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Durch die Wüste: Einkehrtage mit Benediktinerinnen

 

 

Wüßtest du,
was in der fernsten Ferne
hilfebringend,
hilfesuchend
deiner und deiner Arbeit
wartet!
(Karl Foerster)

 

 

 

Isenheimer Altar

 

Klöster sind Siedlungen in der Wüste. Hier lenkt nichts ab vom Blick auf die Mitte. 1998 leitete ich im Kloster Mariastein Einkehrtage für die Novizenmeister und –meisterinnen der Benediktiner- und Zisterzienserklöster. Hier lernte ich Schwester Ruth Nussbaumer und P. Martin Werlen kennen, P. Rudolf Ludwig Ziegerer und P. Guido Muff. Thema war die Bedeutung der Engel in der Regel des Heiligen Benedikt. Zwei Jahre später widmeten wir uns im Kloster Engelberg den Dämonen in der Vita des Heiligen Antonius. Der Wüstenvater Antonius (250-354 n.Chr.) lebte bis zum 18. Lebensjahr wie alle anderen. Da wurde sein Leben aus der Bahn geworfen. Seine Eltern starben. Sie hinterließen ihm ein großes Vermögen. Doch sein Herz fand keine Ruhe. Was suchte er? Antonius nannte es den „Schatz im Himmel“. Eine Ahnung erfüllte ihn, wo dieser unvergängliche Schatz zu finden sei. Er spürte, dieser „Schatz im Himmel“ gehörte zur Mitte seiner Person, zu jenem innersten Bezirk, der geheimnisvoll und tief verborgen im Labyrinth seines Herzens lag. Der „Schatz im Himmel“ war sein Wesenskern und doch zugleich mehr. Das ließ sich eben nicht in Worte fassen. Doch ein anderer fand Sprache für ihn. Er hörte das Wort Jesu: „Trenne dich von deinem  irdischen Schätzen, und du wirst einen Schatz im Himmel empfangen!“ Antonius verschenkte seinen Besitz bis auf einen Teil, der seiner Schwester zu Bestreitung des Lebensunterhaltes dienen sollte. Damit begann sein Weg zur Mitte. Er vollzog sich in sieben Stufen.

 

Erste Stufe: Loslassen. Der Wunsch, etwas zu besitzen ist tief in uns verankert. Wir schmücken unser Zimmer mit Bildern, sammeln CDs mit der Musik, die uns in Schwingung versetzt. Wir halten Urlaubseindrücke auf Photos und Videofilmen fest. Wir sammeln alte Briefe. Wir richten uns ein, bauen ein Haus, gestalten einen Garten. Die Welt soll Heimat werden. Doch gibt es Lebensphasen, wo uns das Angesammelte zu ersticken dort. Wir räumen auf, sortieren, entscheiden uns für das Wesentliche und trennen uns vom unwesentlich Gewordenen. Der Gang zur Mitte beginnt mit solchen „Aufräumphasen“. Wir spüren, dass wir uns von unnötigem Ballast trennen müssen, um das Wesentliche zu finden. Antonius ist ein Meister im Loslassen: Ich brauche das alles nicht. Es ist unwesentlich. Es bringt mich nicht weiter.

 


tl_files/engelforscher/uwes_uploads/Wunderbare Bilder von Juergen Hohmuth.jpg

 

 

Zweite Stufe: Die Stille aushalten. Antonius geht in die Einsamkeit und lernt sie auszuhalten. Aber er sucht auch das Gespräch mit Menschen, die sich wie er auf den Weg zum Unvergänglichen gemacht haben. Seit er auf den Besitz verzichtet hat, ist er reich an Zeit für das Wesentliche. Der Raum der Stille ist ein Ort für neue Erfahrungen. Gelegentlich besucht er spirituelle Lehrer, um Anregungen für seinen eigenen Weg zu bekommen. Dabei entwickelt er ein Gespür für das Authentische. Jahrzehnte später, als Antonius selbst den ganzen Innenraum des Labyrinthes seines Herzens durchschritten hat und zum spirituellen Lehrer geworden ist, wird er eine Grundregel formulieren, mit der er  seine frühen Erfahrungen im Haus der Stille zusammenfasst: Lehre nur, was du selbst erfahren hast!

 

 

 

Dritte Stufe: Die Zeit wird lang. Die Tage des Spleens bleiben nicht aus. Tage der Ungeduld, Tage des Zweifels, Tage, wo Antonius das Gefühl hat, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.  

 

Er denkt an seine Verwandten.

Er sorgt sich um seine Schwester. War es richtig sie verlassen zu haben? Wer sich selbst finden will,  muss seinen eigenen Weg gehen, gewiss. Doch ist der eigene Weg jedes Opfer wert? Wo ist  die Grenze zwischen Selbstfindung und Egoismus?

 

Er denkt seinen Besitz.

Er hatte einen Teil der Schwester überlassen, den anderen verschenkt, um frei zu sein. Er ist willensstark  und ehrgeizig. Er hätte etwas in der Welt bewirken können. Wem hatte er mit seinem Verzicht auf Besitz geholfen?

 

Er denkt an die kleinen Freuden des Lebens.

Gutes Essen, guter Wein, Gespräche mit Freunden. Was ist gewonnen, wenn  er auf diese Genüsse verzichtet? Gewiss fördert eine bewusste Ernährung die Gesundheit und steigert die Seelenkräfte, übt man sich darin auf Zeit. Doch warum auf die Gaumenfreuden ganz verzichten? Wem dient sein Verzicht?

 

Er denkt an die Länge der Zeit.

Das Leben in der alten Welt hatte Zerstreuung geboten, aber auch sinnvolle Nutzung der Lebenszeit. Der Tag war gefüllt mit konkreten Aufgaben. Ist es nicht ein Segen, keine Zeit zu haben? Nicht nachdenken zu müssen? Nicht in Erwartung zu sein? Wie lange werde er noch unterwegs sein?

 

Er denkt an die Schönheit der Frauen.

Er ist ein Mann. Die Körper der Frauen sind weich und warm. Bilder voller Leidenschaft steigen aus der Tiefe seiner Seele empor. Die lange Zeit der Enthaltsamkeit hatte seine Sinne geschärft und nun ist es ihm, als wäre eine Schönheit körperlich gegenwärtig.  Er spürt, wie sich seine Männlichkeit regt und empfindet dies zugleich als Beschämung und Ablenkung von dem inneren Weg.

 

Heiliger Antonius

 

Vierte Stufe: Den Kampf aufnehmen. Antonius zieht nilaufwärts in die Wüste. Am Hang des Berges Pispir sucht er ein Felsengrab. Er geht hinein und schließt die Tür. Später wird er sagen: Wer  in die Abgeschiedenheit gehe und zur Ruhe komme, halte sich aus einem dreifachen Kampf heraus: aus dem Kampf des Hörens, des Sprechens und des Sehens. 

 

Jetzt öffnen sich die Augen seiner Seele und die Ohren des Herzens.

Hunde kläfften, Löwen brüllten, Wölfe jaulten, Schlangen züngelten, ein Stier senkte sein Haupt zum Angriff. Martin Schongauer, Matthias Grünewald, Joachim Patinir, Salvador Dali haben diese Urzene der Begegnung mit dem Unheimlichen ins Bild gesetzt, Gustave Flaubert hat sie nachgedichtet.

Warum ist der Weg zur Mitte so schwer? Warum kommt ihm niemand in seinen Anfechtungen zu Hilfe? Da sieht Antonius eine Lichtgestalt. Sein Atem geht ruhiger.

 

Er fragt:

Wo warst du?

Warum bist du nicht zu Anfang gekommen,

um meine Qualen zu beendigen?

 

Die Lichtgestalt antwortet:

Antonius, ich war hier,

aber ich wartete dein Kämpfen zu sehen.

Da du den Streit bestanden hast,

ohne zu unterliegen,

werde ich dir hilfreich sein.

 

 

Fünfte Stufe: Selbsterkenntnis. Woher kommen die Gestalten? Sind es Bilder aus der eigenen Seelentiefe, sichtbar gewordene Schattenwelt, Projektionen des Unbewussten? Ist es die Erfahrung einer realen überweltlichen Macht der Geister, für die das menschliche Auge im Alltag blind ist? Athanasius schreibt in seiner Vita des Heiligen Antonius:

 

„Wir wollen überlegen und immer beherzigen, dass die Feinde uns nichts tun werden, da der Herr mit uns ist. Denn wenn sie erscheinen, verhalten sie sich selbst gegen uns, wie sie uns antreffen, und nach den Gedanken, die sie in uns finden, gestalten sie auch ihre Trugbilder. Wenn sie uns feige und in Verwirrung finden, dann eilen sie sogleich herbei wie Räuber, die einen Platz ohne Bewachung treffen; und was wir von uns selbst denken, das vergrößern sie noch obendrein. Wenn sie uns furchtsam und feige sehen, dann vermehren sie die Mutlosigkeit durch ihre Erscheinungen und Drohungen, und die arme Seele wird damit gefoltert.“

 

 

 

Sechste Stufe: Heiterkeit der Seele. Wie lange dauert der Weg zur Mitte? Sieben Jahre? Ein Jahrzehnt? Ein ganzes Leben? Antonius findet die Mitte in der Mitte seines Lebens. Ist das Zufall oder Fügung? Antonius ist 52 Jahre alt, als er den unvergänglichen „Schatz im Himmel“ findet. Er ist frei geworden. Wovon?  Von sich selbst und der Sorge um das Heil seiner Seele. Die Heiterkeit seiner Seele drückt seinem Gesicht einen Stempel der Freude auf. Zahllose Menschen mit seelischen oder körperlichen Leiden suchen Heilung durch ihn. So wird er zum Therapeuten, Seelsorger, Heiler und Lehrer.

 

 

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Siebte Stufe: Gelassenheit. Die lange Einsamkeit hat seine Sinne geschärft und sein leuchtender Blick ermuntert die Menschen, ohne Umschweife zum Wesentlichen zu kommen. Ins Wesentliche zielen auch die Ratschläge, die Antonius gibt. Sie sind echte Lebenshilfe, weil sie dem eigenen Leben abgerungen sind. Er sagt: „Habe das Licht stets vor Augen! Lies die Heilige Schrift! Wo du auch sitzt, da geh nicht so schnell wieder fort!“

 

Es kommt ein ehrgeiziger Mensch. Bei einem Meister hatte er die Kunst des Bogenschießens geübt. Da er Antonius in heiterem Gespräch bei gutem Essen antrifft, ist er entsetzt und macht  ihm  Vorwürfe. Antonius sagt: „Lege einen Pfeil auf deinen Bogen und spanne die Sehne!“ Der Bogenschütze legt den Pfeil auf den Bogen und spannt die Sehne. Dann hält er sie mit aller Kraft und voller Konzentration gespannt. Antonius fordert den Schützen auf, die Übung zu wiederholen. Wieder spannt er den Bogen. Dann wird er ein drittes Mal zu der Übung aufgefordert. Der Bogenschütze sagt: „Ich sehe, dass du von der Kunst, den Bogen zu spannen, nichts verstehst. Denn wenn ich weiter so fortfahre, wird er zerbrechen.“ Antonius antwortet: „So ist es auch mit der Suche nach dem Vollkommenen. Wenn wir uns über das rechte Maß hinaus anstrengen wollten, dann würden wir ziemlich schnell zerbrechen. Es ist also angebracht, die Anspannung dann und wann zu lockern.“

 

Der Weg beginnt mit dem Loslassen.

Er mündet in Gelassenheit.

Gelassenheit heißt Leben aus der Mitte.

 

 

 

 

Literaturhinweise:

Uwe Wolff. Die Reise ins Labyrinth. Unterwegs zur eigenen Mitte. 2001.

Uwe Wolff. Labyrint. Cesta k vlastnímu strchedu. 2003

Uwe Wolff/Jürgen Hohmuth. Labyrinthe. Pilgerwege der Seele. 2004.

Uwe Wolff/Jürgen Hohmuth. Alles über Labyrinthe und Irrgärten. Unterwegs mit Zeppelin und Kamera. 2006.