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„Es werde Licht!

 

 

 

 

 

Und es ward Licht.“

(Genesis 1. 3)



 

Zu den berühmtesten und zugleich geheimnisvollsten Darstellungen des Engels Gabriel gehört ein romanisches Kapitell (Säulenaufsatz). Es befindet sich in der Kathedrale von Autun im Burgund. Gislebertus hat es zwischen 1125 und 1135 aus Stein gemeißelt.

 

Ich besuchte es im Sommer 1991. Von da an begleitete das Bild mich und die Kinder besonders während der Adventszeit. Aufgestellt in der großen Wohndiele unseres Solschener Fachwerkbauernhauses aus dem 18. Jahrhundert, wanderte es von Sonntag zu Sonntag einige Meter weiter und wies den Weg zu jener Tür, hinter der am 24. Dezember die Krippe zu finden sein würde. Heute hängt das Bild neben meiner nächtlichen Lagerstatt. Die originale Skulptur aus Autun war auf der Kölner Ausstellung „Die Heiligen Drei Könige. Mythos, Kunst und Kult“ (2015) zum ersten Mal außerhalb von Burgund zu sehen. Zu Recht sprach Andreas Rossmann von einem „Höhepunkt der Ausstellung“ (FAZ vom 29. Dezember 2014).

 

Zu sehen sind der Engel Gabriel und die Heiligen drei Könige. Über ihnen schwebt der Stern von Bethlehem.  Mit dem ausgestreckten Zeigefinger  der linken Hand weist der Engel auf den Stern, mit dem Zeigefinger der rechten Hand berührt er den Ringfinger des obersten Königs. Damit wird der Dienst der Engel ins Bild gesetzt: Engel berühren uns. Ihre Botschaft lautet: Wach auf, und gehe ins Licht!

 

Engel sind Kinder des Lichtes. Der Stern, auf den sie weisen, ist das Licht der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens. Ohne diese Tugenden blieben wir Kinder der Dunkelheit. Das Wort „Engel“ bedeutet „Bote“ oder „Mittler“. Der Bildhauer hat das Wesen des Vermittlers durch die Armbewegung des Engels wunderbar ins Bild gesetzt: Das Licht des Himmels geht durch den Engel hindurch auf den Menschen. Engel sind ein Urbild des Dienstes für andere. Sie fragen nicht nach ihrem eigenen Vorteil. Sie schauen nicht auf die Uhr und zählen nicht die Stunden. Engel sind die barmherzigen Samariter des Himmels. Sie  sind frei von aller Sorge um sich selbst und deshalb offen für den Dienst. Ihre Botschaft lautet: Lass dich vom Licht durchströmen! Halte es nicht fest. Verschenke das Licht der Hoffnung, der Liebe und des Glaubens! Wir haben Angst uns zu verschenken, weil wir fürchten, anschließend mit leeren Händen darzustehen. Der Engel verschenkt das Licht. Doch indem er sich nicht an den Besitz klammert, wird er selbst zu Lichtträger. Das ist der Sinn der Symbolik des Heiligenscheines (Nimbus).  Das Licht des Himmels leuchtet aus ihm wie aus den Augen der Kinder. Auch die Flügel sind Symbol. Kein Engel braucht sie zum Fliegen. Schneller als jede moderne Nachrichtentechnik durchdringen die warmen Liebesstrahlen des Engels die Welt. Die Flügel sind Ausdruck der Geborgenheit, die der Dienst des Engels schenkt.

 

Land des Lichtes, Nuristan, so nennen die Menschen im Nordosten Afghanistans ihre Heimat. Die Heiligen drei Könige stammen aus  diesem Kulturraum. Er erstreckt sich von Nuristan über Masar-i-sharif, der Geburtsstadt Zarathustra, bis nach Persien. Welcher Religion die Weisen aus dem Morgenland angehörten, wissen wir nicht. Die Beobachtung der Sterne spielte jedenfalls eine zentrale Rolle.  Welchen Namen auch immer ihre Götter trugen, auf welche Weise sie ihnen im Kult Ehre erwiesen, sie hatten keine Berührungsängste mit dem Licht einer neuen Religion. Als der Stern von Bethlehem am Himmel erscheint, machen sie sich auf den Weg.

 

Das Kapitell wird in der kunstgeschichtlichen Literatur unter dem Titel „Der Traum der Könige“ zitiert. Sein Thema ist aber nicht der Traum, sondern das Erwachen aus der Dunkelheit und der Aufbruch ins Licht. Die drei Könige liegen unter einer Decke. Ihr Faltenwurf erinnert wie die Falten auf dem Gewand des Engels an Wellen. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, verursacht er Wellen. Aus den tiefsten Tiefen des Universums erreichen uns Lichtwellen. Radio, Fernsehen, Internet, Telefon, Handy: Wellen sind Nachrichtenübermittler. Das Licht des Himmels durchflutet die Lagerstatt der Könige. Drei unter einer Decke: Das ist ein Symbol der Vertrautheit, ja der Einheit. Der Betrachter soll sich selbst im Spiegel der drei erkennen. Sie sind drei und doch eins. Im Spiegel der drei Weisen aus dem Morgenland  leuchtet unser eigenes Wesen hervor. Wir sind „dreieinig“. Wir bestehen aus Körper, Geist und Seele. Der unterste König symbolisiert unseren Körper und die Welt der Sinne. Der mittlere König steht für den Geist, die Vernunft und Rationalität. So ist es kein Zufall, dass beide Könige die Augen geschlossen haben. Sie schlafen. Bildhaft gesprochen: Die Welt der Sinne und der Rationalität sind „blind“ für die Berührung des Engels. Unsere Sinne können den Boten des Lichtes nicht erfassen, unsere Vernunft vermag seine Existenz nicht zu beweisen. Allein der obere König hat die Augen geöffnet. Sein auf der Decke liegender Arm wird vom Engel berührt. Dieser König steht für die Seele. Sie ist die Eintrittspforte für das himmlische Licht.

 

Über die Zeiten hinweg wird auch unsere Seele vom ausgestreckten Finger des Engels berührt. Und die Ohren des Herzens hören seine Stimme: Wach auf, steh auf, wende dich dem Licht zu! Lass dir an meiner Gnade genug sein!

 


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Zum Motiv der Heiligen drei Könige im Tango:

http://haerter-tango.info/berichte_aus_dem_tango-studio-nr35.htm

 

Quelle des Lichtes

 

 

„Engel sind die Quelle des Lichtes

und der Energie der Schöpfung.

Sie sind der kristallene Glanz in jedem Diamanten.“

 

(M. Hisham Kabbani)

 

 

Gabriel (Gibra’il) verkündigt auch die Geburt des Propheten Mohammed. Der Name des Propheten und des Engels wird unter den Muslimen stets mit einem Lobpreis (Eulogie) verbunden: Gabriel, der Friede sei mit ihm, brachte die Botschaft von der Geburt Mohammeds, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, in den Himmel. So berichtet Ibn Ishaq (704-767/8) in der ersten Biographie des Propheten:

 

„Als Mohammed geboren wurde, verkündeten es die Engel laut und leise. Gabriel kam mit der Freudenbotschaft, und der Thron erbebte. Die Huris traten aus ihren Schlössern, und Düfte verbreiteten sich. Und als Mohammed geboren wurde, sah seine Mutter Amina ein Licht. Von ihm erglänzten die Schlösser Basras. Die Engel standen um sie herum und breiteten ihre Flügel aus. Die Engelreihen, die lobsingenden, senkten sich herab und erfüllten Tal und Hügel.“

 

Als Mohammed in der Höhle von Hira weilte, erschien Gabriel und sagte: „Trag den Menschen die göttliche Offenbarung vor!“ So berichtet der Sahih al-Buhari  über die Nacht der Bestimmung (Lailat al-Qadr). Der Sahih al-Buhari ist eine Sammlung von Berichten (Hadithen) über das Leben des Propheten. Gabriel begleitet Mohammed auch auf seiner Reise durch die sieben Himmel:

 

„Das Dach meines Hauses in Mekka tat sich auf, und Gabriel stieg zu mir herab. Er öffnete mein Herz und wusch es mit dem Wasser des Brunnens Zamzam. Dann holte er eine goldene Schüssel hervor, die mit Weisheit und religiösem Glauben gefüllt war. Ihren Inhalt ließ er in mein Herz strömen. Darauf verschloss er es wieder. Anschließend nahm er mich bei der Hand und stieg mit mir hinauf zum ersten Himmel.“

 

Der Prophet Mohammed gilt als das Siegel der Propheten.

Deshalb ist das Offenbarungswerk Gabriels

abgeschlossen.