mein erstes Engelbuch „Breit aus die Flügel beide“ (1993), auf das er wie immer freundlich zugewandt die Suchbewegung des Schülers würdigend reagierte:

 

„Ins Krankenhaus konnte ich mir Ihre Engel bringen lassen. Die Lektüre war mir eine reine Freude. Angesichts der von Ihnen mit Ebeling beklagten ‚an Erstickung grenzenden Sprachlosigkeit’ und ‚Sprachschwindsucht in geistlichen Dingen’, die mich heutige theologische Werke immer wieder vor Langeweile weglegen läßt – das gilt auch für in aller Üppigkeit schreibende große Namen -, war Ihr Buch eine wahre Wohltat, eine Genesung befördernde. Sie sind in eine theologische Lücke gestoßen, von der es denkbar ist, dass aus ihrer Ecke noch einmal ein religiöses Faszinosum erwachen könnte. Ob es dann auch auf das theologisch Zentralere würde übergreifen können? 

 

Es ist ein Buch mit überreicher Fülle an Facetten und Quellen, Gesichtspunkten und Themen, die so weit gefächert sind, dass das, was vielen als eine Randerscheinung vorkommen mochte, nun ein rundes Ganzes doch umfasst. Sie haben eine eindruckvolle bewegende Schreibart hier für sich gefunden, die allenthalben unmittelbar für sich überzeugend aus dem Ihren wirkt. Und wie prächtig, anspruchsvoll dokumentierend ist der Band bebildert! Nehmen Sie also meinen ganz herzlichen Dank für das so Nahegehende.“

 

(Brief vom 2. April 1993)

 

Zu seinem 80. Geburtstag widmete ich Ohly mein Buch „Gottesdämmerung. Auf den Spuren einer Sehnsucht“ (1994). Wie immer, so nahm sich der vielfach in Anspruch Genommene Zeit, auf meine Gedanken einzugehen. Er benutzte für seine Briefe sogar die ungewohnte Schreibmaschine, nachdem ihm meine Studienfreundin Franziska Wessel-Fleinghaus den Hinweis gegeben hatte, dass ich seine Handschrift nicht lesen konnte.

 

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In seinem Brief vom 1. April 1994 nimmt Friedrich Ohly auch Bezug auf ein Kapitel, das seiner Arbeit über „Metaphern für die Sündenstufen und die Gegenwirkungen der Gnade“ gewidmet ist. Ich hatte es in der NZZ besprochen. Jahrzehnte später sind Ohlys briefliche Adnoten auch als Selbstcharakteristik lesbar und sollen daher mitgeteilt werden:

 

„Da ich keine Schule gebildet habe, darf ich Lehrer sehr verschiedener Naturen und Temperamente heißen, die in einem humanen Ernst der Hingabe an ihre Aufgabe oder Passion gleichwohl verbunden erscheinen können. Selbst immer wieder Zögerer von Graden, bewundere ich eine leichtere Hand wie die Ihre, die Ihrem Engelbuch so bald diesen neuen Band hat folgen lassen können, mit seiner frischen Bündelung von historisch und im Gegenstand Auseinanderliegenden. 

 

Ihr theologisches Festhalten am Biblischen imponiert mir in seiner Deutlichkeit angesichts der Verwaschenheit von vielen Theologia sich Nennendem, wenn ich auch selbst mich nicht mit Ihrer Entschiedenheit einen ganzen Christen, geschweige denn einen Theologen nennen zu dürfte bei meinem Umgang mit Dergleichen. Von allen in Ihrem Buch vorgeführten Möglichkeiten steht mir die von Blumenbergs ‚Matthäuspassion’ am nächsten. Ihrer kritischen Zeitdiagnose Kirchlichem gegenüber stehe ich ganz nahe, freilich mit geringeren Erwartungen in Richtung auf eine tiefgehende Erneuerung. Eine Freude war es mir, meinen geliebten Persern zu begegnen, Rumi ganz vor allen anderen. Daß Sie meines Büchleins über Sünden- und Gnadenmetaphern – das bald ganz übersehen sein wird – so trefflich haben gedenken wollen, danke ich Ihnen. Den Philologen ist es zu weit weg und die Theologen lassen sich nicht gerne Lichter aufstecken, wie ich es oft genug zu treiben habe, ohne sie aufzuschrecken.  

 

Sie haben eine glückliche Hand, Gegebenes klar auf den Punkt zu bringen mit knappen Formulierungen, die ohne Umschweif sitzen. Das haben Sie nicht von mir oft verknäuelt Schreibendem gelernt.“

 

Friedrich Ohly starb am 5. April 1996 nach geduldig ertragener Krankheit in den späten Abendstunden des Karfreitags. Zu seinem 100. Geburtstag haben Wolfgang Harms und Wolfram Hogrebe den Band „Friedrich Ohly. Vergegenwärtigung eines großen Philologen“ (2014) herausgegeben, der mit der Memoria dieses großen Liebenden zugleich das Bild eines akademischen Lehrers beschwört, den es in der heutigen Bildungslandschaft nicht mehr gibt.

 

Weihnachten 1996 schickte ich Marianne Ohly einen Kartengruß mit dem Engel von Autun und den drei Königen. Über ihnen schwebt ein Stern, den Ohlys Frau als ein Symbol für das Weltall deutete. Am 28. Dezember 1996 nimmt sie auf diese Räume der Unbegrifflichkeit und Unbegreifbarkeit Bezug:

 

„Mein Mann hat oft von – in! – diesen Räumen geträumt. 

Von einem der letzten Träume, die er mir erzählte, sagte er: 

Ich habe kosmische Sphären durchmessen.“

 

 


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Erst später bekam ich – auch durch Franziska Fleinghaus – genauere Einblicke in die Biographie des Lehrers: Friedrich Ohly war ein Kind des Evangelischen Pfarrhauses. Am 10. Januar 1914 wurde er in Breidenbach (Hessen) als Sohn des Pfarrers Ludwig Ohly und seiner Frau Luise geboren. Zur Examensprüfung hatte die Volksschullehrerin gut 90 Kirchenlieder auswendig zu lernen. Aus diesem reichen Schatz an Lebenserfahrungen liebte sie zu zitieren. Friedrich Ohly hatte einen jüngeren Bruder, der auch Pfarrer werden sollte, und fünf ältere Schwestern und Brüder aus der ersten Ehe des Vaters. Als Halbwaise, der Vater war bald nach der Konfirmation gestorben, legte er 1932 die Reifeprüfung am Frankfurter Lessinggymnasium ab und studierte anschließend in  Frankfurt, Wien und Königsberg. 

 

Bereits in Uniform legte er nach der Promotion (1938) das Erste Lehrerexamen (26. September 1939) mit vier Klausuren (Germanistik, Geschichte, Griechisch, Philosophie) an einem Tag und drei mündlichen Prüfungen am folgenden Tag ab. 1940 heiratet er. Durch eine Augenverletzung wehruntauglich geworden, kann er als Assistent von Julius Schwietering in Berlin seine wissenschaftliche Arbeit wieder aufnehmen, bis er im April 1944 erneut zum Heeresdienst eingezogen wird. 

 


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Die Geschichte der großen wissenschaftlichen Studien jener Jahre wie etwa Erich Auerbachs „Mimesis“ ist noch nicht geschrieben worden. Sie sind, wovon sie erzählen: Überlebenshilfe, die sich in den Grenzgängen des eigenen Lebenslaufes bewährt hat. 

 

Friedrich Ohlys „Hohelied-Studien“ sind das Zeugnis einer liebenden Gotteserkenntnis, die nicht nur die Wirkungsgeschichte des Liedes der Lieder in den Herzen mittelalterliche Seelen beschreibt, sondern zugleich eine jederzeit mögliche Erfahrung. Denn es gibt keine Erkenntnis ohne Liebe. Das gilt auch für die Wissenschaft. Friedrich Ohly reichte seine Habilitationsschrift im Oktober 1943 ein. Ein Genesungsurlaub Anfang Juni 1944 gibt ihm die Möglichkeit zur Habilitation. Eine Woche hat er Zeit, das einzige Exemplar seiner Arbeit von Tag zu Tag jeweils einem der fünf Gutachter vorzulegen. 

 

Noch am Abend seiner Probevorlesung muss er nach Rumänien an die Front zurückkehren, gerät in russische Kriegsgefangenschaft (September 1944 – Oktober 1953) und verbringt bald ein Jahrzehnt in verschiedenen Arbeitslagern. Als er nach über einem Jahr der Isolation eine erste Karte nach Deutschland schicken darf, erfährt er vom Tod seines dritten Kindes und seiner Frau (Januar 1945) und kann nun den Traum von einer Beerdigung deuten, den er zeitgleich gehabt hatte. Die russische Sprache lernt er ohne Wörterbuch und Grammatik, und schreibt Sonette nach dem Alten Testament zu Jesaja, Jeremia und Hiob, den Brüderpaaren Jakob und Esau, Kain und Aber, zu Lot und dem Untergang Sodoms und zum Engelsturz:

 

Luzifer I

 

Das Auge Gottes ruhte überm klaren

Gewölbe seiner Welt; da bricht's, es fallen

Gestirne flammend durch den Himmel, hallen 

der Engel Schreie, die herniederfahren.

 

Hie Luzifer! Hie Michael! So scharen

die lichten Heere Gottes sich. Und allen,

die frech verachtend sich empört, erschallen

im Siegesruf des Engels die Fanfaren

 

des göttlichen Gerichtes. Der getrachtet,

des Weltenvaters Herrschaft stolz zu üben,

verblendet seinem Gott sich gleichgeachtet,

 

gewittert mit dem englischen Gesinde

zur Erde nieder: ihre Tage trüben

sich finster unterm Brandhauch schwarzer Winde."

 

 

 

 

 

Die Plackerei in russischen Steinbrüchen überlebt er durch Dichtung, besonders die Verse des Hohenliedes, dessen mittelalterlichen Kommentar, das Trudperter Hohelied, er später in jahrzehntelanger Arbeit kommentiert. In seinen Erinnerungen „Glück eines Gefangenen mit Puschkin und Steinen“ legt er Beispiele seiner Übertragungen von Puschkins Gedichten vor, die Swetlana Geier auf ihrem Sterbebett mit großer Zustimmung las. Die Erinnerungen sind greifbar in Ohlys Kulturgeschichte mit dem für ihn typischen bescheidenden Titel: Ausgewählte und neue Schriften (1995). Mich sprechen vor allen Dingen jene Sätze an, in denen das Geheimnis der Wirkung des großen Lehrers greifbar wird:

 

 

„Auch das Leben eines Gefangenen hat Stunden des Glücks. Auch der nur mit Skepsis auf Befreiung hoffende, als Kriegsgefangener 1949 willkürlich zu einem Vierteljahrhundert Zwangsarbeit Verurteilte hat sie in russischen Lagern unvergesslich gehabt.“ (S. 931)

 

 

„Im Leid hat Kunst am ehesten Glück bereitet.“ (S. 931)

 

 

„Als im zweiten unabsehbaren Schweigejahr nach der Verurteilung (1950) allein Gedanken und das Aufschauen zu den Sternen, die nach Westen gingen, ein gefasstes Herz so wie in Hitze und Kälte harte Arbeit über schwere Tage halfen, war Puschkins ‚Elegie’ ein Halt.“ (S. 932)

 

 

„Liebe und Wissen um Geliebtsein steigern eigene Kraft in einem alles Dunkel auflichtenden, alle Last erleichternden, Jugend an den Tag rufenden Maß. Ohne Leid und Schicksal wäre das Sicherfüllen nicht bis zur Genüge ausgeschöpft.“ (S. 933)

 

 

„Begeistern werd ich mich am reinen Klang,

Werd weinen überm Wort, das mir gelang.“

 

 

Diesen Vers Alexander Puschkins kommentiert Ohly:

 

„Schreibende kennen solchen Dank für ein Gelingen aus der geheimnisvollsten, Geist genannten Gabe ihres Lebens. Vergleichbare Momente, wo nicht Tränen in die Augen kommen, wo ein Aufleuchten aus ihnen entspringt, kennt der Handarbeiter, der abgewogene Kraft und Sicherheit aus Erfahrung mit genossenem Glück so einsetzt, dass sich ihm selbst anscheinend Unbezwingbares ergibt. Glück aus Puschkin und ein Glück aus Arbeit brauchen  einander, werden erst vereint ein Lebenselixier.“ (S. 935)

 

 

In Königsberg studierte Friedrich Ohly bei Paul Hankamer (1891-1945), einem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, der seine Prägungen durch den rheinischen Katholizismus sehr ernst nahm. Hankamer stand dem Hochland-Kreis um Carl Muth nahe. Die katholische Zeitschrift wurde 1941 verboten. Hankamer musste bereits 1936 seinen Lehrstuhl aufgeben. Hankamer führte einen Kulturkampf um die geistige Klärung und Bildung seiner Studenten. Der katholische Glaube war ihm ein Zeugnis letzter Verantwortung des Menschen. Als Hankamer aus dem Amt entfernt wurde, setzte sich Ohly für seinen Lehrer ein. Diese Treue führte zum Ausschluss aus der Studienstiftung und Verweis von der Universität Königsberg.

 

Ohlys Würdigung dieses Lehrers deutet zugleich ein Selbstbild an: „Er bildete keine Schule, sondern Schüler. Mit dem Reiz anspruchvoller Milde, sensibel prüfender Humanität und reicher Fazilität des Geistes zog er sie in Bann.“ Als Katholik und christlicher Humanist lehrte Paul Hankamer aus der „virtuosen Fülle der Anschauung (...) Geistesgeschichte als schöpferisch aneignende Erkenntnis der durch Gestalt und Form geschehenen Wirkung in die Zeiten ‚gesandter Individuen’“.

 

 

Der Parzival blickt weit über den Orient hinaus nach Indien, wo der Priester Johannes erste Gemeinden gründete. Im Sanskrit gibt es einen Ehrentitel für die gesandten Individuen: MAHATMA bedeutet GROSSE SEELE oder HEILIGER. In diesem Sinne war Friedrich Ohly ein Heiliger. Das spürte gerade ein so anders strukturierter Geist wie Hans Arnfrid Astel. In seinem Nachruf auf Friedrich Ohly rühmt er die Demut des großen Liebenden:

 

 

"Der Tugend-Passepartout paßt nicht auf jeden.

Er war kein Jedermann. Ach wäre jeder

wie er, dann hätten wir ein Menschenbild!

Dem Pfarrersohn war noch sein Glaube klein.

Er hoffte aufzustehn und wußte nicht,

daß er schon längst ein Christ und auferstanden."

 

 

Friedrich Ohly wünschte bei seiner Beerdigung keine Laudatio. In einem Epigramm von Franz Grillparzer fand er seine letzte Bitte wieder:

 

 

"Lobet mich nicht, denn es beschämt mich,

Tadelt mich nicht, ich tue es selber.

Nehmt es als ein Leben an."