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Herwig Blankertz :

Wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?

 

 

 

Jeder Mensch hat eine Sendung. Dass sie erkannt, geweckt und gefördert wird und sich in der Lebenszeit fruchtbringend entfaltet, ist auch abhängig vom Glück der Begegnung mit Lehrern.

 

An meiner Berufung zum Lehrer habe ich nie gezweifelt. Die kirchliche Jugendarbeit bot genügend Herausforderungen zur Erprobung und Bewährung. In der Schule las ich jene pädagogischen Schriften, auf deren Autoren mich Stefan Blankertz (*1956) aufmerksam machte: Paul Goodman, John Holt, Gustav Landauer, A.S. Neill, Leo Tolstoj. Dass Stefan für den Fischer Verlag die Werke Paul Goodmans aus dem Amerikanischen übersetzte und zugleich eine Fünf in Englisch bekam, gehört zu jenen Paradoxien eines Schulsystems, das es durch eine neue Pädagogik zu überwinden galt. 

 

Stefan Blankertz und Götz Alsmann (*1957) besuchten mit mir das Schlaun-Gymnasium in Münster. Anfang der Siebziger Jahre gehörten beide zu jenen Schülern, die Flugblätter und Broschüren verteilten. Unmittelbar vor Beginn des Unterrichts in einer Sprit-Carbon-Vervielfältigungsmaschine hergestellt, rochen sie nach Alkohol. Wir atmeten ihn  begierig ein. Stefan Blankertz verteilte „Do it!“ und „Neue Viehzucht“ und  Götz Alsmann „BIX“. Bix Beiderbecke (1903-1931) war sein Idol, ein amerikanischer Musiker und Komponist. Gemeinsam schrieben Götz und Stefan das Buch „Rock’n’Roll subversiv“ (1979). Ein Rückblick auf diese ersten Schriften bestätigt, was für uns alle gilt: Die Gestalt ist von Anfang an da.

 

Gelegentlich besuchte ich Stefan in Gievenbeck, wo einige Professoren mit ihren Familien wohnten. Sein Vater war eine Berühmtheit. Aber das wusste ich nicht. In seiner natürlichen Güte und Zuwendung wirkte er auf mich wie ein Priester. Dieser Eindruck wurde durch einen schwarzen Anzug mit Stehkragen und ein weißes Hemd, wie es Geistliche tragen, unterstützt. Blankertz war Katholik, wurde aber von seiner Kirche exkommuniziert, als er in den Fünfziger Jahren evangelisch heiratete. Warum begleitete mich die Erinnerung an diese Amtstracht über Jahrzehnte, sodass ich mir eines Tages in Straßburg einen ähnlich geschneiderten Samtanzug mit Stehkarten von Armani kaufte, den ich bei offiziellen Anlässen wie Staatsexamensprüfungen als eine Art Schuluniform trug? Vielleicht weil der Schulmeister ein heiliges Amt versieht, wenn er ihm anvertraute Seelen auf dem Lebensweg begleitet?

 

Damals saßen wir am runden Familientisch zu einem gemeinsamen Mittagessen: Stefan, Gisela und Herwig Blankertz (1927-1983) sowie ein kleines Geschwister, das etwa zwei Jahre alt war. Zu trinken gab es Cola. Das Kind aber wollte seine Cola nicht aus dem Glas trinken, sondern aus dem Deckel der Flasche. Der Vater füllte den Deckel mit Cola immer wieder auf, bis es seinen Durst auf diese eigenwillige Weise gestillt hatte. Im Laufe des Gespräches fragte er nach meinem Studienwunsch. Ich sprach von der Theologie. Denn ich wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Der große Erzieher hörte mir zu. Dann stellte er folgende Frage:

 

"Sag’ mal, Uwe: Wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?"

 

Ich wusste es nicht, beim besten Willen nicht. Aber die Frage ließ mich nicht mehr los. Sie wird gelegentlich dem Engelforscher Thomas von Aquin zugeschrieben. Zu Unrecht.

 

Bald begann die Zeit des Studiums, damals noch in der Breite eines Studium Generale und in der persönlichen Beziehung zu jenen Professoren, die in väterlicher Zuwendung auch Lehrer, Wegbegleiter und manchmal Seelsorger sein wollten. Ich besuchte eine klar strukturierte Vorlesung über die Geschichte der Pädagogik und zwei Seminare über Jean Jacques Rousseaus „Emile oder über die Erziehung“, ein Buch, dessen Inhalt Blankertz teilweise auswendig kannte. Blankertz' Geschichte der Pädagogik war zugleich eine Geschichte der Kirchenväter und der Theologen der Aufklärung und des Pietismus. Hier war mehr zu holen, als in mancher kirchengeschichtlichen Vorlesung.

 

Die Universität in jenen Jahren war auch ein Ort des Gespräches über die Grenzen der Fakultäten hinweg. So entstanden neue Freundschaften. Es gab die Pädagogik jener Schwätzer und Bildungstheoretiker, die keine zehn Minuten vor einer Klasse durchgestanden hätten, und es gab die Seminare von Herwig Blankertz. Hier begegnete ich Martin Hülsermann, Sohn eines Schulleiters aus dem Ruhrgebiet, der bei Justus Diller über ein Problem der mathematischen Logik promovierte. Der Vater von drei kleinen Söhnen war durch die sehr frühe Eheschließung mit einer gut versorgten Kaufmannstochter finanziell unabhängig und widmete sich der Zucht von Heidschnucken. Die Abende verbrachte er gerne in der Stammkneipe der Tierpfleger des neuen Münsteraner Zoos. Die Wärter des Elefantenhauses und des Primatenzentrums gehörten zu seinen Saufkumpanen.

 

Worüber Martin arbeitete, habe ich nie verstanden. Mehr als eine halbe Stunde pro Tag, könne man sich nicht auf den Feldern der mathematischen Logik bewegen, lautete einer seiner Grundsätze. So hatte er viel Zeit für seine Kinder, das Motorradfahren und die Zubereitung von Heidschnuckenbraten. Martin war ein vorzüglicher Koch und ein exzellenter Kenner der Literatur. In meinem Roman „Papa Faust“ (1982) erinnere ich eines gemeinsamen Urlaubs mit seiner Familie und ihrem Golden Retriever am Limfjord. Martins Frau verbrachte die Zeit in kreativem Müßiggang mit aufwendigen Handarbeiten und fertigte filigrane Stickbilder mit den Motiven von Eva Rosenstand an. Ein idyllisches Familienleben, das mich zur Nachfolge inspirierte!

 

Als Martin sein Studium beendet hatte, setzte ihn seine Frau vor die Tür, kaufte sich ein neues Haus, dazu einen Porsche und zog mit einer Ärztin zusammen. Einer Rechtfertigung bedurfte es nicht, und sie kannte wohl auch nicht das „placet experiri“ (es ist erlaubt, zu experimentieren), den pädagogischen Grundsatz des Erziehers Lodovico Settembrini. Für Thomas Mann war Martin zuständig. Auf das Leitwort berief sich Herwig Blankertz in seinem Aufsatz „Der Erzieher des Zauberbergs“ (1959):

 

„Der ‚Zauberberg’ gibt eine Antwort auf die Frage, kraft welcher Voraussetzungen Erziehung in einer erziehungsfeindlichen Umwelt wirksam werden kann. Die Antwort gelingt in der Gestalt des Lodovico Settembrini; sie weist die Entscheidung für erzieherisches Wollen  und Gelingen der Bedingung zu, dass dem bildsamen, aufgeschlossenen Zögling die Begegnung mit einem seinen geistigen Bedürfnissen entsprechenden Erzieher widerfährt. Wird die individuelle Werthaftigkeit des Schülers in dieser Begegnung getroffen und werden die Bedürfnisse befriedigt, so tritt – wie das Beispiel Settembrini klassisch zeigt -  die vom Lehrer vertretene Inhaltlichkeit in die sekundäre Bedeutung des Mediums zurück; der Erzieher weist als Erzieher über seine eigene Begrenztheit hinaus. ‚Ein großer Lehrer’ – so darf man hier mit Herman Nohl schließen –behält seine Wirkung auch dann, ‚wenn der Inhalt seiner Lehre längst überholt ist.’“

 

(Zauberberg erneut bestiegen. Verlag Büchse der Pandora 1981. S. 78)