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Der vierte König lebt!

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"And even though

it all went wrong

I’ll stand before the Lord of Song

with nothing on my lips but Hallelujah!"

Leonard Cohen.  Hallelujah

 

 

 

 

 

Antlitz des 20. Jahrhunderts

 

 

 

Edzard Schaper -  der Dichter des 20. Jahrhunderts:

Eine abenteuerliche Wiederentdeckung
 

 

Am 3. März 2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln ein. Neunzig Prozent der Bestände wurden verschüttet, darunter ein Briefwechsel von Edzard Schaper. Im Internet ist nachzulesen, über welche Verluste man in Köln klagte. Der Nachlass von Heinrich Böll gehörte dazu. Von Edzard Schaper sprach niemand. Schon in seinen letzten Lebensjahren war er nahezu vergessen. Günter Grass, Max Frisch, Martin Walser und Siegfried Lenz zählten damals zu den ersten Namen. "Meine Zeit ist vorüber", hatte Schaper in einem jener Briefe geschrieben, die nun im Schlamm des U-Bahn-Schachtes oder unter dem Bauschutt des Lesesaales lagen. Diesen Satz haben inzwischen viele Schriftsteller und Künstler nachsprechen müssen. Im Rückblick auf die Literatur eines Jahrhunderts verschieben sich die Gewichtungen. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurden Schriftsteller wie Georg Büchner oder Heinrich von Kleist als bedeutende Dichter wahrgenommen. Das kulturelle Gedächtnis richtet sich nicht nach den wechselnden Moden der Gegenwart. Wie das Langzeitgedächtnis speichert es die Substanz und vergisst das Beiläufige. Autoren, die etwas Wesentliches zu sagen hatten, werden nicht auf Dauer vergessen sein. Unter dem Trümmerhaufen der Geschichte führen sie ein Leben in Verborgenheit.

 

Von Edzard Schaper hatte ich nichts gelesen, nicht einmal seinen Namen gehört. Da erging der Ruf an mich in einer dramatischen Zeit hoher Verluste. Meine Erfahrungen und die Flucht beider Eltern in jugendlichem Alter aus Schlesien und Ostpreußen waren die notwendige Voraussetzung, die Biographie eines Mannes zu schreiben, der nach dem zweifachen Todesurteil im schwedischen Exil jenen Nervenzusammenbruch erlitt, der ihm die Tiefe einer neuen Weltsicht schenkte.

 

Manchmal kommt das rechte Worte zur richtigen Zeit. Vielleicht inspiriert durch die göttliche Sophia schenkte mir Barbara Hallensleben die berühmte Legende vom vierten König und dazu einige Aufnahmen mit Schapers hinreißender Stimme. Ich las ein Jahr lang alles, was Schaper geschrieben hatte. Dann wollte ich etwas über sein Leben erfahren. Aber nichts gab zuverlässig Aufschluss. In der Geschichte des Exils kam sein Name nicht vor. Ich begab mich auf eine biographische Spurensuche nach Estland, Finnland, Schweden, Dänemark und in die Schweiz. Wie die Stadt Troja und der Palast des Minos auf Kreta, so lag Schapers Leben unter dichten Trümmerschichten. Keine Recherche über die bequemen Pfade des Internets führte hier weiter. Wie in Zeiten der klassischen Archäologie musste vor Ort in Tartu, Tallinn und Haapsalu, in der Einöde Kareliens und in den Dörfern Schwedens gegraben und im vielstimmigen Gewirr der Sprachen und Kulturen Grundlagenforschung geleistet werden.

 

 

Am Ende dieser Spurensuche stand eine Biographie und ein weiterer akademischer Abschluss, den ich niemals anvisiert hatte. Ich folgte einer Idee von Hanns-Josef Ortheil. Der Hildesheimer Fachbereich "Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis" nahm meine Edzard-Schaper-Biographie als Habilitationsschrift an und erteilte mir die Lehrbefugnis für "Kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft". Ich übe sie in der Freiheit eines Privatdozenten aus, wie jene alte Seebären, die aus gutem Grund nicht mehr die großen Ozeane des Lebens befahren, aber zuweilen einmal eine kleine Bootstour unternehmen oder sich einfach als Zuschauer bei einer Regatta wohl fühlen.

 

 

 

 

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Welch ein Jubel bricht aus, wenn in den Archiven ein unbekannter Brief Goethes oder ein Briefwechsel Franz Kafkas auftaucht. Die Terra incognita von Edzard Schapers Leben bot ein überreiches Maß an Schätzen, die vor mir niemand gesehen oder gar gehoben hatte. Über die großen Autoren des 20. Jahrhunderts ist alles Substanzielle gesagt worden. Die wesentlichen Dokumente sind bekannt, und der Biograph bewegt sich auf sicherem Boden. Hier aber im Unbekannten und Unberühr- ten gab es keine erprobten Pfade, keine Sicherungsseile und kein Team. Hier öffnete sich eine bizarre Landschaft von schroffen Felsen und tiefen Schründen. Die Landschaft eines gewaltigen Lebens lud zur Erstbegehung ein. Sie lag erhaben und einsam vor mir wie das Inselreich der russischen Arktis, die Berge Tadschikistans und jene Grenzlandschaft zwischen Afghanistan und Pakistan, in der ich mich einst bewegt hatte. Hier wie dort ist der Forscher auf Begleiter vor Ort angewiesen. Für diese persönlichen Begegnungen muss man offen sein, aber sie sind nicht planbar. Sie stellen sich ein oder bleiben versagt. Auf Schapers Spuren begegnete ich zahlreichen Helfern. So entstand neben der Biographie Edzard Schapers eine Geschichte der Begegnung mit außergewöhnlichen Menschen, die ich ohne diese Spurensuche niemals kennengelernt hätte. Eine Zeitlang habe ich überlegt, ob ich von ihnen in dieser Biographie erzählen sollte. Ich habe mich dagegen entschieden. Doch zwei Erlebnisse sollen andeuten, womit ich in Berührung kam.

 

Unmittelbar bevor das Kölner Archiv einstürzte, fuhr ich nach Helsinki. Dort traf ich Olli Lehto, Schüler und Biograph des berühmten Mathematikers Rolf Nevanlinna, der zu Schapers engen Freunden gehörte. Ihr gegenseitiger Briefwechsel lagerte unerschlossen und nicht einmal offi- ziell registriert in den Archiven der Universitätsbibliothek. Olli Lehto führte mich durch die Lesesäle. Mein Blick schweifte umher. Eine leicht geöffnete Tür gab den Blick in einen Raum mit alten, in Leder gebunde- nen Büchern frei. In der Mitte des Raumes saß ein Herr. Junge Wissenschaftlerinnen umgaben ihn und notierten seine Worte. Ich blieb stehen.

 

In Helsinki und Tartu kennt jeder jeden. Olli Lehto grüßte den Mann und wollte weitergehen. Ich nicht. Wer war dieser Herr? Olli Lehto verwies auf ein Schild. Wir standen vor dem Reenpää-Zimmer. Es ent- hielt die Sammlung aller frühen in finnischer Sprache erschienenen Bücher, die der Verleger des Otava Verlages gesammelt hatte. Der Mann, der mich in Bann gezogen hatte, war Heikki Reenpää. In jungen Jahren hatte er für die Befreiung Kareliens von den sowjetischen Besatzern gekämpft. Inzwischen war der alte Herr neugierig geworden. Er erhob sich, kam auf uns zu. Olli Lehto stellte mich als Biograph Edzard Scha- pers vor. Daraufhin klopfte sich Heikki Reenpää an die Brust und sagte auf Deutsch: An dieser Brust hat Edzard Schaper geweint. Und dann er- zählte er von seiner Freundschaft mit dem aus Estland geflohenen Schrift- steller, wie sie in der finnischen Sauna gesoffen und darüber diskutiert hatten, ob der estnische oder der finnische Wodka besser sei. Zum Abschied versprach er mir eine Kopie seines Briefwechsels mit Schaper.

 

 

 

Ausstellung 2008

 

 

Auch jener umfangreiche Briefwechsel Edzard Schapers, der unter den Trümmern des Kölner Stadtarchivs lag, war in keiner Datei verzeichnet. Ingeborg Zanders, die einstige Besitzerin, hatte ihn in einer Zeit verkauft, als Schapers Name hoch in Kurs stand. Die ehemalige Buchhändlerin hatte drei Jahrzehnte lang Schapers Lesereisen durch Deutschland organisiert. Zu seinen besten Zeiten las er vor bis zu 1500 Zuhörern. Ich hatte eine frühe Fassung dieser Biographie bereits abgeschlossen, da erhielt ich einen Anruf der mir unbekannten Ingeborg Zanders. Wie der große finnische Verleger stand sie im biblischen Alter voll geistiger Frische und Vitalität. In der Nacht hatte sie im Radio die Aufzeichnung eines frei gesprochenen Engelvortrages von mir gehört, in dem ich nebenbei von meinen biographischen Forschungen erzählt haben muss. Ich konnte mich nicht daran erinnern. Ingeborg Zanders berichtete von ihrem Briefwechsel mit Edzard Schaper, und sie nannte den Namen einer Frau, die mit Schaper im estnischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Nach diesem Mosaiksteinchen hatte ich lange vergeblich gesucht. Sie lud mich zu einem Besuch in ihre Kölner Wohnung ein. In Köln überreichte sie mir den umfangreichen Briefwechsel. Da es Kopien waren, fragte ich nach dem Verbleib der Originale. Da erzählte mir Ingeborg Zanders von der Schenkung und dem Untergang des Archivs.

 

Noch bewegender als das abenteuerliche Leben Edzard Schapers selbst war für mich die Erfahrung, dass ich es schreibend dem Vergessen zu entreißen vermochte. Der baltische Klang seiner Stimme war mir vom ersten Hören an vertraut. Ich hatte ihn seit früher Kindheit bei Verwandten aus dem Nordosten Europas vernommen, die wie Tante Ulla den Untergang

der Wilhelm Gustloff, Krieg, Flucht und Vertreibung überlebt hatten. Alles, was sie retten konnten, war die Erinnerung. Viel ist in den letzten Jahrzehnten erzählt worden, auch über das Nachleben und Nachbeben von Erfahrungen in der Generation der Kinder und Enkelkinder. Doch niemand hat bislang die Geschichte Edzard Schapers erzählt.

 

Für die Restaurierung der Bestände schätzen die Kölner Archivare einen Zeitbedarf von dreißig Jahren. Auch Edzard Schaper dachte in langen Zeiträumen: Man kann sich damit trösten, dass Johann Sebastian Bach auch von Felix Mendelssohn Bartholdy wieder entdeckt werden musste. Wenn Sie diesen höchsten aller Vergleiche erlauben. Man muss eben auf seinen Mendelssohn warten. Bis dahin ruhte ich gefasst. Dass Edzard Schapers Werk mit einer Gesamtauflage von sechs Millionen Büchern seit den siebziger Jahren nahezu vergessen ist, bestätigt die Rolle dieses Grenzgängers als Exponent einer Generation, die in wahrlich finsteren Zeiten leben musste und von deren Erfahrungen die Nach- geborenen nichts mehr hören wollten. Diese Verdrängung ging so weit, dass bereits vier Jahre nach Schapers Tod niemandem die Übernahme seines Romantitels Die letzte Welt (1956) durch Christoph Ransmayrs Endzeitroman aus dem Jahre 1988 auffiel. So außergewöhnlich Schapers Leben zwischen den Mühlrädern der Geschichte auch verläuft, so exemplarisch verkörpert es zugleich das Schicksal von Millionen namenloser Menschen. Was Schaper erleben musste, haben ungezählte Flüchtlinge, Vertriebene, Deportierte in Ost und West erlitten, und sie erfahren es noch heute überall in den Krisenzonen der Erde. Niemand kennt ihre Namen und ihre Schicksale. Schaper gehört zu diesen Vergessenen. Deshalb erzählte er Geschichten aus vielen Leben. Deshalb erzähle ich seine Geschichte.

 

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Kurt Cardinal Koch

 

Edzard Schaper als ökumenischer Grenzgänger

 

Ansprache bei der Präsentation des Buches von Uwe Wolff

„Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts“

in der Apostolischen Nuntiatur in der Schweiz in Bern

am 7. November 2012.


 

 

 

 

„Man macht eben nicht ungestraft eine Reise in die Provinzen seines Herzens – und geht dann wieder in das Exil seines Verstandes.“ Dieses auf den ersten Blick änigmatische, tiefer gesehen jedoch aufschlussreiche Wort in einem Brief Edzard Schapers aus dem Jahre 1949 führt uns in das innerste Geheimnis seines Lebens und seines schriftstellerischen Wirkens: Edzard Schaper war in seinem ganzen Wesen ein Grenzgänger, und zwar seit seiner Geburt. Dies gilt bereits von seiner äusseren Biographie, die ihn von Deutschland über Estland, über Finnland und Schweden in die Schweiz geführt hat. Indem er an den Grenzen von Nordosteuropa in einer Zeit grosser Umbrüche und weit reichender Umwälzungen gelebt hat, ermöglicht Uwe Wolffs faszinierende Biographie Edzard Schapers auch eine Reise im Geist durch Europa und seine ebenso grosse wie tragische Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Als ein Mensch, dessen Passion das Schreiben gewesen ist und der wegen der Freimütigkeit seines Denkens und Schreibens sowohl vom sowjetischen Russland als auch vom nationalsozialistischen Deutschland zum Tode verurteilt worden ist und sich deshalb immer wieder auf der Flucht befunden hat, bis er in der Schweiz eine gewisse Heimat gefunden hat, bringt er das scharfe Licht des Schriftstellers in das Dunkle der europäischen Geschichte, das wir nie der Vergessenheit anheimgeben dürfen.

 

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Ein Grenzgänger war Schaper aber auch in seiner inneren Biographie. Auch sie hat ihren Ort an der Grenze. Seine immer wieder eintretenden Nervenzusammenbrüche zeigen die Grenzen  in seinem psychischen Leben, das auch von Suizidgedanken nicht frei gewesen ist, in dem er sich aber immer wieder auch mit der therapeutischen Kraft des Schreibens aufrichten konnte. „Das hohe Mass an Produktivität war die Kehrseite seiner Traurigkeit“ (284): Mit diesem Satz hat Uwe Wolff den inneren Grenzgang in der Biographie Schapers wohl meisterhaft und sensibel zugleich zum Ausdruck gebracht. Von daher wird es nicht überraschen, dass auch Schapers religiöses Denken und seine Spiritualität das Kennzeichen der Grenze tragen, nämlich die Grenze zwischen Schuld und Erlösung, die Grenze zwischen Tod und Auferstehung, die Grenze zwischen Karfreitag und Ostern und in allem die Grenze zwischen Anfechtung und Gnade. Dass es keinen Glauben ohne Anfechtung, keine Gewissheit ohne Zweifel und deshalb auch keine Erlösung ohne Versuchung geben kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biographie Schapers und dürfte sie gerade für die vielen suchenden Menschen von heute existenziell in besonderer Weise zugänglich machen.

 

Ein Grenzgänger war Edzard Schaper vor allem auch in ökumenischer Hinsicht, der wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen wollen. Wiederum gilt dies zunächst von seiner äusseren Biographie: Seine Kindheit und Jugend hat er in evangelischer Frömmigkeit und lutherischer Umgebung vollbracht, dann kam er in Kontakt mit dem östlichen Christentum und begegnete orthodoxen Christen und Christinnen, die in der Verfolgung ihre Treue zum Glauben bewährt haben, und schliesslich liess er sich in der katholischen Kirche beheimaten, in die er im Jahre 1961 in der Klosterkirche Einsiedeln aufgenommen worden ist. Seine Konversion zur katholischen Kirche hat Schaper aus tiefer Überzeugung vollzogen, genauerhin in der Gewissheit, die er in einem Brief aus dem Jahre 1954 dahingehend ausgesprochen hat, dass Gottes Kirche „in allen Konfessionen, sicher aber trotz allem am gegenwärtigsten in der katholischen Kirche“ ist. Wenn er in demselben Brief seine Konversion dahingehend gedeutet hat, „dass man katholisch werden muss, um evangelisch sein zu können“, und dass „uns aufgegeben ist, die unverlierbaren Entdeckungen des protestantischen Zeitalters heimzuholen in einem katholischen Sinn“, dann zeigt Schaper damit, dass er seine Konversion nicht in einem konfessionalistischen Sinn verstanden hat, sondern von einem weiten Begriff des Katholischen ausgegangen ist, den er mit seiner Überzeugung zum Ausdruck gebracht hat, „dass Gottes Kirche quer durch alle Konfessionen geht“. Und wenn er in seinem Buch „Die sterbende Kirche“ schreibt, dass alle Kirchen „gut für die Seele“ sind, „die da glauben will und Gott sucht“ (333), dann geht es Schaper elementar um eine Ökumene der glaubenden Herzen, die nicht Christen von anderen Kirchen abwerben und aus ihnen Konvertiten machen, sondern Christen auch in anderen Kirchen in ihrem Glauben an Christus stärken will.

 

Bei der Lektüre von Schapers Biographie und insbesondere seiner ökumenischen Überzeugungen  kam mir unwillkürlich eine ähnliche ökumenische Vision, und zwar ebenfalls eines Schriftstellers in den Sinn, nämlich Solowjevs „Kurze Erzählung vom Antichristen“. Sie ist von der Gewissheit getragen, dass auf der einen Seite im Augenblick der letzten Entscheidung vor Gott sichtbar werden wird, dass in allen drei Gemeinschaften, nämlich bei Petrus, Paulus und Johannes, Parteigänger des Antichrist leben, die mit ihm gemeinsame Sache machen, dass aber auch in allen drei Gemeinschaften wahre Christen leben, die dem Herrn bis in die Stunde seines Kommens hinein die Treue halten, und dass sich auf der anderen Seite vor dem Angesicht des wiederkommenden Christus die Getrennten um Petrus, Paulus und Johannes als Brüder und Schwestern erkennen werden. Mit dieser Erzählung will Solowjev gewiss nicht die Einheit der Christen ans Ende der Tage verschieben oder auf die Zeit nach der Wiederkunft des Herrn vertagen. Auch wenn die endgültige Scheidung zwischen den Parteigängern des Antichrist und den treuen Gefährten Christi erst am Ende der Tage geschehen wird, will Solowjev gerade dazu einladen und herausfordern, dass die Christen einander bereits jetzt mit den Augen des wiederkommenden Christus betrachten, in denen Petrus, Paulus und Johannes unlösbar zusammengehören. Wahrhafte Ökumene heisst von daher, und jetzt mit Worten von Papst Benedikt XVI. und in Anlehnung an Solowjev formuliert, dass alle Christen „schon jetzt im eschatologischen Licht leben, im Licht des wiederkehrenden Christus“ und dass sie, wenn sie unterwegs zum wiederkommenden Christus sind, auch unterwegs zur Einheit untereinander sind und bereits als Getrennte eins sein können, nämlich im gemeinsamen Glauben an Christus.

 

Darin besteht die Ökumene der glaubenden Herzen, von der Edzard Schaper Zeugnis gibt. Er hat sie aber noch weiter vertieft mit der Beherzigung jener Wirklichkeit, die er in seinem Buch „Die sterbende Kirche“ eingehend beschrieben hat, nämlich den wahrnehmbaren Verfall der christlichen Tradition und die neue Realität der Christenverfolgung. Die Erfahrung des gemeinsamen Martyriums von lutherischen Theologen und orthodoxen Bischöfen im Baltikum hat ihn zur Erkenntnis dessen geführt, was wir heute Ökumene der Märtyrer nennen und was in der heutigen Welt eine ganz neue Aktualität gewonnen hat, weil 80 % aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt sind , Christen sind, weil die Kirche am Ende des Zweiten und am Beginn des Dritten Jahrtausends erneut Märtyrerkirche geworden ist und weil dabei alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihre Märtyrer haben. Schapers „sterbende Kirche“ liest sich heute deshalb auch wie eine Vorahnung dessen, was erst noch kommen sollte.

 

Die Ökumene der Märtyrer enthält bei aller Tragik auch eine schöne Verheissung: Trotz des Dramas der Kirchenspaltungen haben die standfesten Glaubenszeugen in allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften gezeigt, wie Gott selbst bei den Glaubenden die Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens bezeugten Glaubens auf einer tieferen Ebene aufrecht erhält. Während wir Christen und Kirchen auf dieser Erde noch in einer unvollkommenen Gemeinschaft zu- und miteinander stehen, leben die Märtyrer in der himmlischen Herrlichkeit bereits jetzt in voller und vollendeter Gemeinschaft. Die Märtyrer sind deshalb, wie Papst Johannes Paul II. eindrücklich hervorgehoben hat, „Beweis dafür, dass in der Ganzhingabe seiner selbst an die Sache des Evangeliums jedes Element der Spaltung bewältigt und überwunden werden kann“. Bei der Ökumene der Märtyrer bestätigt sich erneut die Überzeugung der Alten Kirche, dass das Blut der Märtyrer der Same der Kirche ist, so dass wir auch heute in der Hoffnung leben dürfen, dass sich das Blut der Märtyrer im vergangenen und gegenwärtigen Jahrhundert als Same der vollen Einheit des Leibes Christi erweisen wird.

 

Die Ökumene der Märtyrer, die das Lebenswerk Edzard Schapers begleitet, erweist sich damit als der innerste Kern jener Ökumene der glaubenden Herzen, die sein ökumenisches Vermächtnis darstellt und die heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Wenn ich richtig sehe, geht heute in der Ökumene die eigentliche Scheidelinie quer durch die Kirchen hindurch, nämlich zwischen jener heute vor allem in der Öffentlichkeit dominierenden liberalen katholisch-evangelischen Ökumene, die die Glaubensunterschiede überspringt und eigenmächtig ihre eigenen Ziele verfolgt, und jener geistlichen Ökumene, die an die Ursprünge der Ökumenischen Bewegung zurück geht und darum weiss, dass die Einheit bei allen unseren menschlichen Anstrengungen letztlich das unableitbare Geschenk Gottes ist, dass aber gerade das gemeinsame Beten um dieses Geschenk die Christen schon heute vereint. Wenn Edzard Schaper von sich bekannt hat, als Katholik wolle er „nichts anderes sein als der letzte orthodoxe Lutheraner“, dann will er dies gewiss nicht im Sinne der liberalen, sondern im Sinne der geistlichen Ökumene verstanden wissen. Darin erblicke ich das ökumenische Vermächtnis des Grenzgängers Schapers, für das wir dankbar sein dürfen und mit dem wir in eine gute ökumenische Zukunft hinein gehen können.

 


 

 

 

 

”Das Wunder am Wegesrand

 

 

 

 

Ein Wunder am Wegesrand


 

Den Vormittag hatte ich im Zentrum Paul Klee unter Engeln verbracht. Klees Engel bringen den Himmel auf die Erde. Vom Wunder im Alltag sprach auch die Video-Installation der finnischen Künstlerin Eija-Liisa Ahtila (*1959). Mit einer Frauengruppe und vielen Tieren hatte sie die Begegnung zwischen Maria und dem Engel Gabriel in die Wälder des Nordens verlegt.

 

Ich war nach Bern gekommen, um meine Biographie über Edzard Schaper (1908-1984) vorzustellen. Dieser Schriftsteller hatte eine Erfahrung gemacht, die viele Menschen teilen: Die Zeiten ändern sich rasch und manchmal dramatisch. Nicht alles ist so gelaufen, wie wir es uns gewünscht haben. Das alte Leben kommt an eine Grenze, es gilt Abschied zu nehmen. In seiner unersterblichen Legende vom vierten König hat Edzard Schaper aber auch gezeigt, dass in jeder Grenzerfahrung zugleich eine große Chance liegt, endlich bei sich selbst und der Wahrheit des eigenen Lebens anzukommen.

 

Schaper hatte ein abenteuerliches Leben. Er wurde von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt. Er lebte in Estland, Finnland und Schweden, bis er 1947 Zuflucht in der Schweiz fand. Wenn er Bern besuchte, dann bewirteten ihn Schweizer Freunde wie Max Wehrli, Ernst Uhlmann oder Heinrich Blass-Laufer im Casino oberhalb der Aare, im Bellevue oder im Schweizer Hof.

 

Nach meinem Besuch von Klees Engeln trank ich eine Schokolade in einem dieser Häuser, besuchte Schapers letzte Wohnung in der Nähe des Bärengrabens und schlenderte anschließend durch die Arkaden in der Berner Altstadt. Da geschah eines jener Wunder am Wegesrand, von denen unser Leben voll ist. Wir müssen nur die Türen des Herzens öffnen für den Flügelschlag des Engels. Auf einem Steinsockel lag „Die Legende vom vierten König“. Auf den brauen Umschlag war mit geübtem Schwund ein goldener Engelflügel gemalt worden. In dem Buch fand ich goldenes Engelhaar und ein Lesezeichen. Auf ihm stand die Anschrift eines Antiquariates in der Kramgasse. Es war ein Geschenk.

 

„Einen Engel erkennt man erst, wenn er vorübergegangen ist“, sagt ein altes Sprichwort. Jede Lebensstufe schenkt uns neue Erfahrungen. Je älter ich werde, desto deutlicher sehe ich das Netzwerk meines Lebens. Nichts geschah zufällig, alles war Fügung. Edzard Schaper erzählt von den hellen und dunklen Stunden. Über beiden haben die Engel ihre Flügel ausgebreitet.

Jetzt wusste ich, worüber ich am Abend sprechen sollte. Zur Buchvorstellung in der Apostolischen Nuntiatur waren auch die Botschafter Estlands und Finnlands gekommen, dazu Gesandte aus Polen und Schweden. Vielleicht muss man sich erst von sämtlichen Erwartungen befreit haben, um Würdigungen dieser Art zu erfahren. Als Schaper im Berner Inselspital seinem Herzleiden erlag, glaubte er, vergessen zu sein. Er irrte sich. Das Leben öffnet sich immer wieder neuen Horizonten.

 

 

 

 

Edzard Schaper winkend 1970