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Der vierte König lebt!

Meine Habilitationsschrift bei Hanns-Josef Ortheil
über Edzard Schaper

Mit einer Würdigung von Kurt Cardinal Koch
und einer Wundergeschichte

 

 

 

"And even though

it all went wrong

I’ll stand before the Lord of Song

with nothing on my lips but Hallelujah!"

Leonard Cohen.  Hallelujah

 

 

 

 

 

Antlitz des 20. Jahrhunderts

 

 

 

Edzard Schaper -  der Dichter des 20. Jahrhunderts:

Eine abenteuerliche Wiederentdeckung
 

 

Am 3. März 2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln ein. Neunzig Prozent der Bestände wurden verschüttet, darunter ein Briefwechsel von Edzard Schaper. Im Internet ist nachzulesen, über welche Verluste man in Köln klagte. Der Nachlass von Heinrich Böll gehörte dazu. Von Edzard Schaper sprach niemand. Schon in seinen letzten Lebensjahren war er nahezu vergessen. Günter Grass, Max Frisch, Martin Walser und Siegfried Lenz zählten damals zu den ersten Namen. "Meine Zeit ist vorüber", hatte Schaper in einem jener Briefe geschrieben, die nun im Schlamm des U-Bahn-Schachtes oder unter dem Bauschutt des Lesesaales lagen. Diesen Satz haben inzwischen viele Schriftsteller und Künstler nachsprechen müssen. Im Rückblick auf die Literatur eines Jahrhunderts verschieben sich die Gewichtungen. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurden Schriftsteller wie Georg Büchner oder Heinrich von Kleist als bedeutende Dichter wahrgenommen. Das kulturelle Gedächtnis richtet sich nicht nach den wechselnden Moden der Gegenwart. Wie das Langzeitgedächtnis speichert es die Substanz und vergisst das Beiläufige. Autoren, die etwas Wesentliches zu sagen hatten, werden nicht auf Dauer vergessen sein. Unter dem Trümmerhaufen der Geschichte führen sie ein Leben in Verborgenheit.

 

Von Edzard Schaper hatte ich nichts gelesen, nicht einmal seinen Namen gehört. Da erging der Ruf an mich in einer dramatischen Zeit hoher Verluste. Meine Erfahrungen und die Flucht beider Eltern in jugendlichem Alter aus Schlesien und Ostpreußen waren die notwendige Voraussetzung, die Biographie eines Mannes zu schreiben, der nach dem zweifachen Todesurteil im schwedischen Exil jenen Nervenzusammenbruch erlitt, der ihm die Tiefe einer neuen Weltsicht schenkte.

 

Manchmal kommt das rechte Worte zur richtigen Zeit. Vielleicht inspiriert durch die göttliche Sophia schenkte mir Barbara Hallensleben die berühmte Legende vom vierten König und dazu einige Aufnahmen mit Schapers hinreißender Stimme. Ich las ein Jahr lang alles, was Schaper geschrieben hatte. Dann wollte ich etwas über sein Leben erfahren. Aber nichts gab zuverlässig Aufschluss. In der Geschichte des Exils kam sein Name nicht vor. Ich begab mich auf eine biographische Spurensuche nach Estland, Finnland, Schweden, Dänemark und in die Schweiz. Wie die Stadt Troja und der Palast des Minos auf Kreta, so lag Schapers Leben unter dichten Trümmerschichten. Keine Recherche über die bequemen Pfade des Internets führte hier weiter. Wie in Zeiten der klassischen Archäologie musste vor Ort in Tartu, Tallinn und Haapsalu, in der Einöde Kareliens und in den Dörfern Schwedens gegraben und im vielstimmigen Gewirr der Sprachen und Kulturen Grundlagenforschung geleistet werden.

 

 

Am Ende dieser Spurensuche stand eine Biographie und ein weiterer akademischer Abschluss, den ich niemals anvisiert hatte. Ich folgte einer Idee von Hanns-Josef Ortheil. Der Hildesheimer Fachbereich "Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis" nahm meine Edzard-Schaper-Biographie als Habilitationsschrift an und erteilte mir die Lehrbefugnis für "Kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft". Ich übe sie in der Freiheit eines Privatdozenten aus, wie jene alte Seebären, die aus gutem Grund nicht mehr die großen Ozeane des Lebens befahren, aber zuweilen einmal eine kleine Bootstour unternehmen oder sich einfach als Zuschauer bei einer Regatta wohl fühlen.

 

 

 

 

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Welch ein Jubel bricht aus, wenn in den Archiven ein unbekannter Brief Goethes oder ein Briefwechsel Franz Kafkas auftaucht. Die Terra incognita von Edzard Schapers Leben bot ein überreiches Maß an Schätzen, die vor mir niemand gesehen oder gar gehoben hatte. Über die großen Autoren des 20. Jahrhunderts ist alles Substanzielle gesagt worden. Die wesentlichen Dokumente sind bekannt, und der Biograph bewegt sich auf sicherem Boden. Hier aber im Unbekannten und Unberühr- ten gab es keine erprobten Pfade, keine Sicherungsseile und kein Team. Hier öffnete sich eine bizarre Landschaft von schroffen Felsen und tiefen Schründen. Die Landschaft eines gewaltigen Lebens lud zur Erstbegehung ein. Sie lag erhaben und einsam vor mir wie das Inselreich der russischen Arktis, die Berge Tadschikistans und jene Grenzlandschaft zwischen Afghanistan und Pakistan, in der ich mich einst bewegt hatte. Hier wie dort ist der Forscher auf Begleiter vor Ort angewiesen. Für diese persönlichen Begegnungen muss man offen sein, aber sie sind nicht planbar. Sie stellen sich ein oder bleiben versagt. Auf Schapers Spuren begegnete ich zahlreichen Helfern. So entstand neben der Biographie Edzard Schapers eine Geschichte der Begegnung mit außergewöhnlichen Menschen, die ich ohne diese Spurensuche niemals kennengelernt hätte. Eine Zeitlang habe ich überlegt, ob ich von ihnen in dieser Biographie erzählen sollte. Ich habe mich dagegen entschieden. Doch zwei Erlebnisse sollen andeuten, womit ich in Berührung kam.

 

Unmittelbar bevor das Kölner Archiv einstürzte, fuhr ich nach Helsinki. Dort traf ich Olli Lehto, Schüler und Biograph des berühmten Mathematikers Rolf Nevanlinna, der zu Schapers engen Freunden gehörte. Ihr gegenseitiger Briefwechsel lagerte unerschlossen und nicht einmal offi- ziell registriert in den Archiven der Universitätsbibliothek. Olli Lehto führte mich durch die Lesesäle. Mein Blick schweifte umher. Eine leicht geöffnete Tür gab den Blick in einen Raum mit alten, in Leder gebunde- nen Büchern frei. In der Mitte des Raumes saß ein Herr. Junge Wissenschaftlerinnen umgaben ihn und notierten seine Worte. Ich blieb stehen.

 

In Helsinki und Tartu kennt jeder jeden. Olli Lehto grüßte den Mann und wollte weitergehen. Ich nicht. Wer war dieser Herr? Olli Lehto verwies auf ein Schild. Wir standen vor dem Reenpää-Zimmer. Es ent- hielt die Sammlung aller frühen in finnischer Sprache erschienenen Bücher, die der Verleger des Otava Verlages gesammelt hatte. Der Mann, der mich in Bann gezogen hatte, war Heikki Reenpää. In jungen Jahren hatte er für die Befreiung Kareliens von den sowjetischen Besatzern gekämpft. Inzwischen war der alte Herr neugierig geworden. Er erhob sich, kam auf uns zu. Olli Lehto stellte mich als Biograph Edzard Scha- pers vor. Daraufhin klopfte sich Heikki Reenpää an die Brust und sagte auf Deutsch: An dieser Brust hat Edzard Schaper geweint. Und dann er- zählte er von seiner Freundschaft mit dem aus Estland geflohenen Schrift- steller, wie sie in der finnischen Sauna gesoffen und darüber diskutiert hatten, ob der estnische oder der finnische Wodka besser sei. Zum Abschied versprach er mir eine Kopie seines Briefwechsels mit Schaper.

 

 

 

Ausstellung 2008

 

 

Auch jener umfangreiche Briefwechsel Edzard Schapers, der unter den Trümmern des Kölner Stadtarchivs lag, war in keiner Datei verzeichnet. Ingeborg Zanders, die einstige Besitzerin, hatte ihn in einer Zeit verkauft, als Schapers Name hoch in Kurs stand. Die ehemalige Buchhändlerin hatte drei Jahrzehnte lang Schapers Lesereisen durch Deutschland organisiert. Zu seinen besten Zeiten las er vor bis zu 1500 Zuhörern. Ich hatte eine frühe Fassung dieser Biographie bereits abgeschlossen, da erhielt ich einen Anruf der mir unbekannten Ingeborg Zanders. Wie der große finnische Verleger stand sie im biblischen Alter voll geistiger Frische und Vitalität. In der Nacht hatte sie im Radio die Aufzeichnung eines frei gesprochenen Engelvortrages von mir gehört, in dem ich nebenbei von meinen biographischen Forschungen erzählt haben muss. Ich konnte mich nicht daran erinnern. Ingeborg Zanders berichtete von ihrem Briefwechsel mit Edzard Schaper, und sie nannte den Namen einer Frau, die mit Schaper im estnischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Nach diesem Mosaiksteinchen hatte ich lange vergeblich gesucht. Sie lud mich zu einem Besuch in ihre Kölner Wohnung ein. In Köln überreichte sie mir den umfangreichen Briefwechsel. Da es Kopien waren, fragte ich nach dem Verbleib der Originale. Da erzählte mir Ingeborg Zanders von der Schenkung und dem Untergang des Archivs.

 

Noch bewegender als das abenteuerliche Leben Edzard Schapers selbst war für mich die Erfahrung, dass ich es schreibend dem Vergessen zu entreißen vermochte. Der baltische Klang seiner Stimme war mir vom ersten Hören an vertraut. Ich hatte ihn seit früher Kindheit bei Verwandten aus dem Nordosten Europas vernommen, die wie Tante Ulla den Untergang

der Wilhelm Gustloff, Krieg, Flucht und Vertreibung überlebt hatten. Alles, was sie retten konnten, war die Erinnerung. Viel ist in den letzten Jahrzehnten erzählt worden, auch über das Nachleben und Nachbeben von Erfahrungen in der Generation der Kinder und Enkelkinder. Doch niemand hat bislang die Geschichte Edzard Schapers erzählt.

 

Für die Restaurierung der Bestände schätzen die Kölner Archivare einen Zeitbedarf von dreißig Jahren. Auch Edzard Schaper dachte in langen Zeiträumen: Man kann sich damit trösten, dass Johann Sebastian Bach auch von Felix Mendelssohn Bartholdy wieder entdeckt werden musste. Wenn Sie diesen höchsten aller Vergleiche erlauben. Man muss eben auf seinen Mendelssohn warten. Bis dahin ruhte ich gefasst. Dass Edzard Schapers Werk mit einer Gesamtauflage von sechs Millionen Büchern seit den siebziger Jahren nahezu vergessen ist, bestätigt die Rolle dieses Grenzgängers als Exponent einer Generation, die in wahrlich finsteren Zeiten leben musste und von deren Erfahrungen die Nach- geborenen nichts mehr hören wollten. Diese Verdrängung ging so weit, dass bereits vier Jahre nach Schapers Tod niemandem die Übernahme seines Romantitels Die letzte Welt (1956) durch Christoph Ransmayrs Endzeitroman aus dem Jahre 1988 auffiel. So außergewöhnlich Schapers Leben zwischen den Mühlrädern der Geschichte auch verläuft, so exemplarisch verkörpert es zugleich das Schicksal von Millionen namenloser Menschen. Was Schaper erleben musste, haben ungezählte Flüchtlinge, Vertriebene, Deportierte in Ost und West erlitten, und sie erfahren es noch heute überall in den Krisenzonen der Erde. Niemand kennt ihre Namen und ihre Schicksale. Schaper gehört zu diesen Vergessenen. Deshalb erzählte er Geschichten aus vielen Leben. Deshalb erzähle ich seine Geschichte.

 

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Hertha Müller nimmt den Nobelpreis  auch für Edzard Schaper entgegen

 

Wie die Verleihung des Literaturnobelpreises an Hertha Müller zeigt, wendet sich ein neuer Blick dem Schicksal der Menschen in Osteuropa zu. Er wird zur Wiederentdeckung von Autoren führen, die im Zeitalter der Diktaturen den Erfahrungen ihrer Generation Sprache gaben. Dann wird sichtbar werden, dass der Preis auch dem deutschen Schriftsteller Edzard Schaper (1908-1984) als einem herausragenden Repräsentanten des 20. Jahrhunderts gelten könnte. Schaper wurde von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt und nach seiner Flucht in Schweden als vermeintlicher Doppelagent unter Arrest gestellt. Vielleicht wird der Literaturnobelpreis 2009 eines Tages als Wiedergutmachung dieses historischen Unrechts verstanden werden. Dass Edzard Schapers Werk mit einer Gesamtauflage von sechs Millionen Büchern seit den Siebziger Jahren nahezu vergessen wurde, bestätigt den Charakter dieses Grenzgängers als Exponent einer Generation, die in wahrlich finsteren Zeiten leben musste und von deren Erfahrungen die Nachgeborenen nichts mehr hören wollten. Diese Verdrängung ging so weit, dass bereits vier Jahre nach Schapers Tod niemandem die Übernahme seines berühmten Romantitels „Die letzte Welt“ (1956) durch Christoph Ransmayrs Endzeitroman aus dem Jahre 1988 auffiel.

 

Heute sind Schapers Bücher als eine exemplarische Erfahrung der Geschichte Europas überraschend aktuell. Die Wiederentdeckung von Schapers Leben und Werk gilt der Jahrhundertfigur eines deutschen Schriftstellers, der (bis auf die wenigen Jahre seiner Jugend) nie in Deutschland gelebt hat. Sie öffnet den einmaligen Blick in den Nordosten Europas - ins Baltikum, nach Finnland und Skandinavien, nach Polen und St. Petersburg - und erzählt die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts anhand bisher unbekannter Quellen aus den geheimen politischen Archiven Estlands, Finnlands, Schwedens, Polens und der Schweiz.

 

Als der Schweizer Gelehrte Max Wehrli im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einen Nachruf auf Edzard Schaper hielt,  sprach er von einem Leben zwischen den Grenzen und hinter den Linien. Edzard Schaper habe von Menschen auf verlorenem Posten geschrieben. Sein „mächtiges erzählerisches Werk hat sich mit Vorliebe der Einsamen, der Flüchtlinge, der Verlorenen und Vergessenen der Geschichte angenommen.“ Es bleibe „verpflichtend als Dokument einer Geschichtserfahrung, die man einzigartig und großartig nennen möchte, wäre es nicht die Erfahrung der Geschichte in ihrem Dunkel und ihrer menschlichen Ausweglosigkeit. Dafür ist ihm, am ‚Abend der Zeit’, der Untergang der deutsch-baltischen Welt und die Verwirrung der nationalen, politischen und konfessionellen Fronten im Zusammenstoß von Osten und Westen das immer neu ergründete Beispiel geworden, auch wenn er seine Figuren und Ereignisse auch in anderen Zeiten und Ländern spielen lassen konnte.“

 

 

 

Stationen seines Lebenslaufes

 

Die Mutter, so wird man später dem Kind erzählen, musste während der gesamten Schwangerschaft das Bett hüten. Edzard Hellmuth war das letzte ihrer neun Kinder, das sie im Alter von 46 Jahren zur Welt brachte. Johanne Schaper (1862-1942) stammte aus dem ostfriesischen Wiegboldsbur. Sie hatte den Beruf der Köchin erlernt und arbeitete in der Kantine einer Kaserne. Hier lernte sie 1888 August Schaper (1862-1950) kennen. Der Sohn eines Müllers aus dem Kalenberger Land (Provinz Hannover) wollte Dorfschullehrer werden. Weil das Geld für eine Ausbildung jedoch nicht reichte, wurde er Berufssoldat. Seit 1896 Halbinvalide, arbeitete er aus gesundheitlichen Gründen in der Administration und erreichte die Position eines Lazarett-Verwaltungsinspektors.

 

Als August und Johanne Schaper mit ihrer Kinderschar nach Ostrowo (Provinz Posen) an die deutsch-russische Grenze versetzt wurden (1907), waren sie der vielen Umzüge müde. Der alte Soldat sehnte sich nach ruhigen letzten Dienstjahren in Hannover. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zerstörte diese Hoffnung. Er wurde für den knapp sechsjährigen Edzard Schaper zu einem Schlüsselerlebnis, dessen Erschütterungen noch in dem späten Roman „Am Abend der Zeit“ (1970) nachhallen.

 

Das Kind hatte einen Jahrmarkt besucht. Inmitten des heiteren Treibens erscheint ein Melder auf seinem Rad und verkündigt den Ausbruch des Krieges. In Panik geraten, packen die Händler ihre Waren ein. Zu Hause angekommen, erlebt das Kind, wie auch seine Mutter Vorbereitungen zur Flucht trifft. Als Lazarett-Verwaltungsinspektor hat August Schaper jedoch am Ort zu bleiben. Im Krankenhaus und auf der Hinrichtungsstätte wird sein jüngster Sohn Augenzeuge einer Welt, die sein kindliches Bewusstsein überfordert. Ohnehin belastet mit einer Anlage zur Schwermut, flieht er mit seinen polnischen Freunden in Phantasiereisen. Er lernt die polnische Sprache und einige Brocken Jiddisch. Interreligiöse oder interkulturelle Berührungsängste sind der Familie fremd. Die Schwester Frieda wird 1919 den jüdischen Architekten Ernst Guggenheimer heiraten, Helene den jüdischen Arzt Paul Walter Wolff.  August und Johanne Schapers Kinder werden früh in die Selbständigkeit entlassen. Erich gründet bereits im Alter von 22 Jahren die noch heute existierende pharmazeutische Firma Schaper & Brümmer in Ringelheim, Wilma arbeitet als Krankenschwester, Karl-Günther wandert nach Peru aus.

 

 

 

Ostrowo

 

 

 

Edzard Schaper ist ein melancholisches Kind mit der Neigung zu Einzelgängertum und Tagträumerei. Schon die ersten Jahre in Ostrowo deuten die katastrophale Schullaufbahn dieses einseitig im sprachlich-musischen Bereich begabten Kindes an. Schapers Schulbesuch ist auch die Geschichte des Missbrauchs einer jungen Seele. Jeden Freitag erhält er von einem alten Pauker Prügel wegen seiner schlechten Schrift. Er sucht Zuflucht bei seiner Lehrerin Irene Himm und verliebt sich in sie. Als ältere Schüler ihn zu einem Schabernack verführen, lässt die jugendliche Erzieherin ihn zur Strafe für mehrere Monate die Eselsbank drücken. Nach dem Krieg besucht Schaper das Königliche Evangelische Gymnasium in Glogau (1919-1922), zu dessen Schülern auch Jochen Klepper gehört. Während einer Aufführung von Robert Schumanns „Das Paradies und die Peri“ in der Glogauer Garnisonskirche vernimmt der junge Schaper in dem Oratorium seine eigene Lebensmelodie. Wie der Engel Peri fühlt er sich entwurzelt und heimatlos. Das Leben der Peri ist bestimmt von der Suche nach dem verlorenen Paradies. Mit dem Spiegelbild seiner eigenen Entwurzelung erlebt Schaper zugleich die heilende Kraft der Musik. Deshalb beschließt er, Musiker zu werden. Nach einem erneuten Ortswechsel besucht der Vierzehnjährige die Humboldtschule in Hannover (1922-1925) und erhält durch den preußischen Kultusminister die Zulassung zum Studium der Musik bei Th. W. Werner und Rudolf Steglich. Diese doppelte Belastung endet 1925 in einem Nervenzusammenbruch. Schaper verlässt die Schule ohne Abschluss, arbeitet für einige Monate als Hilfskraft im Theaterverbund Herford-Minden und beginnt am 13. Mai 1925 eine Ausbildung als Hilfs-Dramaturg in Stuttgart. Er wohnt bei seiner Schwester Frieda und ihrem Mann, dem Architekten Ernst Guggenheimer. Sein extravagantes Benehmen führt bald zu Konflikten mit dem Hausherrn. Guggenheimer hatte seinem genialischen Schwager die Stelle vermittelt und sah nun seinen eigenen Ruf beschädigt: Denn Schaper wurde im Theater immer wieder abgemahnt, weil er ohne Entschuldigung dem Dienst fernblieb, Regieanweisungen falsch oder gar nicht weitergab und als Bubenstück nach Güstrow fuhr, sich dort als Dramaturg ausgab und von Ernst Barlach in einer durchzechten Nacht die Erlaubnis der Uraufführung des „Blauen Boll“ einholte. Diese Eigenwilligkeit brachte Schaper in doppelten Konflikt mit seinen Vorgesetzten, denn einerseits konnten sie das Verhalten nicht dulden, andererseits das Ergebnis nicht ablehnen. Unter der Leitung von Friedrich Brandenburg und  Curt Elwenspoek fand die Uraufführung des „Blauen Boll“ (13. Oktober 1926) im Kleinen Haus des Württembergischen Landestheaters Stuttgart statt. Auf dem Programmzettel tauchte Edzard Schapers Name an keiner Stelle auf. Deutlicher konnte dem jungen Genie seine dienende Rolle in Stuttgart nicht vor Augen geführt werden. Ernst Barlach aber verband auf den ersten Blick mit dem jungen Schaper eine Seelenverwandtschaft. Deshalb öffnete er sich dem Siebzehnjährigen. Edzard Schaper wurde Barlachs erster Biograph.

 

Das Stuttgarter Zwischenspiel endete mit einem weiteren Nervenzusammenbruch, aus dem Schaper jedoch ein neues kreatives Potential gewann. In zwei Romanen erzählt er wenig verschlüsselt die Geschichte seiner Seele und veröffentlicht in der von Robert Schumann gegründeten „Neuen Musikzeitung“ den Aufsatz „Die Musik der Geisteskranken“. Er versucht den Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn für eine Dokumentation über psychisch kranke Musiker zu gewinnen. Finanziell abgesichert durch den Verleger Adolf Bonz, zieht sich der achtzehnjährige Autor auf die kleine Festungsinsel Christiansø nördlich von Bornholm zurück, um hier, angeregt durch Romain Rolland, einen Musikerroman zu schreiben. In Georg Friedrich Händel sieht er ein willensstarkes Vorbild für die Bewältigung von Lebenskrisen. Zwei Jahre arbeitet er an dem Händelroman und kommt doch über eine Projektion eigener Erfahrungen auf den Lebenslauf dieses Genies nicht hinaus. Der Händel-Roman ist, nicht frei von übertriebenem Geltungsdrang,  Ausdruck eines überzogenen Anspruches und einer starken Neigung, sich selbst zu überfordern. Im Frühjahr 1929 verlässt Schaper die Insel. Während seines Aufenthaltes hat er nicht nur Dänisch gelernt, sondern auch die Grundlagen der norwegischen, schwedischen und finnischen Sprache, die er in den kommenden Jahren durch zahlreiche Übersetzungen dieser Literaturen konsequent erweitern wird.

 

Auf der Suche nach der verlorenen Heimat Ostrowo arbeitet der Zwanzigjährige als Gärtner auf einem polnischen Gut bei Posen, verdingt sich als Matrose auf einem Fischkutter im Eismeer und kehrt ohne Perspektive nach Deutschland zurück. In Berlin trifft er 1931 Rudolf Pechel, den Herausgeber der „Deutschen Rundschau“. Durch seine Vermittlung knüpft er Kontakte zu neuen Verlagen. Schaper will Deutschland so schnell wie möglich wieder verlassen. Mit dem Verlag Langen/Müller schließt er einen Vertrag ab, der ihm zwei Jahre lang die finanzielle Unabhängigkeit sichert. Da Vorfahren seiner Mutter nach Estland auswanderten, denkt er über einen Umzug ins nördliche Baltikum nach.  In dieser Situation kann er die Begegnung mit einer jungen Frau aus Estland nur als Wink des Schicksals deuten.

 

 

 

Insel Tütarsaar

 

 

 

Alice Pergelbaum wurde in St. Petersburg geboren. Ihre Eltern waren deutschbaltischer Herkunft und entfernt verwandt mit der Familie von Lou Andreas-Salomé. Zweimal flohen sie mit ihrer Tochter vor der Revolution nach Tallinn/Reval. Hier legte Alice Pergelbaum 1923 als Jahrgangsbeste das Abitur an der berühmten Elisenschule ab. Aus dieser herausragenden Bildungsanstalt gingen Frauen wie Margarete von Wrangell hervor, die erste in Deutschland habilitierte Wissenschaftlerin, nach der heute ein Förderprogramm benannt ist. Alice Pergelbaum arbeitete in der deutschen Schulverwaltung in Estland. Am Tag ihrer Begegnung in Berlin macht Schaper ihr sogleich einen Heiratsantrag und folgt ihr im Herbst 1931 nach Estland. Rückblickend nannte Schaper diese Liebe auf den ersten Blick ein „Verhängnis“. In dem von ihm oft zitierten „Verhängnis“ des barocken Dichters Paul Fleming, in dessen Revaler Haus er eine zeitlang wohnen wird, verdichtet sich Schapers religiöse Deutung der Geschichte. Das „Verhängnis“ ist der von Gott verhängte Lebenslauf. Er schließt neben den glücklichen Momenten der Sinn- und Selbsterfahrung alle Brüche und Katastrophen mit ein. Die Antwort auf das „Verhängnis“ ist der Glaube, dessen Geheimnis sich der Vernunft nicht erschließt, durch Vernunftgründe aber auch nicht widerlegt werden kann. Im Spiegel der Barocklyrik und ihrer paradoxen Grunderfahrungen Melancholia und Lebenfreude, Vergänglichkeit und Ewigkeit hat Schaper seine Lebenszeit als eine neue Epoche des Dreißigjährigen Krieges gedeutet.

 

Ein „Verhängnis“ besonderer Art war die Beziehung zu Katharina Kippenberg. Die Verlegerin der Insel glaubte an die Sendung des jungen Schriftstellers. Regelmäßig empfing sie ihn in ihrem Leipziger Haus, unternahm Ausflüge und führte mit ihm einen intensiven Briefwechsel, dessen Veröffentlichung von Anfang an geplant war. Katharina Kippenberg war die Verlegerin und Biographin Rainer Maria Rilkes. Der Dichter der „Duineser Elegien“ ist das Leitbild ihrer Erziehung, dem sich Schaper noch bei seinem Umzug ins Wallis verpflichtet fühlen wird. So forderte und förderte Katharina Kippenberg ihn bis an die Grenze seiner seelischen und körperlichen Leistungsfähigkeit. In Estland kam er wieder mit der Welt Osteuropas in Berührung, die ihn in der Kindheit geprägt hatte. Nun beschrieb er seine geistige Heimat für die „große Dame“ aus Leipzig. Mit den Romanen „Die sterbende Kirche“ (1935) und „Der Henker“ (1940) gelangen ihm Epochenromane einer Welt im Umbruch.

 

 

 

 

 Sterbende Kirche

 

 

 

 

Schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt erlebt der junge Vater von zwei Töchtern die schrittweise Sowjetisierung Finnlands und Estlands. Im Herbst 1939 muss er mit seiner Familie die neue Wahlheimat verlassen und nach Deutschland zurückkehren. Er befindet sich in einer aussichtslosen Lage. Sein jüdischer Schwager Paul Walter Wolff ist an den Folgen eines Gewaltaktes während der Reichspogromnacht gestorben,  der Schwager Guggenheimer konnte dank der Hilfe seiner Frau untertauchen. Von Schaper wird ein Ariernachweis gefordert. Er kann ihn erbringen, nicht jedoch Alice Pergelbaum. Schaper beschließt die Flucht nach vorn. Er will ins Ausland und beantragt ein schwedisches Einreisevisum. Es wird abgelehnt. In Berlin wird er gemustert und soll an die Front verschickt werden. Unter allen Umständen will er eine Trennung von der Familie verhindern. Aufgrund seiner sprachlichen Kompetenzen deutet sich ein Ausweg an. Durch Kontakte zu Mitarbeitern von Wilhelm Canaris bekommt er wie Dietrich Bonhoeffer eine UK-Stellung und fährt als offizieller Mitarbeiter der amerikanischen Presseagentur UPA mit Alice Pergelbaum und den Kindern wieder zurück nach Estland. Hier versucht er seinen Roman „Der Henker“ zu vollenden und arbeitet an der Seite estnischer Freiheitskämpfer in der antisowjetischen Spionage. Im Sommer 1940 muss er sich durch Flucht dem sicheren Todesurteil entziehen.

 

Nach Deutschland zurückgekehrt, gerät er wieder in eine Zwickmühle, da Schweden erneut die Einreise ablehnt. Schließlich findet er einen Weg, das Land legal zu verlassen. Er wird Mitarbeiter der Berliner Börsen-Zeitung und reist mit seiner Familie im Dezember 1940 nach Finnland. Im Gegensatz zu „dem jetzt so begeistert gefeierten Verräter an der Sache der Humanität: Bert Brecht“, der damals ebenfalls in Helsinki lebt, ist Schaper aufgrund seiner Sprachkenntnisse sogleich in die finnische Gesellschaft integriert. Er schließt Freundschaft mit dem Verleger Heikki A. Reenpää und dem weltberühmten Mathematiker Rolf Nevanlinna. Den führenden Politikern und Militärs ist er rasch persönlich bekannt. Marschall Gustav Mannerheim, noch heute in Finnland ein Symbol nationaler Identität, wird Edzard Schaper in seiner Eigenschaft als Staatspräsident die finnische Staatsbürgerschaft (1944) verleihen. Nach dem verlorenen Winterkrieg schließt Finnland eine sogenannte „Waffenbrüderschaft“ mit Deutschland. Ihre Aufgabe ist die Befreiung der von der Sowjetunion okkupierten Landstriche Ostkareliens. Schaper verbindet mit diesem Kampf die trügerische Hoffnung einer Rückkehr nach Estland. Als Journalist reist er hinter die Linien an der finnisch-russischen Grenze, sieht die Folgen der Sowjetisierung auch in Estland  und hört aus erster Quelle Nachrichten über den Bau der Murmanbahn und die am Eismeer errichteten Konzentrationslager. Der Besuch des von deutschen Soldaten besetzten Estland führt zu einer vollständigen Desillusionierung. Schaper beobachtet die Folgen der Rassepolitik. Sein Roman „Der vierte König“ (1961) und Erzählungen wie „Hinter den Linien“ (1952) werden später den Schrecken jener Jahre dokumentieren.

 

 

 

 

Henker

 

 

 

 

1942 und 1943 nimmt Schaper jeweils für einige Monate eine Vertretung des schwedischen Korrespondenten seiner Zeitung wahr. Die Familie wohnt wie zwei Jahre zuvor Bertolt Brecht und andere Exilanten aus Deutschland im Stockholmer Stadtteil Lidingö. Schaper nutzt den Aufenthalt, um Möglichkeiten einer Arbeit in Schweden zu erkunden. Er knüpft Kontakte zu deutschen Exilverlagen in Stockholm und zu einflussreichen Geistlichen. Dann erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Zurückgekehrt nach Helsinki spitzt sich die Lage für ihn dramatisch zu. Die finnisch-deutsche „Waffenbrüderschaft“ hat ihr Ziel verfehlt. Stalin diktiert die Bedingungen über einen Waffenstillstand. Wie im Estland des Jahres 1939/1940 mehren sich nun auch in Finnland die Zeichen einer schleichenden Sowjetisierung. Schaper fühlt sich durch Agenten der sowjetischen Geheimdienste in Todesgefahr. Gleichzeitig wird er zu einer Musterung nach Berlin geladen. Er befürchtet die Abschiebung in ein Todeskommando, flieht über Königsberg nach Helsinki und gibt die Arbeit für den Börsenkurier auf.

 

Dass Schaper die Stadt verlassen konnte, hatte er Generalmajor Paul von Hase zu verdanken, der ebenfalls mit einer Baltin verheiratet war. Der Stadtkommandant von Berlin war ein Vetter Dietrich Bonhoeffers. Wilhelm Canaris hatte ihn seit 1938 in Verschwörungspläne des Offizierskorps eingeweiht. Bei dem Attentat des 20. Juli 1944 sollte Paul von Hase eine entscheidende Rolle spielen. Nach Stauffenbergs Rückflug von der Wolfsschanze wäre es seine Aufgabe gewesen, die Entmachtung der hitlertreuen Militärs in der Reichshauptstadt durchzuführen.

 

 

Das zweifache Todesurteil

 

Am 23. April 1944 meldete die NZZ: „Zwei deutsche Journalisten in Helsingsfors, der Korrespondent des ‚Hamburger Fremdenblattes’, Graf Anton v. Knyphausen, und der frühere Korrespondent der ‚Berliner Börsen-Zeitung’, Edward (sic!) Schaper, haben laut ‚Stockholms Tidningen’ ihre Beziehungen mit dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland abgebrochen. Beiden wurden ihre deutschen Pässe abgenommen.“ Jetzt bangt Schaper auch um das Leben seiner Familie. Im Februar 1944 wird Helsinki von den Sowjets bombardiert. Freunden in Schweden gelingt es, ein Einreisevisum für die Kinder zu vermitteln. Edzard Schaper und Alice Pergelbaum fliehen am 4. Oktober 1944 auf einem Boot von Björneborg (Pori) nach Gnarp in Schweden. Während die Mutter zu ihren Kindern fahren darf, wird Schaper interniert und aufgrund einer Denunziation als gefährlicher deutscher Agent verdächtigt. Gleichzeitig verurteilt ihn der  Volksgerichtshof am 31. Oktober 1944 in Abwesenheit zum Tode. Am 14. Dezember 1944 beschließt die Staatliche Ausländerbehörde Schaper in ein Internierungslager bei Umeå einzuweisen, um ihn an die Sowjetunion auszuliefern. Damit steht er nicht nur unter einem doppelten Todesurteil, sondern Schaper erlebt diese absurde Situation als Vollstreckung eines „moralischen Todesurteils“. Weihnachten 1944 erleidet er einen erneuten Nervenzusammenbruch und wird in ein Kreiskrankenhaus eingeliefert. Nun beginnt ein Leidensweg, der auch drei Jahre später mit der Übersiedlung in die Schweiz kein Ende finden wird. Schapers Theologie der Geschichte als eines Verhängnisses wurzelt in Schüsselerfahrungen, um deren spirituelle Deutung der Autor ein Leben lang ringen wird. Das „moralische Todesurteil“ hat sein Selbstbewusstsein erschüttert und seine Nerven zerrüttet. Zugleich aber erschloss der Zusammenbruch jeder Möglichkeit einer Selbstbehauptung eine spirituelle Tiefendimension, die Schaper in seinen Romanen „Die Freiheit des Gefangenen“ (1950) und „Die Macht der Ohnmächtigen“ (1952) als Paradox des Glaubens und Vertrauen auf die Gnade zu beschreiben versuchen wird.

 

Obwohl er in Gösta von Uexküll und den Geistlichen Bo Giertz, Birger Forell, Manfred Björkquist angesehene Fürsprecher hat und erwiesener Maßen ein Opfer des Nationalsozialismus ist, muss er in den kommenden zwei Jahren die Abschiebung in ein sowjetisches Todeslager befürchten. Stalin fordert von der schwedischen Regierung die Auslieferung sämtlicher Bürger aus Estland, Karelien und anderen nun sowjetischen Regionen Osteuropas. Die finnische Staatsbürgerschaft wird von den sowjetischen Behörden nicht anerkannt. Selbst als Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe von Birger Forell ist Schaper seines Lebens in Schweden nicht sicher. Einem erneuten Auslieferungsbegehren entzieht er sich durch Flucht in die Wälder, um sich dort das Leben zu nehmen.

 

 

 

Semjon

 

 

 

Dass Schaper schließlich in die Schweiz übersiedeln kann, verdankt er vor allen Dingen seinem Freund Rolf Nevanlinna, der in Zürich Funktionentheorie lehrt, sowie den Zürcher Germanisten Max Wehrli und Carl Helbling. Unmittelbar nach seiner Ankunft auf dem Zürcher Flughafen (16. Juni 1947) erfährt er vom Tod seiner großen Gönnerin Katharina Kippenberg. Die Folgen begreift er rasch: Trotz der entschiedenen Unterstützung durch Friedrich Michael, den Lektor des Insel Verlages, besteht keine Aussicht auf eine Neuedition seiner alten Inselbücher. Denn Anton Kippenberg glaubt trotz der Teilung Deutschlands, dass er neben der neuen Filiale in Wiesbaden den alten Leipziger Firmensitz in der sowjetischen Zone wieder aufbauen kann. Ein Autor wie Edzard Schaper, der mit seinem Roman „Die sterbende Kirche“ die Leiden der verfolgten Kirche unter Stalin beschrieben hat, passt nicht in Kippenbergs Konzept. So ist Schaper gezwungen, einen neuen Verlag zu finden.

 

 

 

 

Theaterstück 2008

 

 

 

 

In der Schweiz

 

Im Haus von Max Wehrli findet Schapers Familie ab September 1947 eine erste Unterkunft. Auch Rudolf Kassner, dessen Walliser Grab Schaper pflegen wird, war hier oft Gast. Nach Estland, Finnland und Schweden beginnt für seine dreizehn und elf Jahre alten Töchter ein vierter Versuch der Inkulturation. Die in der Familie gepflegte Umgangssprache ist das Schwedische. Schon im estnischen Haapsalu und in Helsinki lebte die Familie in einer weitgehend schwedischsprachigen Umwelt. Nun müssen die Kinder neben der deutschen Sprache auch die Dialekte der Kantone lernen. Nach verschiedenen Wohnungswechseln im Kanton Zürich und Berner Oberland, zieht die Familie ins katholische Wallis. Schaper sah in diesem Kanton ein Grenzland mit jenem Gemisch der Sprachen und Kulturen, dessen Aura er seit Kindheitstagen liebte. Wie in Estland versuchte er auch im Wallis neben der Familie das Leben eines Einsiedlers zu führten. In Brig werden zwei getrennte Wohnungen in einem Haus gemietet und im oberen Wallis eine Klause, wo Schaper die Hälfte des Jahres in Abgeschiedenheit lebt. Neben einzelnen Terminen ist er jedes Jahr vier Monate auf Lesereise. In der Regel liest er jeden Tag in einer anderen Stadt und nimmt bis zu drei Termine wahr: Vormittags in Schulen, nachmittags in anderen Bildungseinrichtungen und abends in der größten Buchhandlung am Platze mit zweihundert oder mehr Gästen.

 

Nach dem vergeblichen Versuch eines Neubeginns in der Insel erschienen seine Werke in Peter Schifferlis Verlag „Die Arche“, er wird Autor des aus dem Exil zurückgekehrten jüdischen Konvertiten Jakob Hegner, publiziert bei Artemis und im Fischer Verlag. Das Werk wird in den kommenden Jahrzehnten mit zahlreichen Preisen gewürdigt, der Autor wird Mitglied des PEN, des Schweizerischen Schriftstellerverbandes und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Bücher gehören zur Pflichtlektüre in den Schulen und erreichen eine Gesamtauflage von über sechs Millionen. Schaper ist in zahlreichen Radiofeatures für Radio Bremen, Sender freies Berlin, das Schweizerische Radio und andere Sender, durch ausgedehnte Lesereisen und Vortragstätigkeit präsent.

 

Albert Carlen, der als Schriftsteller, Erzieher und Priester eine lokale Größe im oberen Wallis war, führte Edzard Schaper und Alice Pergelbaum zur Konversion. Das Ehepaar wurde am 1. Oktober 1951 durch Abt Benno in Einsiedeln gefirmt. Die Walliser waren stolz auf den weitgereisten Autor, ernannten ihn zum Ehrenburger zweier Gemeinden, vermittelten die Verleihung einer Ehrendoktorwürde von Fribourg und konnten schließlich in Schaper einen Schweizer Bürger begrüßen. Der Autor erduldete diese Ehrungen und widersprach auch nicht dem Vergleich mit Rainer Maria Rilke, dessen heimisches Gegenbild die Oberwalliser in ihm sehen wollten.

 

In Estland und Karelien war Schaper tief beeindruckt vom Glauben der verfolgten Christen aus der russischen orthodoxen Tradition, und während der dunklen Jahre in Schweden fand er Trost in den seelsorgerlichen Gesprächen mit Bo Giertz, dem späteren Bischof von Göteborg.  Die Gründe für seine Konversion sind gewiss nicht nur im Ortswechsel und einer Anpassung an Walliser Erwartungen zu suchen, wenngleich die konfessionelle Enge der Fünfziger Jahre nicht übersehen werden darf. Schapers religiöse Sozialisation war lutherisch, und in dieser Spiritualität mit ihren Liedern, ihrer Kreuzesmystik und dem Vertrauen allein auf die Gnade noch in der Erfahrung des verborgenen Gottes (deus absconditus) blieb er auch nach seiner Konversion verwurzelt. Katharina Kippenberg hatte gegenüber ihrem Jungautor von den Kreuzwegen der Geschichte gesprochen: Kreuzwege seien nicht nur Stationen des Leidens, sondern sie markierten jene geheimnisvollen Orte, wo die Schätze des Lebens vergraben liegen.

 

Das Kreuz bildet das zentrale Symbol in Edzard Schapers Werk. Es markiert den Ort einer geheimnisvollen Wandlung, durch die Schaper in den Grenzerfahrungen seines Lebens immer wieder geschritten ist. Deshalb konnte er sein Leben als „Verhängnis“ sehen und annehmen. Jede Autorschaft hat eine Mitte. Um sie kreist das Werk. Schapers Sendung findet  ihre Mitte in dem Imperativ: „Nimm dein Verhängnis an!“ Diese Aufforderung lädt nicht nur zur Aussöhnung mit dem eigenen Leben ein, sondern vertraut einem unsichtbaren großen Plan hinter allen verworrenen Wegen, Brüchen und Umbrüchen. Sie ist kein glorreicher Triumph des Glaubens über die Geschichte, sondern eine letzte stille Gewissheit der sterbenden Kirche, in der auch der vierte König sein Leben aushaucht. Edzard Schaper hat auf dem Hintergrund der Erfahrung des 20. Jahrhunderts und trotz aller Erschütterungen, die durch seine eigene Seele gingen, noch einmal von jenem dem Leben abgerungenen Gottvertrauen geschrieben, das seinen Ausdruck in den Liedern des Barock gefunden hat. Deshalb konnte er – die Grabinschrift Paul Flemings zitierend - durchaus selbstbewusst seinen einmaligen Ort in der Geschichte der deutschen Literatur seines Jahrhundert hervorheben: „Kein Landsmann sang mir gleich!“

 

Dieser Selbsteinschätzung folgte der bekannte Schweizer Literaturwissenschaftler Robert Faesi in einem Grußwort zum 60. Geburtstag des Autors (1968): „Erst 60, und welche Ernte! Bewunderungswürdig, nach Quant- und gar Qualität und erst recht angesichts der Widerstände, die ein stürmisches, schwieriges Leben Ihnen auferlegte. Wie fanden Sie Mut und Kraft, ihm gewachsen zu sein und so Erstaunliches abzugewinnen. Ich kenne keinen, der gleiches Lob verdiente.“

 

Schapers Glaube ist alles andere als eine billige Gnade, eine Illusion oder eine Vertröstung auf bessere Zeiten und eine andere Welt. Wo Schaper den Himmel beschwört, da bleibt er erdgebunden. Max Wehrli, der schon Anfang der Vierziger Jahre an der Universität Zürich Vorlesungen über den Roman „Der Henker“ hielt und den Schaper als einzigen Interpreten seines Werkes anerkannte, betont daher zu Recht: „Der dichterische Impetus, der dieses Werk hervorgetrieben hat, gilt ja zugleich einer Wirklichkeit, die spontan, wach und sicher ergriffen ist. Er zeugt von einer Liebe zur geschöpflichen Welt, gerade, wo sie verloren und verlassen scheint. Es kommt zu unvergesslichen Schilderungen von genau und liebevoll beobachteten Menschen und Lebensräumen gerade in ihrer Vergänglichkeit oder ihrem Elend: sei es nun das Leben auf einem baltischen Gutshof oder das eines Walliser Hirtenjungen im Binntal. Und wenn immer wieder einmal Soldaten und Priester als stille Helden erscheinen, so vertreten sie ein Leben als Dienst an objektiven Ordnungen, und sei es auch auf verlorenem Posten.“

 

 

 

Die Legende vom vierten König

 

 

Schaper erprobt die Möglichkeit eines Lebens trotz Geschichte an gebrochenen Helden. Die herausragende Gestalt unter ihnen ist der geistig behinderte „vierte König“. Er hat in einem russischen orthodoxen Kloster an der estnischen Grenze Zuflucht gefunden, entgeht aber im letzten Moment dem Zugriff der SS-Soldaten, die ihn in ein Vernichtungslager deportieren wollen. Seine Hilflosigkeit, sein Verstummen, sein vollständiges Angewiesensein auf Hilfe wird zum paradoxen Symbol des Glaubens, das man als Beispiel für eine „Theorie der Unbegrifflichkeit“ (Hans Blumenberg) deuten könnte: Gott lebt, weil der vierte König lebt. Schapers Werk erzählt nicht nur von Grenzen und Grenzgängern, sondern ist selbst ein metaphysischer Grenzgang. Indem er Lebensbilder von den Kreuzwegen des Unbekannten und Unerforschten erzählt und in ihnen als eine Art transzendenter Hintergrundstrahlung das „Verhängnis“ andeutet, bricht er den Absolutismus der Geschichte. Das Leben selbst ist für Edzard Schaper der Ort der Epiphanie. Wie die Ikonen, so bergen Schapers Erzählungen ein geheimnisvolles Licht.

 

Die Geschichte kann noch in ihrem größten Schrecken zum Ort der Erfahrung einer unzerstörbaren Freiheit werden. Davon wollte ein zunehmend saturiertes Bürgertum in den Sechziger und Siebziger Jahren nichts mehr hören. Schaper gehörte schon in seinen von schwerer Krankheit gezeichneten letzten Lebensjahren im deutschsprachigen Raum zu den vergessenen Autoren. Mit der Befreiung des Baltikums und der staatlichen Unabhängigkeit Estlands wurde sein Werk zuerst von Germanisten und Kulturwissenschaftlern in Nordosteuropa wiederentdeckt. Edzard Schapers Werk ist ein einmaliges authentisches Lebenszeugnis von den Rändern Europas, in denen zugleich die Mitte Europas aufleuchtet. Es wird wie die Ikone vom vierten König lebendig bleiben.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Kurt Cardinal Koch

 

Edzard Schaper als ökumenischer Grenzgänger

 

Ansprache bei der Präsentation des Buches von Uwe Wolff

„Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts“

in der Apostolischen Nuntiatur in der Schweiz in Bern

am 7. November 2012.


 

 

 

 

„Man macht eben nicht ungestraft eine Reise in die Provinzen seines Herzens – und geht dann wieder in das Exil seines Verstandes.“ Dieses auf den ersten Blick änigmatische, tiefer gesehen jedoch aufschlussreiche Wort in einem Brief Edzard Schapers aus dem Jahre 1949 führt uns in das innerste Geheimnis seines Lebens und seines schriftstellerischen Wirkens: Edzard Schaper war in seinem ganzen Wesen ein Grenzgänger, und zwar seit seiner Geburt. Dies gilt bereits von seiner äusseren Biographie, die ihn von Deutschland über Estland, über Finnland und Schweden in die Schweiz geführt hat. Indem er an den Grenzen von Nordosteuropa in einer Zeit grosser Umbrüche und weit reichender Umwälzungen gelebt hat, ermöglicht Uwe Wolffs faszinierende Biographie Edzard Schapers auch eine Reise im Geist durch Europa und seine ebenso grosse wie tragische Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Als ein Mensch, dessen Passion das Schreiben gewesen ist und der wegen der Freimütigkeit seines Denkens und Schreibens sowohl vom sowjetischen Russland als auch vom nationalsozialistischen Deutschland zum Tode verurteilt worden ist und sich deshalb immer wieder auf der Flucht befunden hat, bis er in der Schweiz eine gewisse Heimat gefunden hat, bringt er das scharfe Licht des Schriftstellers in das Dunkle der europäischen Geschichte, das wir nie der Vergessenheit anheimgeben dürfen.

 

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Ein Grenzgänger war Schaper aber auch in seiner inneren Biographie. Auch sie hat ihren Ort an der Grenze. Seine immer wieder eintretenden Nervenzusammenbrüche zeigen die Grenzen  in seinem psychischen Leben, das auch von Suizidgedanken nicht frei gewesen ist, in dem er sich aber immer wieder auch mit der therapeutischen Kraft des Schreibens aufrichten konnte. „Das hohe Mass an Produktivität war die Kehrseite seiner Traurigkeit“ (284): Mit diesem Satz hat Uwe Wolff den inneren Grenzgang in der Biographie Schapers wohl meisterhaft und sensibel zugleich zum Ausdruck gebracht. Von daher wird es nicht überraschen, dass auch Schapers religiöses Denken und seine Spiritualität das Kennzeichen der Grenze tragen, nämlich die Grenze zwischen Schuld und Erlösung, die Grenze zwischen Tod und Auferstehung, die Grenze zwischen Karfreitag und Ostern und in allem die Grenze zwischen Anfechtung und Gnade. Dass es keinen Glauben ohne Anfechtung, keine Gewissheit ohne Zweifel und deshalb auch keine Erlösung ohne Versuchung geben kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biographie Schapers und dürfte sie gerade für die vielen suchenden Menschen von heute existenziell in besonderer Weise zugänglich machen.

 

Ein Grenzgänger war Edzard Schaper vor allem auch in ökumenischer Hinsicht, der wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen wollen. Wiederum gilt dies zunächst von seiner äusseren Biographie: Seine Kindheit und Jugend hat er in evangelischer Frömmigkeit und lutherischer Umgebung vollbracht, dann kam er in Kontakt mit dem östlichen Christentum und begegnete orthodoxen Christen und Christinnen, die in der Verfolgung ihre Treue zum Glauben bewährt haben, und schliesslich liess er sich in der katholischen Kirche beheimaten, in die er im Jahre 1961 in der Klosterkirche Einsiedeln aufgenommen worden ist. Seine Konversion zur katholischen Kirche hat Schaper aus tiefer Überzeugung vollzogen, genauerhin in der Gewissheit, die er in einem Brief aus dem Jahre 1954 dahingehend ausgesprochen hat, dass Gottes Kirche „in allen Konfessionen, sicher aber trotz allem am gegenwärtigsten in der katholischen Kirche“ ist. Wenn er in demselben Brief seine Konversion dahingehend gedeutet hat, „dass man katholisch werden muss, um evangelisch sein zu können“, und dass „uns aufgegeben ist, die unverlierbaren Entdeckungen des protestantischen Zeitalters heimzuholen in einem katholischen Sinn“, dann zeigt Schaper damit, dass er seine Konversion nicht in einem konfessionalistischen Sinn verstanden hat, sondern von einem weiten Begriff des Katholischen ausgegangen ist, den er mit seiner Überzeugung zum Ausdruck gebracht hat, „dass Gottes Kirche quer durch alle Konfessionen geht“. Und wenn er in seinem Buch „Die sterbende Kirche“ schreibt, dass alle Kirchen „gut für die Seele“ sind, „die da glauben will und Gott sucht“ (333), dann geht es Schaper elementar um eine Ökumene der glaubenden Herzen, die nicht Christen von anderen Kirchen abwerben und aus ihnen Konvertiten machen, sondern Christen auch in anderen Kirchen in ihrem Glauben an Christus stärken will.

 

Bei der Lektüre von Schapers Biographie und insbesondere seiner ökumenischen Überzeugungen  kam mir unwillkürlich eine ähnliche ökumenische Vision, und zwar ebenfalls eines Schriftstellers in den Sinn, nämlich Solowjevs „Kurze Erzählung vom Antichristen“. Sie ist von der Gewissheit getragen, dass auf der einen Seite im Augenblick der letzten Entscheidung vor Gott sichtbar werden wird, dass in allen drei Gemeinschaften, nämlich bei Petrus, Paulus und Johannes, Parteigänger des Antichrist leben, die mit ihm gemeinsame Sache machen, dass aber auch in allen drei Gemeinschaften wahre Christen leben, die dem Herrn bis in die Stunde seines Kommens hinein die Treue halten, und dass sich auf der anderen Seite vor dem Angesicht des wiederkommenden Christus die Getrennten um Petrus, Paulus und Johannes als Brüder und Schwestern erkennen werden. Mit dieser Erzählung will Solowjev gewiss nicht die Einheit der Christen ans Ende der Tage verschieben oder auf die Zeit nach der Wiederkunft des Herrn vertagen. Auch wenn die endgültige Scheidung zwischen den Parteigängern des Antichrist und den treuen Gefährten Christi erst am Ende der Tage geschehen wird, will Solowjev gerade dazu einladen und herausfordern, dass die Christen einander bereits jetzt mit den Augen des wiederkommenden Christus betrachten, in denen Petrus, Paulus und Johannes unlösbar zusammengehören. Wahrhafte Ökumene heisst von daher, und jetzt mit Worten von Papst Benedikt XVI. und in Anlehnung an Solowjev formuliert, dass alle Christen „schon jetzt im eschatologischen Licht leben, im Licht des wiederkehrenden Christus“ und dass sie, wenn sie unterwegs zum wiederkommenden Christus sind, auch unterwegs zur Einheit untereinander sind und bereits als Getrennte eins sein können, nämlich im gemeinsamen Glauben an Christus.

 

Darin besteht die Ökumene der glaubenden Herzen, von der Edzard Schaper Zeugnis gibt. Er hat sie aber noch weiter vertieft mit der Beherzigung jener Wirklichkeit, die er in seinem Buch „Die sterbende Kirche“ eingehend beschrieben hat, nämlich den wahrnehmbaren Verfall der christlichen Tradition und die neue Realität der Christenverfolgung. Die Erfahrung des gemeinsamen Martyriums von lutherischen Theologen und orthodoxen Bischöfen im Baltikum hat ihn zur Erkenntnis dessen geführt, was wir heute Ökumene der Märtyrer nennen und was in der heutigen Welt eine ganz neue Aktualität gewonnen hat, weil 80 % aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt sind , Christen sind, weil die Kirche am Ende des Zweiten und am Beginn des Dritten Jahrtausends erneut Märtyrerkirche geworden ist und weil dabei alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihre Märtyrer haben. Schapers „sterbende Kirche“ liest sich heute deshalb auch wie eine Vorahnung dessen, was erst noch kommen sollte.

 

Die Ökumene der Märtyrer enthält bei aller Tragik auch eine schöne Verheissung: Trotz des Dramas der Kirchenspaltungen haben die standfesten Glaubenszeugen in allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften gezeigt, wie Gott selbst bei den Glaubenden die Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens bezeugten Glaubens auf einer tieferen Ebene aufrecht erhält. Während wir Christen und Kirchen auf dieser Erde noch in einer unvollkommenen Gemeinschaft zu- und miteinander stehen, leben die Märtyrer in der himmlischen Herrlichkeit bereits jetzt in voller und vollendeter Gemeinschaft. Die Märtyrer sind deshalb, wie Papst Johannes Paul II. eindrücklich hervorgehoben hat, „Beweis dafür, dass in der Ganzhingabe seiner selbst an die Sache des Evangeliums jedes Element der Spaltung bewältigt und überwunden werden kann“. Bei der Ökumene der Märtyrer bestätigt sich erneut die Überzeugung der Alten Kirche, dass das Blut der Märtyrer der Same der Kirche ist, so dass wir auch heute in der Hoffnung leben dürfen, dass sich das Blut der Märtyrer im vergangenen und gegenwärtigen Jahrhundert als Same der vollen Einheit des Leibes Christi erweisen wird.

 

Die Ökumene der Märtyrer, die das Lebenswerk Edzard Schapers begleitet, erweist sich damit als der innerste Kern jener Ökumene der glaubenden Herzen, die sein ökumenisches Vermächtnis darstellt und die heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Wenn ich richtig sehe, geht heute in der Ökumene die eigentliche Scheidelinie quer durch die Kirchen hindurch, nämlich zwischen jener heute vor allem in der Öffentlichkeit dominierenden liberalen katholisch-evangelischen Ökumene, die die Glaubensunterschiede überspringt und eigenmächtig ihre eigenen Ziele verfolgt, und jener geistlichen Ökumene, die an die Ursprünge der Ökumenischen Bewegung zurück geht und darum weiss, dass die Einheit bei allen unseren menschlichen Anstrengungen letztlich das unableitbare Geschenk Gottes ist, dass aber gerade das gemeinsame Beten um dieses Geschenk die Christen schon heute vereint. Wenn Edzard Schaper von sich bekannt hat, als Katholik wolle er „nichts anderes sein als der letzte orthodoxe Lutheraner“, dann will er dies gewiss nicht im Sinne der liberalen, sondern im Sinne der geistlichen Ökumene verstanden wissen. Darin erblicke ich das ökumenische Vermächtnis des Grenzgängers Schapers, für das wir dankbar sein dürfen und mit dem wir in eine gute ökumenische Zukunft hinein gehen können.

 


 

 

 

 

”Das Wunder am Wegesrand

 

 

 

 

Ein Wunder am Wegesrand


 

Den Vormittag hatte ich im Zentrum Paul Klee unter Engeln verbracht. Klees Engel bringen den Himmel auf die Erde. Vom Wunder im Alltag sprach auch die Video-Installation der finnischen Künstlerin Eija-Liisa Ahtila (*1959). Mit einer Frauengruppe und vielen Tieren hatte sie die Begegnung zwischen Maria und dem Engel Gabriel in die Wälder des Nordens verlegt.

 

Ich war nach Bern gekommen, um meine Biographie über Edzard Schaper (1908-1984) vorzustellen. Dieser Schriftsteller hatte eine Erfahrung gemacht, die viele Menschen teilen: Die Zeiten ändern sich rasch und manchmal dramatisch. Nicht alles ist so gelaufen, wie wir es uns gewünscht haben. Das alte Leben kommt an eine Grenze, es gilt Abschied zu nehmen. In seiner unersterblichen Legende vom vierten König hat Edzard Schaper aber auch gezeigt, dass in jeder Grenzerfahrung zugleich eine große Chance liegt, endlich bei sich selbst und der Wahrheit des eigenen Lebens anzukommen.

 

Schaper hatte ein abenteuerliches Leben. Er wurde von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt. Er lebte in Estland, Finnland und Schweden, bis er 1947 Zuflucht in der Schweiz fand. Wenn er Bern besuchte, dann bewirteten ihn Schweizer Freunde wie Max Wehrli, Ernst Uhlmann oder Heinrich Blass-Laufer im Casino oberhalb der Aare, im Bellevue oder im Schweizer Hof.

 

Nach meinem Besuch von Klees Engeln trank ich eine Schokolade in einem dieser Häuser, besuchte Schapers letzte Wohnung in der Nähe des Bärengrabens und schlenderte anschließend durch die Arkaden in der Berner Altstadt. Da geschah eines jener Wunder am Wegesrand, von denen unser Leben voll ist. Wir müssen nur die Türen des Herzens öffnen für den Flügelschlag des Engels. Auf einem Steinsockel lag „Die Legende vom vierten König“. Auf den brauen Umschlag war mit geübtem Schwund ein goldener Engelflügel gemalt worden. In dem Buch fand ich goldenes Engelhaar und ein Lesezeichen. Auf ihm stand die Anschrift eines Antiquariates in der Kramgasse. Es war ein Geschenk.

 

„Einen Engel erkennt man erst, wenn er vorübergegangen ist“, sagt ein altes Sprichwort. Jede Lebensstufe schenkt uns neue Erfahrungen. Je älter ich werde, desto deutlicher sehe ich das Netzwerk meines Lebens. Nichts geschah zufällig, alles war Fügung. Edzard Schaper erzählt von den hellen und dunklen Stunden. Über beiden haben die Engel ihre Flügel ausgebreitet.

Jetzt wusste ich, worüber ich am Abend sprechen sollte. Zur Buchvorstellung in der Apostolischen Nuntiatur waren auch die Botschafter Estlands und Finnlands gekommen, dazu Gesandte aus Polen und Schweden. Vielleicht muss man sich erst von sämtlichen Erwartungen befreit haben, um Würdigungen dieser Art zu erfahren. Als Schaper im Berner Inselspital seinem Herzleiden erlag, glaubte er, vergessen zu sein. Er irrte sich. Das Leben öffnet sich immer wieder neuen Horizonten.

 

 

 

 

Edzard Schaper winkend 1970